Marie Ellenrieder

 

Der schriftliche Nachlass

 

von

 

Edwin Fecker

 

 

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I. Einleitung

 

Der handschriftliche Nachlass der Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder (1791-1863) umfasst mehrere Tagebücher, die zum Teil im Original und zum Teil in Abschrift erhalten sind, sowie eine größere Anzahl von Briefen, von denen bisher nur wenige veröffentlicht wurden.

 

Der erste Abdruck eines Briefes erschien noch zu Lebzeiten der Künstlerin 1862 in der Biographie des Kunstsammlers Sulpiz Boisserée,1 später hat Zingeler 1910 Teile einer Korrespondenz zwischen der Künstlerin und dem Fürsten Karl Anton von Hohenzollern publiziert.2 1925 hat Obser3 einen Brief der Künstlerin aus Rom an den Konstanzer Bistumsverweser Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg teilweise veröffentlicht und Hirsch hat 1928 Briefe zur Entstehungsgeschichte des Altarbildes in der St. Stephanskirche in Karlsruhe abgedruckt.4 Zuletzt hat Jorns zwei Briefe an August Kestner veröffentlicht.5

 

Von den Tagebüchern der Künstlerin ist bisher keines veröffentlicht worden, jedoch wurden immer wieder längere Passagen von verschiedenen Autoren zitiert. Besonders den Autoren des Kataloges der Ellenrieder-Ausstellung 2013 in Konstanz haben die Tagebücher gute Dienste geleistet.6

 

Hier soll der handschriftliche Nachlass möglichst vollständig wiedergegeben werden, sodass die Schriftstücke als zusammenhängendes Gebilde von Form und Inhalt Zeugnis geben von ihrer Zeit und gleichzeitig Schlüssel zu den verborgenen Charaktereigenschaften der Künstlerin sind.

 

Der erhaltene Briefwechsel wird in chronologischer Reihenfolge der Entstehungsdaten dargeboten. Die Briefe werden buchstabengetreu und unter Wahrung der originalen Interpunktion wiedergegeben, grundsätzlich erfolgt keine Normalisierung der Schreibungen. Der spontane Charakter der Texte soll, gemäß heutigen Grundsätzen einer Handschriftenedition erhalten bleiben. Dies gilt auch für die im Original erhaltenen Tagebücher. Ferner werden die Abkürzungen, soweit sie allgemein verständlich sind, beibehalten; sonst werden sie ohne weitere Kennzeichnung aufgelöst. Stillschweigend ausgeführt werden durch Überstreichung geforderte Geminationen. Dagegen ist der Text der nur noch in Abschrift erhaltenen Tagebücher der heutigen Schreibweise angepasst und enthält außerdem überwiegend nur jene Textteile, welche die Künstlerin im Zusammenhang mit ihrem künstlerischen Schaffen niedergeschrieben hat. Dieser Auszug wurde von Clara Siebert, der ersten Biographin Marie Ellenrieders,7 nach drei, heute verloren gegangenen Tagebüchern angefertigt.

 

Bei den originalen Texten bleiben Uneinheitlichkeiten der Schreibung, der Interpunktion, der Grammatik und bei Flexionsendungen erhalten. Vor allem werden Unregelmäßigkeiten bei Getrennt- und Zusammenschreibung oder Groß- und Kleinschreibung erhalten. Werden Eingriffe vorgenommen, so sind sie mit eckigen Klammen gekennzeichnet. Dies geschieht z. B. bei offensichtlichen Verschreibungen, wie bei der versehentlichen Verdopplung eines Wortes oder bei eindeutig wegen Flüchtigkeit oder Textverlust fehlenden Buchstaben oder Wörtern. Stillschweigend ergänzt werden fehlende Ä-Striche, I-Punkte, fehlende Trennungsstriche oder Punkte am Ende eines Satzes.

 

In der Leitzeile zu den Briefen werden die Bibliothek, das Archiv oder die Privatbesitzer genannt und teilweise verkürzt zusammen mit der Archivsignatur folgendermaßen wiedergegeben:

 

                        Staatsbibliothek zu Berlin = StB

                        Universitäts- und Landesbibliothek Bonn = ULB

                        Kunstsammlungen der Veste Coburg = KV Coburg

                        Staatsarchiv Coburg

                        Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen = FFA

                        Fürstlich Fürstenbergische Sammlungen Donaueschingen = FFS

                        Stiftsbibliothek Benediktinerabtei Einsiedeln = SBE

                        E. Fecker Ettlingen

Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M.

                        Erzbischöfliches Archiv Freiburg = EA Freiburg

                        Archiv der Freiherrn v. Gayling Freiburg

                        A. Wintermantel Furtwangen

                        Universitätsbibliothek Heidelberg = Cod. Heid.

                        Badische Landesbibliothek Karlsruhe

                        Generallandesarchiv Karlsruhe = GLA

                        Stadt Köln, Historisches Archiv

                        Universität Köln

                        Stadtarchiv Konstanz

                        Rosgartenmuseum Konstanz = RM Konstanz

                        Thorvaldsens Museum Kopenhagen

                        Archiv der Grafen Douglas Langenstein

                        Universitätsbibliothek Leipzig = UB Leipzig

                        Bayerische Staatsbibliothek München = BSB

                        Monacensia. Literaturarchiv und Bibliothek München

                        Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum

                        Nürnberg = DKGNM

                        Bibliothèque nationale de France Paris = BNF

                        Staatsarchiv Sigmaringen = StA Sig

                        Goethe- und Schiller-Archiv Weimar = GSA

                        Österreichische Nationalbibliothek Wien = ÖNB Wien

                        Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel = HAB

                        Zentralbibliothek Zürich = ZB Zürich

 

Die Zeilenlage des Textes in den Handschriften wird in den Briefen nur beim Absendeort und Absendedatum, bei der Anrede sowie beim Briefschluss erhalten; in den Tagebüchern ist sie bei einer offensichtlichen Überschrift oder dem erkennbaren Ende eines Tagebucheintrages beibehalten.

 

Durch Anmerkungen werden dem Leser, soweit es möglich war, Hinweise zu den vorkommenden Personen und erwähnten Bildern gegeben. Die in den Anmerkungen zitierten Bildnummern beziehen sich auf das Werkverzeichnis in der Monographie Marie Ellenrieder, Leben und Werk der Konstanzer Malerin von Friedhelm Wilhelm Fischer und Sigrid von Blanckenhagen aus dem Jahre 1963. War keine eindeutige Identifizierung der beschriebenen Bilder möglich, so wurde versucht, zumindest auf eine Nummer des Werkverzeichnisses hinzuweisen, die mit dem Bild in Zusammenhang stehen könnte.

 

Der Aufbau der Briefe der Künstlerin ist weitgehend einheitlich strukturiert. Nach einem »Dank für einen erhaltenen Brief« und meist einer Entschuldigung für die zu späte Antwort, folgt eine Nachricht über das »gesundheitliche Befinden« und anschließend enthalten die Briefe meistens eine Textpassage »Was meine Kunst betrifft«, wo die Künstlerin über die in Arbeit befindlichen Gemälde und Zeichnungen oder über kürzlich fertig gestellte Werke berichtet. Damit gibt sie einen genauen Einblick in ihre künstlerische Tätigkeit und es wird daraus klar, dass das Werkverzeichnis von Fischer und Blanckenhagen aus dem Jahre 1963 noch zahlreiche Lücken aufweist. Die Briefe enden immer mit einem ausführlichen »Lebewohl«.

 

Die Adressaten der Briefe sind vorwiegend Carl Freiherr von Röder, in großer Zahl August Kestner, in beachtlicher Zahl der hohe und höchste Adel des Großherzogtums Baden und des Fürstentums Hohenzollern sowie befreundete Künstler. Überraschend wenige Briefe sind an ihren Förderer und Gönner Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg erhalten, was gemessen am registrierten Gesamtbestand seines handschriftlichen Nachlasses einigermaßen verwunderlich erscheint, zumal in der Korrespondenz zwischen ihm und seinem Bruder Johann Phillip, der von November 1810 bis Februar 1813 österreichischer Gesandter in München war, häufiger von der Künstlerin die Rede ist. Ferner sind die Briefe an ihre beiden Lehrer an der Münchner Akademie der Bildenden Künste Peter und Robert von Langer verloren gegangen. Sie befanden sich nach Angaben von Max Stern8 noch 1930 in der Münchner Staatsbibliothek im Nachlass Langer.

 

Die Korrespondenz mit August Kestner beginnt 1824 auf der ersten Italienreise der Künstlerin, wo sie ihm von ihren Studien in Florenz berichtet und endet 1838 mit der Ankündigung, dass ihre erneute Reise nach Italien unmittelbar bevorstehe. Während ihres zweiten Romaufenthaltes erführ sie wohl nicht die Aufmerksamkeit, welche Kestner ihr bei ihrem ersten Romaufenthalt zukommen ließ. Gründe dafür wären sicher mehrere zu finden. Jedenfalls kühlte die Freundschaft völlig ab, als August Kestner Ende September 1852 auf einen Besuch nach Konstanz kam, wo das Wiedersehen zu einer großen Enttäuschung wurde, worüber er in seinem Tagebuch schreibt »Sogleich zur Ellenrieder, deren Gesundheit und Freundschaft matt waren. Eine Viertel Stunde blieb ich bis sechs Uhr, wo sie zu Bett gehn mußte. Wir sprachen so, als wenn ich morgen wiederkommen möchte, falls ich später reisen sollte.« Er fuhr aber früh weiter und »mochte nicht die Ruinen meiner so teuren Freundschaft noch einmal sehen und ging fort, ohne sie zu sehen« (zitiert nach Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 461).

 

Mit dem am 1. August 1789 in Offenburg geborenen Carl Christoph Freiherr von Röder, später Großherzoglich Badischer Kammerherr und Grundherrlicher Abgeordneter der 1. Kammer der Badischen Landstände, war Marie Ellenrieder nachweisbar seit Ende 1818 in Briefkontakt (Brief Röders vom 18. November 1818 im Rosgartenmuseum Konstanz). Damals wohnte Carl von Röder in Freiburg i. Br. und ging seiner künstlerischen Neigung dem Malen und Zeichnen nach; überliefert sind aus dieser Zeit Architekturzeichnungen des ehemaligen Klosters Tennenbach und ein Gemälde des Freiburger Münsters. Persönlich kennen gelernt haben sich die beiden 1820 in München. Zu dieser Zeit hielt sich die Künstlerin dort auf, um mit Unterstützung ihrer früheren Lehrer Johann Peter und Robert von Langer an den Entwürfen der Altarbilder für die Kirche in Ichenheim zu arbeiten. Carl von Röder, der in dem nur wenige Kilometer von Ichenheim entfernten Diersburg Grundherr war, ließ sich damals in München privat im Zeichnen und Malen von Landschaft und Architektur fortbilden. Belegt ist ferner, dass die Künstlerin 1821 in München ein Portrait von ihm fertigte, welches sich heute im Besitz des Rosgartenmuseums in Konstanz befindet. Der erste erhaltene Brief der Künstlerin an Carl Freiherr von Röder stammt vom 17. September 1825, wo sie sich für einen Kranz Alpenrosen bedankt, den er ihr zusammen mit einem Gedicht am 30. August 1825 gesandt hatte. Aus einem Brief Marie Ellenrieders vom 7. Januar 1826 an August Kestner wissen wir, dass Carl von Röder 1825 nach Rom und Neapel reiste, von wo er im Spätjahr 1826 zurückkehrte. Ab dann ist ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen den beiden erhalten, der einen vorzüglichen Aufschluss über beider Leben gibt. Unter einem Brief der Künstlerin vom 20. Dezember 1862 schrieb er: » – Der letzte Brief Mariens an mich. Röder.« Angefügt ist ein Blatt, wo Röder notiert: »An den heißen Trähnen welche mir bei der Nachricht von ihrem Tode entquollen, erkannte ich, daß ich sie nach meiner Mutter am meisten geliebt. Röder.« Carl Freiherr von Röder starb unverheiratet am 19. April 1871 in Freiburg i. Br. Mit seinem Tod erlosch die katholische Linie der Röder von Diersburg.

 

Die meisten Briefe, welche Marie Ellenrieder an Carl von Röder schrieb, gelangten nach dem Tod Röders als Konvolut in den Besitz des Rosgartenmuseums in Konstanz. Manche der Briefe dieses Konvoluts enthalten keine Adresse, sie sind aber in früheren Jahren handschriftlich durchnummeriert worden und können daher heute eindeutig der Korrespondenz zwischen der Künstlerin und dem Freiherrn zugeordnet werden. In der gesamten übrigen Korrespondenz der Künstlerin gibt es darüber hinaus einige wenige Briefe, die, da sie keinen Adressaten enthalten, nicht eindeutig einer bestimmten Person zugeordnet werden können. Bei den meisten Briefen ohne Adresse gelang aber eine Identifizierung des Adressaten aufgrund des Briefinhaltes.

 

Es ist klar, dass die nachfolgende Sammlung bei weitem nicht alle erhaltenen Briefe der Künstlerin enthält. Manche schlummern noch in Privatbesitz ohne als Ellenrieder-Briefe erkannt zu werden, manche dürften noch in Privatarchiven adliger Häuser ruhen, die mir nicht zugänglich waren. Die hier zusammengetragenen 223 Briefe stellen natürlich nur einen kleineren Teil der Briefe dar, welche die Künstlerin insgesamt geschrieben hat; wenn es zehn Prozent der Gesamtzahl sind, dürfte dies der Wirklichkeit nahekommen.

  

Als Anhang 1 ist den Texten ein Verzeichnis der Ausstellungen beigegeben, an denen die Künstlerin mit Werken beteiligt war und als Anhang 2 wird die Literatur über die Künstlerin aufgelistet, wobei beide Anhänge keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Dennoch können beide Anhänge eine Hilfe bei der Interpretation des Inhaltes der Briefe und Tagebücher sein. Als Anhang 3 ist eine kurze Beschreibung des Lebens und Schaffens der Künstlerin angefügt, den ihr Zeitgenosse und Kunsterzieher am Gymnasium in Konstanz Gebhard Gagg verfasst hat. Diese Beschreibung gelangte in den Nachlass des Prälaten und Archäologen Johann Wilpert, der 1917 viele Werke Marie Ellenrieders aus dem Besitz von Gebhard Gagg erworben hat. Dieser handschriftliche Lebenslauf wurde bisher nicht veröffentlicht, ist aber deshalb von besonderem Wert, weil Gagg als Junge der Künstlerin Modell stand und sie daher gut kannte, und sich später als Zeichenlehrer mit ihrem Werk eingehend beschäftigt hat.

 

1 Mathilde Boisserée (Hrsg.), Sulpiz Boisserée, Briefwechsel/Tagebücher, Bonn 1862.

2 Karl Theodor Zingeler, Fürst Karl Anton von Hohenzollern und Marie Ellenrieder, in: Hist.-politische Blätter für das katholische Deutschland, 145. Bd., S. 454-460.

3 Karl Obser, Marie Ellenrieder in Rom, in: Oberrheinische Kunst, Jg. 1925/26, S. 222-223.

4 Fritz Hirsch, 100 Jahre Bauen und Schauen, Karlsruhe 1928.

5 Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964.

6 Tobias Engelsing und Barbara Stark (Hrsg.), Einfach himmlisch! Die Malerin Marie Ellenrieder 1791-1863, Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz und Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz 2013, Stuttgart 2013.

7 Clara Siebert, Marie Ellenrieder als Künstlerin und Frau, Freiburg i. B. 1916.

8 Max Stern, Johann Peter Langer, sein Leben und sein Werk, Bonn 1930.

 

 

 

 

II. Briefe

 

1             [ZB Zürich Ms. M 8.10]1                                                                    Krauchenwies2 den 29ten Sp 1817.

 

            Ich nehme die Freiheit Ihnen Hochverehrtester Herr Inspecktor! die Nachricht zu geben daß ich den Kopf3 wovon Sie mir sprachen noch radieren kann; wenn seine Vollendung auf den Decempre für Trachsler4 früh genug ist. Mann kann doch in 4 Wochen viele Abdrücke machen! Es ist mir sehr lieb, wenn dieser Auftrag nicht schon an einem anderen ist gegeben worden; und wäre es der Fall so bitte ich daß Sie es mir gefälligst schreiben möchten; ich würde mich allsdan auf meiner Rückreise in Konstanz länger aufhalten.

 

Weil ich von Ihrer güte und Theilnahme überzeugt bin, so wißen Sie daß ichs hier recht gut habe; ja das beste Leben von der Welt! Sehr freundlich und liebevoll wurde ich von der Erbprinzeßin5 aufgenommen, male nun diese und ihre 3 Kinder, auch eine von den Hofdamen und so kann ich denn schon noch nach Zürich kommen, jennen Kopf zu zeichnen und zu radieren. Bis dorthin leben Sie wohl mit Ihrer lieben Familie und genehmigen Sie die Hochachtung und Verehrung Ihrer mit Freundschaft und Dank

 

                                                                                                                            ergebenen Marie Ellenrieder

 

Darf ich bitten Herrn Füßli6 meine Grüße und alles Schöne. Wenn Sie die radierten Köpf aus dem Thalhaus7 noch nicht erhalten haben, so können Sie es dort hohlen laßen, ich richtete es ihnen zuzuschicken als ich an jenem Abend noch einen Brief an Hr: v: Itner8 von Ihnen erwartete. Es sind 2 Abdrücke von meinem Vater9 und einen Rembrand.10

 

Ich freue mich sehr Sie wieder zu sehen!

 

 

1 Adressat nicht genannt. Der Brief befindet sich im handschriftlichen Nachlass von Johann Jakob Horner (1772-1831), Archäologe und Schriftsteller in Zürich.

2 In Krauchenwies, einer kleinen Ortschaft wenige Kilometer südlich von Sigmaringen, befindet sich ein fürstlich hohenzollersches Schloss.

3 Dabei dürfte es sich um die Radierung des Johann Jakob Steinbrychel (1729-1796) handeln, welche dem Neujahrsblatt »An die lernbegierige Zürcherische Jugend auf den Neujahrstag 1818. Von der Gesellschaft auf der Chorherren« beigeheftet ist. Vergleiche Fecker WV 18, Andresen WV 21.

4 Der Buchhändler Johann Georg Trachsler betrieb in Zürich im Haus zum »Gewundenen Schwert« seit 1814 zusammen mit seinem Bruder, dem Kupferstecher Martin Trachsler, die »Trachslerische Buch- und Kunsthandlung« (Paul Leemann-van Elck, Duck Verlag Buchhandel in Kanton Zürich von den Anfängen bis um 1850, Zürich 1950).

5 Antoinette Fürstin von Hohenzollern (1792-1847). Das erwähnte Gemälde ist nicht im WV bei Fischer u. Blanckenhagen verzeichnet. Registriert ist dort nur eine Kreidezeichnung ihres Sohnes Karl Anton Erbprinz von Hohenzollern (1811-1885).

6 Wohl Heinrich Füssli (1755-1829), Landschaftsmaler, Kupferstecher und Kunsthändler in Zürich.

7 Im Zürcher Stadtteil Thalacker.

8 Wohl Josef Albert von Ittner (1754-1825), Staatsmann und Schriftsteller in Konstanz.

9 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 47, Fecker WV 16, Andresen WV 23.

10 Vergleiche Fecker WV 10, Andresen WV 11.

 

 

2             [ZB Zürich Ms. M 19.9]1                                                                          Konstanz den 29ten May 1818.

 

Mein Verehrter Freund!

 

Auch ohne das Glück gehabt zu haben Ihr wehrtes Schreiben zu empfangen würde ich Ihnen dennoch Heute geschrieben haben. Den ich wollte Ihnen meine Ankunft bestimmen die ich auf den fünften nächsten Monats festgesetzt habe. Ich dumelte und dumelte mich mit den 3 Kinderchen daß sie Ihrer Vollendung nahe sind, und dachte mit herzlicher Freud an die Erfillung meines Versprechens; es thut mir sehr leid daß ich um diese Zeit welche Sie mir bestimmten nicht kommen kan sondern schon versprochen bin, ich komme einzig nur Ihren schönen kleinen Engel zu malen, und das Glück der Freundschaft das mir aus Ihrem lieblichen Hause gleich einem Sterne entgegenstrahlt wieder zu genießen, und ich hoffe nicht daß Sie an meiner unbegränzten Anhänglichkeit und zärtlichen Freundschaft womit ich Sie Beyde in meinem Herzen verehre zweifeln. – Und was die scheinbare Versprechungen anbelangt werde ich mich bemühen durch dehmühtige Bekenntnüß meiner sowohl eigener als fremder Schuld Sie zu Vergebung zu bewegen. –

 

Auch wollte ich sie fragen ob Sie albertirers Werk erhalten hätten den erst Heute erhielt ich Ihren Brief vom 16ten geschrieben. Ich könnte wohl ein bischen zanken über den Inhalt davon, aber meine heutige Zeilen sollen Ihnen meinen freundlichen Gruß bringen – Allen Zank und Hader sparre ich auf unser Wiedersehen!! Was ich aber stillschweigend übergehe, bringt Ihnen auf bittere Gedanken, und glaube ich bestürme die Kunst in diesen Mommente, aber Sie gehen sehr irre, den meine Augen und Gesundheitsumstände gebiehten mir Ruhe, die ich beym schreiben nicht finde, dafür weilt aber meinen Geist desto kräftiger bey meinen Freunden die ich hochschätze und Liebe, und so glaube ich meine Pflicht die ich mit Herzenslust erfillte abgethan zu haben.

 

Die Italienische Sprache nimmt mir auch viele Zeit, und ich frug Sie ob ich selbe in Sch: fortsetzen könnte, aber Sie haben entweder die Sorge oder Antwort vergeßen. Darf ich Sie aufs neue bitten! daß ich mit Ehren eintretten kan wenn ich wieder zurückkehre, den ich lerne es mit noch 3 andern Frauenzimmern.

 

Sie werden doch eine Freude haben das ich diese Sprache lerne, sie führt ja sichtbar einen gewißen Plan mit sich.

 

Ich freue mich recht herzlich auf unser Wiedersehen! und hoffe daß es keine Hinterniß haben wird, und sollte es der Fall seyn so bitte ich mir es mit rückgehender Post anzuzeigen. Sollte ich am 5ten noch nicht bey Ihnen seyn so ist es am 6ten man kan nie so ganz bestimmt die Sache angeben.

 

Empfehlen Sie mich Ihrer lieben verehrungswürdigen Frau Triumpfer meiner theuren Freundin viel 1000 mal und bitte sie, mich also mit Ihrer gewohnten Güte aufzunehmen.

 

Leben Sie wohl empfangen Sie die herzlichsten

Grüße bis auf unser Wiedersehn von

 

Ihrer

                                                                                                                         ergebensten Marie Ellenrieder

 

Über mein Gesudel verdiene ich auch ein Kapitel???

Sie sprechen gewiß auch italienisch –? das wäre un gran piacere per me!

 

bald hätte ich vergeßen |:ich mußte den Brief noch einmal aufbrechen:| Sie zu bitten daß doch dafür gesorgt wird das ich gleich an dem lieben Kind anfangen kan, den ich muß in 14 Tagen längstens 3 Wochen wieder zu Hause seyn. –

 

Herr v: Seckendorf2 den ich Portrait malte, läßt Sie freundlich durch mich grüßen. – Leben Sie wohl.

 

 

1 Brief adressiert an: »Se Hochwohlgeboren Dem Herrn Herrn W. Veit Triumpfor etc in Schaffhausen« (zu Johann Wilhelm Veith (1758-1833) siehe Howard Seymour, Two Portraits of Johann Wilhelm Veith by Jacob Merz, in: Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 72. Heft, 1995, S. 77-102).

2 Christoph Albrecht Freiherr von Seckendorff-Aberdar (1748-1834), Baden-Durlachischer Finanzminister. Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 72 und 73.

 

 

3             [Stadtarchiv Konstanz, J XII Fasc. 776]1                                                      [München, 4. August 1820]

 

            Im Jahr 1819 malte ich auf Verlangen der seligen Amalie DeTrey eine Copie von dem Porträt des seligen Rudolfs.2 Die Bezahlung ist von einer Zeit zur andern auf­geschoben worden, ich nehme daher die Freyheit es in Erinnerung zu bringen. Es macht 4 Luid’ors.

 

München den 4ten August 1820.

                                                                                                                                           Marie Ellenrieder

 

 

1 Rechnung in der Verlassenschaft der am 24.07.1820 verstorbenen Katharina Amalia Detrey, geb. Nieser.

2 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

 

 

4             [RM Konstanz]1                                                                                                Am hl Conradustag 1820

 

           Guten Morgen lieber Vater! Ach! Vieleicht bin ich nicht die Erste, den schon bald wird es 6 Uhr schlagen. Gewiß seyt Ihr jezt  auf dem Weeg in die heilige Kapelle – Ich folge Euren Schritten. Ich bitte den heiligen Schutzgeist daß er Euch sicher begleite und durch alle Tage Eures Lebens mit jugendlicher Kraft Euch ausrüste. Ich bin erfillt mit guten Wünschen! ich werde sie zum Altar tragen und Erhörung finden, den er ist es ja selbst Derjennige der mir diese Liebe ins Herz legte und mir sie wohl zu verwahren geboht. – Den ganzen Tag will ich Heute im Geiste bey Euch seyn, den ersten bis auf den lezten Tropfen sey auf Euern Gesundheit getrunken. Gott segne Euch! Er erhalte Euch bis aufs höchste Alter in ununterbrochenem fröhlichem Sinne und in einer stillen Herzensruhe erfillt mit Himmlischen Frieden, und er laße sichs gefallen mich stetz mit mildem Erbarmen an seiner Hand den Kunstweg zu führen, daß es mir gelingen Möchte Euch noch viele Freuden zu machen. – Es thut mir leid daß ich an diesem fröhlichen Feste nur ein armes Briefchen bereiten kann und nicht einmal in gemeßenen Worten es verfaßte. Ha! was ist mir geschehn? Hat sich mit der Toten Natur des Winters meinen Geist auch entblättert? – Nein – ich will es versuchen; zu heilig ist der Tag mir, als daß ich nicht nachspüren sollte, unter welchem Schutt das kleine Fünkchen Pontischer Kraft verborgen liegt!

 

Wen aus der Höhe des Himmels

Ein götlicher Lichtstrahl niederthaut,

Durch den der erbarmende Schöpfer

Auf die Seinen herniederschaut;

So ist es die höchste Gabe die

Er spendet,

Wenn er Kindern christliche

Eltern sendet.

=

 

Gott sey Dank! – Seit ich von

meiner Mutter Schoß entsproßen

Habe ich dieß’ Holde Glück

genoßen.

Von Vater und Mutter so zärtlich

geliebt,

Hat nie ein Unglück mein Leben

getrübt.

=

 

Nur eine Trennung rieß gleichsamm

Ein Stück meines Herzens,

Mit in das Meer eines

Ungekannten Schmerzens.

=

Aber geweckt durch der

Vorsicht liebende Hand,

Blickte ich auf, und der Nebel

Verschwand.

=

Hoch in der Freude für

Alle Tugenden belohnt,

Sah’ ich gekrönt sie, wo der Alliebende

Tronht.

=

 

Vater! Nun ist mir die Freude

Des Daseyns gebehrt,

Nur Eines was mein Herz noch

Zu wünschen begehrt.

=

 

Ist – Daß der Finger Gottes

In das Buch des Lebens schreibe

Daß unser Väterchen noch lang

Auf Erden bleibe.

=

 

Das die Bilder unter den

Erbarmungen Gottes Gelingen,

Die zum Schauen Euch tiefer

Ins Vaterland bringen.

=

 

Und was noch immer von Oben

Mir Segnend gedeuth,

Sey Euch im Höchsten Alter

Zu sehen verleyth.

=

 

So lege ich nun alles in den

Göttlichen Willen,

Der die glaubende Hoffnung

Vermag zu erfillen

=

 

Lebt wohl liebes Väterchen

lebt wohl!!!

Amen

=

 

Herr v: Langers,2 Röder3 und Kludoschofski4 schließen sich Alle meinen Wünschen an, und Jedes insbesondere, leztere sagte wenn sie gut Brief schreiben könnte würde sie auch geschrieben haben. Wir sind recht froh und munter zusammen und genießen im fröhlichsten Sinne was der Himmel uns bescheret. Ich war gerne bey der Fr Pflegerin und war glücklich bey ihr – aber ungleich mehr bin ich es da. –

Lange habe ich keinen Brief mehr von Hause erhalten, bald macht es mich traurig und nachdenkend. – Hoffentlich wird sich nichts Unangenehmes zugetragen haben – am liebsten wäre mir wen Hochzeit Geschäfte es verhintert hätten!

Steht die braune Pelzmitze gut? und ist es nicht recht daß ich mit meinem Schwesterchen hielth? Fliegt doch bisweilen ein Gedanke mehr mir zu, wenn Ihr bey einem scharfen Nordwind seine Wohltath empfindet? – Wie es mir mit meiner Pelzpellerin ergeht. Alle Tage fühle ich diese angenehme Wohlthat mehr, es ist als ob mein Zimmerchen mit mir herum spaziert so warm umgiebt sie mich! –

Lebt jezt wohl! Ich grüße Alle 1000und 100000 mal so wie auch jenne die mir nachfragen, oder etwas von mir hören mögen. Ich sah im Kalender das der Lisi ihr Namenstag war, auch sie erhalte meine Glückswünsche und viele Grüße.

Mit unveränderter Liebe bis in Tod   

            Euer

                                           gehorsammes Kind

                                      Marie Ellenrieder

 

Grüßt mir auch den Hr Pather Johannes – und sagt ihm, auch hier hätte ich das Glück einen guten Beichtvater zu haben.

 

1 Brief ohne Ortsangabe (wohl München den 26. November) an Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

2 Johann Peter von Langer (1756-1824), Direktor der Münchner Kunstakademie.

3 Carl Freiherr von Röder (1789-1871), schlug zunächst bis 1815 eine militärische Laufbahn ein, danach ließ er sich in Freiburg und München privaten Unterricht im Zeichnen und Malen von Architektur und Landschaft geben (vergl. Katalog der Karlsruher Kunst- und Industrie-Ausstellung 1823, Karlsruhe 1823, Nr. 2 und Nr. 59b). Er war lebenslang mit Marie Ellenrieder freundschaftlich verbunden.

4 Kludoschofski, Münchner Bekanntschaft, nicht ermittelt.

 

 

5             [Cod. Heid. 362b, fasc. 20, fol. 213]1                                                               Rom den 7ten Dec: 1822.

 

Also! – Aus dem heiligen Rom den ersten Gruß! Einen Gruß aus dem glücklichsten Herzen! – doch – es giebt gar kein Wörtchen den Gruß zu benennen den man aus der Hauptstadt der Welt an einen Freund versendet, an einen Freund, den man so sehr in Gedanken verehrt, und der gleich einem Schutzgeist vor vielen Jahren schon mir auf diese Bahne hindeutete! – Glücklich legte ich meinen Weg zurück; aber unwürdig betrette ich nun jede Stelle die mich umgiebt. Noch wenig kan ich Euer Exzellenz über Kunst sagen; wenn ich einst mehr mit ruhigem Auge betrachten kan, wird sichs deutli­cher bestimmen was zur nützlichen Anwendung sich auffaßen läßt. Soll ich mich nun abhärten an einem bangen Zweifeln für die Zukunft? Laßen Sie mich lieber der theuren Gegenwart danken, danken für Ihre liebevolle Empfehlung welche mir in der himmlischen Familie von Reinhold2 die glücklichste Aufnahme bereitete. Euer Excelenz haben mich der Perl in Schoß gelegt, und die Perl achtet die Niedrigkeit nicht der Fremdling’in und läßt sie rein hold Freundschaft, elterliche Liebe & Sorgfalt genießen. O Gott sey Dank! und Ihnen mein bester Freund! Alles was Gott in dieser Welt Gutes finden läßt, findet sich da vereinbart in diesem lieben Hause; ja das Beste! |:Durch das herbste Schicksal die größte Veredlung, die Verwanntschaft mit dem Himmel! –:| Da bin ich nun |:gegen mein Ihnen bekanntes Gesetz:| so oft als es hier möglich ist, die liebevollste Einladung kam mir entgegen, sogar den Wagen schickte mir die Frau Gesanntin, „damit ich nicht den Fuß an einem Stein anstoße“! – Aber ich müßte Ihnen noch viel und lang schreiben wenn ich alles erzellen wollte etc etc

 

Ich wohne auf dem spanischen Platze mit meiner li Freundin recht glücklich; Täglich gehe ich nun in Vatican und zeichne mir einzelne Kruppen von Figuren in Umriße; in den ersten Tagen gingen wir nach Crottaferrata und studierte nach Dominichino; beym schlechten Wetter bleibe ich zu Hause; komponiere, arbeite, oder thu’ nichts! oder ich schwelge in dem Übermaß meiner Seligkeit, den so wie es unter dem italienischen Himmel sich athmet, so giebt es kaum irgend ein Plätzchen der Erde! Und kom ich dan erst in den triummpfierenden Tempel; der so recht im Geiste der Liebe der Seele ihre Heimath verkündet! O! da sinkt man hin überwältigt von der Freude und dankt und schweigt.

 

So, jezt bin ich fertig mit der Skitze meines unwürdigen Ichs; ich wäre nicht so frey gewesen, hätte ich nicht die volle Überzeugung daß die Größe Ihrer Theilnahme über meine Unbescheidenheit hinweg blickt.

 

Leben Euer Excelenz wohl! Gott segne Sie, und erhalte Sie gesund; und mit Sehnsucht sehe ich jennem glückliche Tage endgegen, in welchem mir Herr v: Reinhold wieder Nachricht von Ihnen geben wird. Die lezte hatte mich groß erfreut, und das Bildchen für Herrn v: Bergstett3 werde ich mit Vergnügen mahlen, aber ich glaube, mit dem Verschicken sollte man auf eine Gelegenheit warten; es hatte erst kürzlich ein Bekannter von mir für ein Päckchen 12 Piaster Porto bezahlen müßen. Und dan kömmt mir sonderbar vor daß Herr Markg: Leopold4 die Madonna haben soll, ich habe sie für Hr Mr: Wilhelm5 gemahlt, und Ersterer hat ein anderes, ein neugiriges Kind vorstellend.

 

Nicht wahr? Sie empfehlen mich dem Herrn Minister recht schön, und grüßen mir meinen verehrten Freund Hr: v: Baden6, und meine Freundin Fr v: Vincenti7 1000 und 1000mal.

Mit Dank und Verehrung Euer Exzelenz!

                                                                                                

                                         unterthänigste Dienerin

                                                                                                                                           Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief adressiert an: »Seiner Excelenz dem Freyherrn v: Wessenberg«

Ignaz Freiherr von Wessenberg (1774-1860), von 1802 bis1827 Generalvikar des Bistums Konstanz.

2 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Bern.

3 »Bibellesendes Mädchen«, das der bad. Staatsminister Freiherr von Berstett erwarb und 1837 der Kunsthalle in Karlsruhe zum Geschenk machte (KHK, Inv.-Nr. 513). Fischer und Blanckenhagen WV 251.

4 Leopold Markgraf von Baden (1790-1852), ab 1830 Großherzog von Baden.

5 Wilhelm Ludwig August Markgraf von Baden (1792-1859).

6 Karl Freiherr von Baden (1770-1830), Staatsrat, entfernter Verwandter Wessenbergs.

7 Anna Elisabeth von Hüetlin (1793-1866), seit 1818 verheiratet mit Carl August von Vincenti, Großherzoglich Badischer Hauptmann und Adjutant in Karlsruhe.

 

 

6             [GSA 52/I,3.4]1                                                                                                   [Florenz, 24. Juli 1824]

 

Dank, großen Dank! Sie haben nicht nur wie ein lieber Freund sondern wie ein Brüderchen für mich gesorgt: Aber werden Sie nun noch zu Ihrem thätigen Wohlwollen die Vergebung hinzufügen daß ich aus Mangel an Aufmerksamkeit die Post versäumte? – Als mir Herr Metzger2 sagte daß am Samstag der gewöhnliche Postag wäre, glaubte ich man gebe die Briefe auch späth an dem Abend auf; aber sieh’ da! es war die 3te Stunde am Mittag, und meine italienische Vollmacht war nicht abgeschrieben. Wenn Sie nur keine Sorge gehabt haben, und wenn ich nur wüßte womit ich dieß Übel wieder gut machte?

 

Was Sie aber besorgten geschah in aller Pünktlichkeit; es wurde nur aus dem Wechselhause ein Billiet geschrieben daß ich hinkommen möchte wo ich hernach die benannte Summe erhielt. Daß ich es aber ganz frey erhielt befremdete mich und wie kan Valentini3 so viel Güte für mich haben! – Die Predl4 sagt mir immer Sie hätten die Auslage für mich auf sich genommen. Dieß wäre mir aber sehr leid; beruhigen Sie mich dießfals, und gestehn Sie mir die Wahrheit.

 

Und was soll ich Ihnen nun auch über Ihren theuren lieben Brief sagen! Er war mir so erquickend als erfreulich, den, so sehr wir auch das Glück empfinden im Hause eines wahren Freundes zu wohnen, so kam uns beyden doch das Heimweh nach dem heiligen Rom. Seitdem wir aber zu arbeiten angefangen haben, seitdem findet das melankolische Schwärmen keinen Raum mehr – den ach! es sind der Kunstschätze so viele daß ein Jahr nicht hinreichte sie vortheilhaft aufzunehmen. Ich arbeite jezt in der Galerie di St Marko nach den wunderschönen Peruginos, die Predl geht auch hin, es kömmt sie aber viel schwerer an sich an Florenz zu gewöhnen als mich. O könnten Sie einmal an meine Thüre klopfen, wie freundlich würde ich Sie aufnehmen! Es betrübt mich zu sehr die Entfernung; ja es schmerzt mich. Aber bald wird Ihr Geist mir wieder in ein paar Zeilen erscheinen nicht wahr. Und bald werde ich auch die liebe Familie von Reden5 sehen, oder wird sich die Zurückberufung noch verzögern? für Sie ist es sehr angenehm, und für die Gesundheit wollen wir auch nicht bange haben, aber ich bedaure Sie, wen Sie sich von diesen Theuren Lieben Trennen werden. Der liebe Gott wolle aber alles gut machen, Sie bleiben doch auch nicht ewig in dem schönen Rom. Empfehlen Sie mich mit 1000 Hochachtungsvollen Grüßen, und daß ich mit großer Freude dem Wiedersehen entgegenblicke.

 

Bäse6 ist verreist, er soll immer nicht wohl gewesen seyn, und verschwand ohne bey seinen Freunden & Bekannten Abschied genommen zu haben, es kam nur ein Wagen voll Geräthschaften för das Haus des Herrn Metzgers gefahren, mit einer kl Anweisung daß sie Hr Metzger in Verwahrung nehmen möchte und daß war vor einem Monate. Ich würde ihn sehr bedauern wenn er aus Kränklichkeit seine Freunde nicht mehr besuchen konnte.

 

Leben Sie wohl! Gott erhalte Sie gesund, und freundliche Engel sollen Sie begleiten, wenn Sie zu Ihrer Erholung am frühen Morgen wen das Thau noch im Grase glänzt schöne Spaziergänge machen oder wen Sie auf dem lieben arabischen Pferdchen mit deßen Söhnchen ausreiten.

 

Die Predl sagt Ihnen auch schöne Grüße.

Mit Dank und Verehrung Ihre

Rom7 den 24ten Luglio

                                                                                                                               Freundin Marie Ellenrieder

 

Sollte Petroni wieder Anstand finden Ihnen das Gelt auszubezahlen und ich Sterbliche sterben sollte, so sollen diese meine Worte es bezeugen & bescheinen daß ich von Ihnen 80 Piaster oder unserns Geltes zweyhundert Gulden den 22 Luglio erhalten habe in Florenz und so schrieben sie dan meinem lieben Vater –. Conrad Ellenr

 

                                                                                                                                            Marie Ellenrieder

 

Darf ich Sie auch mit Grüßen beauftragen? – So sagen Sie der guten Louise deß Hr: v: Reinholds viel Liebes und geben Sie Ihr meine Atresse, daß wen ihre Herrschaft durch Florenz reist sie mich doch finden können.

 

Ich grüße auch freundlich und mit Hochachtung Hr. Thorwalzen8, Begas9, Hess10, Rittig11, die beyden Veit12 und ihre Frauen wie Oberbeck13 – und O! ich grüße das ganze liebe heilige Rom mit einer unvergänglichen Liebe & Anhänglichkeit! Jedes Steinchen, jedes Stäubchen begrüße ich! und die freundlichen Binien die ich hier so unendlich vermisse!

 

Der li Fr: Sirletti14 haben wir selbst geschrieben aber sollten Sie hinkommen, so vergeßen Sie ja meine dankbaren Grüße nicht zu wiederhohlen! Leben Sie Wohl! Gestern als am Sonntag waren wir in Fiesole es war schön!

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

 »All’ Illm: Sig.

Il Signore Augusto Kestner Consi-

gliere di Legazione dHannovera presso la

Santa Sede in

Roma

Villa Malta«

Die Jahreszahl er­gibt sich aus der Tatsache, dass die Künstlerin am 1. Juli 1824 von Rom nach Florenz reiste.

2 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

3 Vincenzo Valentini (um 1760-1842), Bankier und preußischer Konsul in Rom.

4 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Florenz weilte.

5 Franz Freiherr von Reden (1754-1831), Gesandter des Königreichs Hannover in Rom.

6 Johann Christoph Bernhard, gen. Carlo Baese (1790-1837), Maler aus Braunschweig.

7 Sollte laut Poststempel Florenz lauten.

8 Bertel Thorvaldsen (1770-1844), dänischer Bildhauer.

9 Karl Begas d. Ä. (1794-1854), Maler aus Hainsberg bei Aachen.

10 Heinrich Maria von Heß (1798-1863), Maler aus Düsseldorf, später Professor in München.

11 Peter Rittig (1779-1840), Historienmaler aus Koblenz, seit 1816 in Rom.

12 Philipp (1793-1877) und Johann Veit (1790-1854), Maler aus Berlin, seit 1815 in Rom.

13 Johann Friedrich Overbeck (1789-1869), Hauptvertreter der Kunstrichtung der sog. Nazarener, lebte seit 1810 in Rom.

14 Frau Sirletti war in Rom die Hauswirtin der Malerin.

 

 

7             [GSA 52/I,3.4]1                                                                                         Florenz den 24ten Aug. [1824]

 

O Daß Ihnen diese Zeilen noch in Rom erreichten! den ich will jedem Wörtchen einen Theil meiner Glückswünsche auflegen zu Ihrer bevorstehenden Reise. Freylich war mir diese Nachricht unerwartet und sie betrübte mich im ersten Augenblicke weil es immer einen Entschluß gegen Gefahr ist. Doch, da Sie aber mit so lieben Freunden seyn werden, bin ich beruhigt und freue mich darüber: oder sind Sie vieleicht gar schon mit dem liebsten Ihrer Freunde abgereist? So folge Ihnen mein Andenken im Gebethe zu Gott daß Sie recht glücklich unter seinem Schutze fortsetzen mögen diese schöne Reise, und nachdem Sie recht hohe Freuden genoßen und Nutzen geärndet auch gerne wieder zurückkehren. – Wehrend ich diese Zeilen schreib, lit es in die heilige Meße. Ich kniete also für mein Fensterchen und hörte sie für Sie an; aber was vermag das Gebeth einer Unwürdigen! lieber schickte ich Ihnen ein Engelchen daß Sie dan zwey Beschützer hätten wie der hl Johannes in Klopstoks Messiade.2 Reisen Sie aber nur getrost, der Herr ist ja selbst mit seinen Auserwählten!

 

Wäre ich nur bey Ihnen wie nach der Ponte Salara! Nun muß ich Ihnen aber doch auf Ihre gefälligen Fragen antworten, was ich nemlich gearbeitet habe und wan & wie ich mich von Florenz trenne.

 

Mein Plan wäre nun gemacht, so gegen die Mitte Oktobers abzureisen. Gerne aber blieb ich über den Winter hier. – Den hier last sichs vortrefflich Studieren und da wir bey dem so sehr einsichtsvollen braven Herrn Metzger3 wohnen sind wir an dem besten Ort der Welt. Freylich aber „winkts mit Vatergrüßen drüben“ und ich liebe recht, was zuerst mich liebte! Ich nehme daher meinen Entschluß nicht zurück, und gehe in Gottes Nahmen, es erwartet mich eine hohe Freude, die höchste meines Lebens wen der liebe Gott meinen Vater gesund erhaltet, und eine theure Schwester die meiner mich vor den andern mit Sehnsucht erwartet, und die ich mehr liebe als mein Leben. Aber – schwer wirds mir doch immerhin mich von dem süßen Italien zu trennen wo ich so die Erbarmungen Gottes in so vollen Zügen trank. Nie hat ein Unfall meine beglückte Seele betrübt, aber nicht immer wird Gott mit seinen gerechten Priffungen schonen darum zittere ich verwehntes Kind vor der Zukunft meines Lebens.

 

Ich werde mich in Bologna und vieleicht in Venedig aufhalten, und was ich hier noch zu sehn und zu lernen habe beunruhigt wahrhaftig, den die Zeit flieth vor meinen Augen wie Rauch. Ich möchte auch nach Pisa ins Campo Santo.

 

In der Galerie der Akademie mahlte ich die 4 Heiligen aus dem großen Bilde der Him­melfahrt Maria v: Perugino im kleinen, ziemlich ausgeführt, und glaube hierin ein nützliches Studium für mich gemacht zu haben.

 

Auch zeichnete ich nach diesem Meister, und machte einige Compositionen, unter anderen auch eine ganz andere für meinen Hl Bartholomaius4; nemlich nicht mehr das Beginnen der Marter. Sondern wie er sitzend auf einem Wölkchen als Kirchenpatron erscheint und zwehe Engel neben ihm die seine Atributen tragen, und so empfielt er die Kirche dem Schutze Gottes, Unten auf der Erde würde ich das Dorf mahlen. Diese Schitze möchte ich nun fleißig ausführen. Auch nahm ich mir vor ein kl Bildchen zu mahlen, wozu die Studien und die gemalte Skitze schon gemacht sind. Es stellt die Hl Apolonia5 vor und ist in der Größe wie jennes das ich früher in Rom malte.

 

Daß ich Herrn v: Redens6 so lange noch nicht sehe, betrübt mich wahrhaft. Auch freue ich mich wieder wen ich überlege, daßes so, recht gut für die Theuren Lieben ist, und gönne Vielen diese Freude die mit Ihnen bekannt zu seyn das Glück haben.

 

Leben Sie jezt wohl mein lieber Freund! Grüßen Sie mir Ihre Reisegefärthen von Herzen. Gott sey mit Ihnen, und ich hoffe daß Sie wenn sie zurückgekehrt mir schreiben werden.

 

                                                           Mit treuer Verehrung Ihre Freundin Marie

                                                                                                                       Ellenrieder

 

Es ist in dieser Zwischenzeit wieder einen Wechsel nach Rom abgegangen. Ich werde also Hr Petroni7 schreiben daß er das Gelt an Hr Valentini8 abgeben möge. Ich warte aber noch ein paar Postage vieleicht sind Sie davon benachrichtigt worden es thut mir recht leid, wenn es sie in den lezten Tagen vor Ihrer Abreise beunruhigt hätte. In der Zukunft kan ich hier das Gelt aus einem schweitzerhaus auch frey erhalten. Ich bin froh, um Ihrer zu schonen.

Aber Sie vergaßen mir zu sagen, ob Sie das Gelt von Petroni erhalten haben??

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

           »All’ Illm: Sig: il Signore

Augusto Kestner Consigliere dell

Legazione di S. M. il Rè d’Hannovre

in

Roma

nell Villa Malta.«

Als Jahreszahl ist nur das Jahr 1824 möglich.

2 Aus der Bibliothek von Marie Ellenrieder ist erhalten: Friedrich Gottlieb Klopstock, Messias,  Wien, Ph. Bauer, 1817. - 5 Bde. 280, 225, 321, 348, 310 S. mit je einem gestochenen Frontispiz.

3 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

4 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

5 Fischer und Blanckenhagen WV 336.

6 Franz Freiherr von Reden (1754-1831), Gesandter des Königreichs Hannover in Rom.

7 Petroni, Bankier in Rom, nicht ermittelt.

8 Vincenzo Valentini (um 1760-1842), Bankier und preußischer Konsul in Rom.

 

 

8             [GSA 52/I,3.4]1                                                                                              [Florenz, 29. Januar 1825]

 

Lieber Freund!

 

Kaum getraue ich mir Ihnen nach der Versäumniß von Wochen und Tagen das neue Jahr anzuwünschen. Und hätte ich sie nicht nach Freundes Pflicht schon so lange im Geiste an Sie abgesannt meine Wünsche, ich dürfte mir selbst nicht vergeben. So aber seyen sie schriftlich nachgetragen, aus des Herzens tiefen Grunde mit der Bitte zu Gott, daß er sie alle erfillen möge mit seinem besten Segen; und so werden Sie es nun nicht verschmehn.

 

Seyen Sie mir nun herzlich willkommen nach so langem Ausbleiben und Stillschweigen was uns Alle in große Sorgen sezte, welches auch leider nicht ohne Ursache war. Aber Gott sey Dank es hat sich geendet nach seiner ewigen Liebe der seine Kinder nur prifft um ihnen desto mehr schenken zu können.

 

Sie sitzen nun in süßen Träumen auf Ihrem traulichen Zimmer welches Sie mit Rosenduft empfing und die Ihnen auch darinn fortblühn werden so lange Sie wollen. Aber für mich hat die Stunde zum Aufbruche geschlagen. Zwar geh’ ich zum Vater und Schwestern, und es freut mich; aber es ist mir nicht möglich das Gute zu verkennen daß ich bisher so ungetrübt in aller Glückseligkeit genoß; & welches ich vieleicht jezt auf immer verlaße.

 

Von meinem Kunstleben habe ich nicht Lust Ihnen viel, wie Sie es verlangten zu schreiben, den ich würde Ihnen mit den vielen Widerwärtigkeiten* die mich in der Ar­beit verhinderten nur lange weile machen. Endlich aber sind sie überstiegen. In Zeit von 3 Wochen werde ich mit Gottes Hilfe mit dem Carton fertig seyn. Dan habe ich noch die Skitze zu mahlen; ach! und noch 1000 Dinge von Außen zu sammeln! es schwindelt mir wenn ich daran denke. Und die lieben Meinigen zellten mir unlängst in einem Briefe nur noch 70 Tage zu.

 

Wegen der Kleidung von mein Bartholomeus2 verstand ich Sie nicht recht. Ich gleidete ihn wie die Apostel alle gekleidet sind. – Was Sie aber von den Mahlern sprachen die ich lieben sollte dieses haben Sie aber so recht pünktlich errathen.

Ja freylich führe ich mit Herz und im Munde den braven Perugino und den Gottseligen Fiesole. Masaccio, Ghirlandajo, Lippi, Poticcello und Benzzopozoli sind sammentlich meine Freunde, meine Rathgeber – und ach! daß ich würdig wäre zu sagen meine Brüder, in dem Gebiethe des Strebens. Aber leider fehlt es mir an Beharlichkeit in der Aus­übung und in allem Guten. –

 

Wie mir Frau v: Reinhold3 schreibt, reisen Herr v: Redens4 erst nach Ostern von Rom ab, dan wäre ich freylich nicht mehr so glücklich sie in Italien noch zu sehen; welches mir sehr leid thut. Ich tröste mich mit der Hoffnung daß es vieleicht im Vaterland geschehen wird. Ich danke der Frl Elise 1000 und 1000 mal für ihren lieben theuren Brief beantworten werde ich ihn aber ein ander mal, empfelen Sie mich indeßen mit den hochachtungsvollen Grüßen an Alle in dieser lieben Familie.

 

Möchten Sie auch der li Frau v. Reinhold sagen ich hätte den lieben Brief vom 25 Jen­ner erhalten und ich wäre sehr dankbar dafür, und ich hätte Lust ihn alsogleich zu be­antworten, aber es fehlt mir wahrhaftig zu solchem Vergnügen die Zeit. Denn wir sind Beyde sehr fleißig und versäumen keinen Abend 2 Stunde nach der Natur zu zeichnen; einen Kopf um den Andern. Die Predl5 welche Sie freundlich grüßen läst malt soeben das Porträt des rußischen Gesannten und es wird ihr aus diesem Hause viele Ehre und Liebe erwiesen.

 

Herr Metzger6 liest mit großem Vergnügen das Büchen was Sie von der Kunst schrie­ben,7 und wünschte es zu besitzen. Verzeyn Sie mir wenn ich Sie darum bäthe, da ich mich an niemand anderem zu wenden wußte; und im Falle daß Sie mir würklich eines für Ihn schicken möchten so geben Sie es nur gefälligst Herr v: Reinhold welcher mir in einer Zeit ein Päckchen zu schicken hat, welches ich mit nach Teutschland nehmen muß. Es freut mich herzlich, daß Fr v: Reinhold meine Apolonia8 so gut plaßierte. Diese Ehre ist freylich die Mahlerinn nicht werth. – Aber Sie irren sich wenn Sie glauben ich hätte es Ihnen geschenkt, sie haben es mir abgekauft. –

 

Sie sollten auch mein Studium sehen! wie das lieb und heimlich ist. Es ist 4eckicht pajonatzo angestrichen, das Fenster in der Mitte und ein süßes liebes Öfelchen darin.

 

Nun leben Sie wohl! Gott sey mit Ihnen. Schwerlich werde ich Ihnen noch einmal vor meiner Abreise schreiben, dafür aber wenn Sie es mir erlauben soll es aus der Heimath geschehn. – Und wen Sie mich mit einem Briefchen erfreuen wollen, so schreiben Sie mir auch noch mehr von Ihrer Zizilianischen Reise und den Landschaften und von der klaren Luft etwas, und gewiß herrlich krupieren sich die fremdartigen Bäume und Gebüsche – und die Muscheln haben Sie gewiß selbst gesucht? Ich möchte durch Ihre Au­gen schauen, den alles wird sich aufs neue vor denselben gestalten; so wie Sie es auch selbst sagten.

 

Ihre treue Verehrerin & Frd Marie Ellenrieder

 

Fl den 29 Jenner.

 

* Dieser Punkt steth mit dem vorigen im Widerspruche. Haben Sie aber kein Mitleiden, den es drang nicht bis in das innere Labirint meines Herzens; und wenn ein Wölkelchen das Fensterchen davor verdunkelte, so schien sogleich die Sonne wieder.

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe an August Kestner in Rom. Als Jahreszahl ist nur 1825 mög­lich.

2 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

3 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom, seit 1806 verheiratet mit Maria Schuchmacher.

4 Franz Freiherr von Reden (1754-1831), Gesandter des Königreichs Hannover in Rom.

5 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Rom und Florenz weilte.

6 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

7 »Über die Nachahmung in der Malerei«.

8 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

 

 

9             [GSA 52/I,3.4]1                                                                                               [Florenz, 3. Februar 1825]

 

            Ich habe mit Hr Metzger2 noch über Ihre Meinung wegen der Bekleidung meines Apostels3 gesprochen, und er ist mit Ihnen einig, er versteth nemlich daß das Ge­wand etwas leichteres erhalte als jennes das so wie von grobem Tuch sich schwerfällig wirft und daß es den Carackter des überirdischen an sich trage, und weil die Darstellung schwebend in der Luft ist, so müße es leichte Bewegungen an sich nehmen. Sonst meint er aber nicht daß das Kleid und der Mantel anders seyn soll als mann sie gewöhnlich Aposteln giebt. Herr Metzger der in allen Hinsichten ein vortrefflicher Mann ist, hat mir schon viele gute Räthe gegeben; und er ist mir von großem Nutzen, und er ist auch der­selbe der mich auf die Änderung meiner Composition gebracht hat. Er sucht auch überall den Geist der Eitelkeit zu unterdrücken, und geth mit dem Beyspiel von Rechtschafenheit und biederem teutschem Sinn voran, und er besitzt eine Gemüthsruhe die wahrhaft auferbaulich ist. Und von seinen Kindern lernt man die heilige Unschuld, wenn sie so wie Engelchen die italienische Litaney singen der älteste ist 4 Jahr der 2te ist 2 Jahr, und der 3te kam vor 4 Monat auf die Welt. Diese lieben kl Wesen sind oft bey mir, und sie stören mich nie, den sie sind gehorsam und sanft wie die Täubchen. Und Hr Metzgers Frau ist eine sehr brave liebe Frau, die uns beyden mit Freundschaft und Gefällig­keit zugethan ist.

 

Sonst haben wir hier aber gar keine Bekannte, diese liebliche Sphäre macht aber alles äußere leicht entbehren. Ich war nun so frey Ihnen hier einen kl Überblick unsers häus­lichen Klückes zu schildern. Und wenn Sie erst sehen würden das hl Kirchlein! und wenn sie mir so nah wie in Rom wohnten, gewiß brächten Sie mir selbst die Blumen für das hl Fensterchen. Leben Sie wohl! Leben Sie glücklich! Und freyen Sie sich recht wohlich des milden Climas, wen Sie so beym süßen Sonnenschein auf Ihrem wohlgebauten Schimmel ausreiten und das Fillen ist sicher schon recht groß!

 

Das sollte ich Ihnen doch auch noch sagen, daß ich bemerkte das hier der Fasching viel angenehmer gehalten wird als in Rom. Die Masken haben schon angefangen, und frey sind sie und lebenslustig ohne ausgelaßen zu seyn. und man merkt durch das fröhliche Gewimmel auch in den kleinsten Sträßchen das Fasching ist. überhaupt gefällt es mir hier sehr wohl. |:Das Grandiose und Ernste ausgenommen, was Rom so einen besonderen Carackter gibt:|; genießt man hier viele Vortheile mehr, und gefälliger und freundlicher sind hier die Menschen; und wir haben ein paar schöne Mädchen kennen gelernt die wir für Gelt, zum Modell haben können, zu welchem man um keinen Preis in Rom gelangen könnte, den genti di Garbo non fanno modello heist es dort, und so kan man über all’ anfragen und beschämt zurückkehren.

 

O Hätte ich nur Zeit! Mädchen bekäme ich da, rein in der Unschuld und schön wie die Engel!

 

Mein Gelt habe ich nun aus einem teuschen Schweizer Haus beziehen können. Grüßen Sie mir auch alle unseren lieben teuschen Künstler.

 

O Grüßen Sie mir mein

heiliges Rom!

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

 »All’Illm: Sigr

Il Signore Augusto Kestner

Consigliere della Legazione di S.

M: il Rè d’Hannovere in

Roma

villa Malta«

Als Jahreszahl ist nur 1825 möglich.

2 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

3 Hl. Bartholomäus (vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 338).

 

 

10         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                                [Konstanz, 2. Juli 1825]

 

            Länger soll und darf und kann es nimmer dauern mein langes Stillschweigen gegen einen Freund den ich so sehr in meinem Andenken verehre. Genehmigen Sie nun also den schönsten Gruß aus meinem heimathlichen Lande, in daß ich Gott sey Dank glücklich zurückgekehrt bin, und das nicht viel weniger schön als Italien mir auch wie­der – ja mehr als zuvor gefällt; den bey dem Schönsten lernt man das Schöne kennen. Und wo der Himmel ein Elterlich Haus bescheert, und ein Väterchen schenkt und Geschwister, und alles mit dem Hauche seiner Liebe beseelt, wer sollte da nicht glücklich seyn! Freylich so ruhig wie in Rom und Florenz sind meine Tage nicht mehr, den die Zahl meiner Bekannten ist hier groß; und wirklich hat mich die Freude und die Unruhe anfänglich |:so neu aus meinem Eremitenleben heraus:| gleichsam aus einer gewißen Faßung gebracht und ermüdet und dieß ist die Ursache warum ich Ihren lieben theuren Brief so lange nicht beantwortet habe. Ich hoffe nicht daß Sie diese Versäumniß Wandel nennen; den schweigend oder redend bleibt meine Freundschaft auf ewig dieselbe.

 

Allerliebst überraschten Sie mich mit dem holden Gedichtchen wahrlich! ein ander Englein hat Ihnen vorgeschwebt, als Jennes war, ja es verkündete mir ganz die Eigenschaft Ihres eigenen Begleiters. Gut, daß Sie in Sich mit so himlischem Glücke und heiterem Sinne begabt sind, den oft und schwer werden Sie die Trennung der theuren Familie Redens2 empfinden; und gerne möchte auch wißen wo diese Lieben nun wären. – Sie haben jezt das Ganze Geschäft alleine.3 Ich würde Sie bedauern, wen ich von Ihrer Thätigkeitsliebe nicht überzeugt wäre, ich freue mich also mehr, den es scheint mir Ehre & Beförderung in Allen Hinsichten – , genehmigen Sie also meine aufrichtigste Freude darüber, und meinen Glückswunsch. Aber nun werden Sie weniger Zeit zum Schreiben haben und mich lange nach einem Briefe schmachten laßen. Sie hatten recht daß Sie nach Cicilien4 giengen, schwerlich wären Sie jezt dazu gekommen; ich danke Ihnen herzlich für die Nachrichten die Sie mir davon mittheilten, und wahrlich ich preise Sie glücklich ein so herrliches Land gesehen zu haben!

 

den 2ten Julli.

 

Und Nun – ! was geschieth! – Gestern erhielt ich Ihr liebes Briefchen! Welche Überra­schung und welche Freude war dieß für mich! Sie kamen mir zuvor, den unvollendet lag mein Brief noch im Pulte, ich schrieb ihn vor einigen Tagen und wurde daran gestört. Jezt aber soll keine Hinterniß mehr mich davon abwendig machen; ja mit dem schönsten Danke eile ich Ihr unendlich liebes Briefchen zu beantworten, und alles was Sie von mir wißen wollen will ich Ihnen erzellen, wen Sie mich gedultig anhören wollen. Aber womit kan ich Ihnen die Artigkeit erwiedern die in Ihren Zeilen mich so freundlich ansprechen; dafür kan ich nur danken.

 

Wie sehr würde es mich freuen wen Hr: v: Redens hier durchreisten dan bäthe ich sie mir recht viel von Ihnen zu erzellen; und wie angenehm war es mir zu vernehmen daß deß theuren Hr: v: Reinholds5 Haus Ihr liebstes Ort geworden ist; ja da ist es einem wohl bey diesen Edlen, und ich freue mich daß Sie dieses Glück genießen.

 

Es ist noch nicht lange, erfreute mich Fr v. Reinhold mit einem lieben Brief; darf ich Sie bitten mich aufs dankbarste und schönste zu empfehlen bis ich selbst Zeit finde es in einem Briefe zu thun.

 

Ich bin eigentlich zu bedauern; ich wollte gleich nach meiner Ankunft das große Bild vom hl Bartholomeus6 malen, aber es fand sich ein Mißverständniß mit der Leinwand zu demselben, ich erhielt sie erst vor kurzem. Nun sollte das Bild vor dem Winter fertig sein und kaum fing ich die lezte Woche daran an. Ich bin also gewöhnlich von Morgens 5 bis 12, und von Nachmittag 3 bis ½ 8 Uhr an der Arbeit. Ich habe aber ein vortreffli­ches Lokale, es wurde mir nemlich der Rathhaussaal7 eingeräumt; der ganz nahe bey unserer Wohnung ist; Das Gebäude steth mit 3 Seiten im Waßer, und for der 4ten stehen hohe Linden, es ist ganz prächtich und 15 Kreuzstöcke8 hat das Zimmer wo ich darin male. Nicht wahr! in meinem Vaterland ist man gefällig! Ach! und so geht es immer seit meiner Rückkehr, ist eine Wohltath vollendet, kommt eine andere, und so hat mich also mein Gott noch niemals gestraft; desto schwerer werden einst die Leiden werden, für so viel unverdientes Gut! Von den Überraschungen gleich nach meiner Ankunft ließ sich vieles sagen; Sie sangen mir unter anderem ein Lied, daß ein Neffe allerliebst dichtete und sein Freund in Musig sezte, und alles war mit Blumen Tepichen und Leuchtern verziert. Dan entsprooß der Erde ein sia ben venuta, gesähet von Kreßigsalat gleich unter meinem Zimmerfenster in unserem lieben Gärtchen. Dan wurden mir Sa­chen gestickt und genäth und gestrickt, und verziert zum Geschenke gegeben; dan fand ich meine aufgefillten Kästen & Comoden wieder und so manches theure Besitzthum! was ich in Italien zu benützen verlernte stand mir alles zur Bequemlichkeit hingestellt, und so war mir dann so wohl!! so wohl! Das mein Vater Gott sey Dank gesund ist, und gleichsamm verjüngt haben Sie schon gehört, Als ich ihn neulich mit einer großen Composition überraschte, |:die Anbethung der hl 3 Koenige mit mehr als 36 Figuren:|9 so sagte er „nun muß ich auf ein neues wieder Alt werden, den ich werde warten müßen bis es gemalt ist.“ Das gute Kind für welches ich damals jennes Bildchen malte, ist noch immer krank, es hat ein außerordentliches Talent zum Zeichnen, und sucht mich in al­lem zu übertreffen, er komponierte nemlich am anderen Tage nach meiner Composition, eine Steinigung des hl Steffanus mit 40 Figuren; und er macht wirklich die Wunder­barsten Sachen. Bis ich meine Leinwand zum großen Bild bekommen hatte, malte ich an den 2 hl Jungfrauen10 von welchen Sie noch das Skitzchen sahen. Von Florenz kan ich Ihnen nichts berichten als daß ich da meinen großen Carton fertigte, und das meine Umgebung zwar immer dieselbe blieb; aber damit ganz zufrieden, ja höchst glücklich war. Die Umgebung von unsern 3 Familien, besteth in vielen Kindern, die eine Schwester hat 3 die andere 6 Kinder, worunter einige sehr nett sind, und ein paar sehr intereßant; der Sohn meiner ältesten Schwester zeichnet sich nemlich aus, daß er vom hiesigen Liceum einer der allerbesten ist, und einen Wandel ohne Tadel hat; es bestädigt sich hierin, daß der liebe Gott da wieder giebt, wo er genommen hat, den er ist in Allem das ähnliche Bild seines verstorbenen sehr geachteten Vaters. Es thut uns sehr leid ihn bald nach Freyburg ziehen zu sehen, wo er auf der dortigen Universidet seine Studien vortsetzen muß.11

 

Mit der Hoffnung Sie zu sehen sieht es nun übel aus; – kämen Sie aber so wären Sie von allen den li Meinigen gekannt, und da wir alle so eine sehr große Freude darüber hätten, so würden Sie vieleicht auch ein wenig Freude haben. Daß Versprechen wegen dem Porträt12 erinnere ich mich oft, aber so unartig ich damals mich wiedersezte, so geschieth es mit der Ausführung. Mein Vater erinnert mich auch immer daran. Bald werde ich also gehorchen.

 

Schreiben Sie ein andermal auch Ihre Attresse, Sie werden jezt wohl eine andere haben. Grüßen Sie mir auch hochachtungsvoll die li Bunsischen13, und unsere teuschen Künstler, vorzüglich Heinrich Heß,14 Torwalzen,15 die beiden Veit16 & ihre Frauen, Rittig.17

 

Alle die Meinigen empfehlen sich Ihnen aufs Schönste und Nun lieber Freund! Leben Sie wohl! Leben Sie glücklich & angenehm, reiten Sie fleißig auf dem arabischen Pferdchen spazieren; und trinken Sie Seligkeiten, wenn Sie mit Ihrer reinen Seele die Wunder der Natur betrachten; oder wenn Sie sonst in göttlichem Frieden |:den die Welt nicht geben kann:| Ihr Dasein, und Ihre Bestimmung empfinden. Gott sey also mit Ihnen, und Er erhalte Sie gesund.

Von Herzen

 

                                                                       Ihre Freundin Marie Ellenrieder

 

Ich bin so frey ein klein Briefchen an Hr Zwerger18 beyzuschließen, er schrieb mir ein­mal nach Florenz, daß er im Sommer nach Neapel gehe, sollte er dort seyn, so behalten Sie dies Briefchen bis er zurück kömmt, ich bath ihn nur um einen Gefallen den er mir vor seiner Abreise nach Teuschland erweisen möchte; den er sagte damals, daß er auch bald zurückkehre.

 

 

1 Brief ohne Jahreszahl adressiert an:

»All’Illustrissimo Sigr:

Il Signore Consigliere della Lega-

zione di S. M. il Rè d’Hanovre

Roma

villa Malta«

Für den Brief an August Kestner nach der Rückkehr der Künstlerin aus Italien kommt als Jahreszahl nur das Jahr 1825 in Betracht.

2 Franz Freiherr von Reden (1754-1831), war bis 1825 Gesandter des Königreichs Hannover in Rom.

3 Bezieht sich auf die Ernennung August Kestners zum Chargé d’ affaires am 13. April 1825.

4 Ende des Jahres 1824 unternimmt August Kestner zusammen mit zwei Freunden eine Reise nach Sizilien, von der er Weihnachten 1824 zurückkehrt (vergl. Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 151ff.).

5 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

6 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

7 Ehemaliges Rathaus am Fischmarkt in Konstanz.

8 Gemeint sind wohl die Fenster, die mit Kreuzstöcken versehen waren.

9 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen erwähnt.

10 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 334.

11 Valentin Joseph Friedrich Detrey (1805-1839). Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 173 und 174.

12 Das Versprechen löste sie später ein; das Portrait wurde aber im 2. Weltkrieg zerstört.

13 Christian Freiherr von Bunsen (1791-1860), Gesandter Preußens in Rom.

14 Heinrich Maria von Heß (1798-1863), Maler aus Düsseldorf, ab 1827 Professor an der Akademie in München.

15 Bertel Thorvaldsen (1770-1844), dänischer Bildhauer.

16 Philipp (1793-1877) und Johann Veit (1790-1854), Maler aus Berlin. Beide weilten seit 1815 in Rom.

17 Peter Rittig (1779-1840), Historienmaler aus Koblenz, seit 1816 in Rom. Das in der Literatur angegebene Geburtsjahr »1789« scheint nicht zutreffend zu sein (vergl. Norbert Suhr, Peter Rittig, Johann Anton Ramboux und Anton Dräger – drei Nazarener aus der preußischen Rheinprovinz, in: Ausst.-Kat. Landesmuseum Mainz, Die Nazarener – Vom Tiber an den Rhein, hrsg. von Norbert Suhr und Nico Kirchberger, Regensburg 2012, S. 65).

18 Johann Nepomuk Zwerger (1796-1868), Bildhauer aus Donaueschingen.

  

 

11         [DKGNM, Nachlass Metzger, I,B-24]1                                                             [Konstanz, 8. Juli 1825]

 

Mein lieber Hochverehrter Freund!

 

Empfangen Sie meinen wärmsten Dank für Ihrem theuren lieben Brief, er athmet die nemliche Güte und die herzliche Theilnahme, und die besten Räthe, wie ich sie als höchst Beglückte in Ihrem Hause genoß. Aber freylich zu späth kam die Erinnerung für die Höhere Stellung der Engel,2 es gefällt mir aber so wohl, daß ich, wen es mir möglich ist das gemalte rein herauszubringen, ich mich dazu entschließen werde sie so wie Sie sagten aufzuzeichnen. Mit der Färbung bin ich auch vollkommen zufrieden; aber mit Einem lieber Freund! kan ich nicht schonen. Ich muß, ich muß Sie bitten, daß Sie mir diese Skitze schicken, ich thue mich so hart weil ich bey all meinen Bildern immer nach den Skitzen meine Vorkehre traf. Ja ich fordere Sie auf im Namen Jesu und beym heili­gen Fensterlein!3 daß Sie sie mir schicken, auch wenn sie unvollendet wäre. Es thut mir sehr leid Sie so quellen zu müßen. Schreiben Sie hiezu welche Wünsche Ihnen noch dabey übrig bleiben; die Ausführung mit dem Pinsel könnte zu sehr Ihre angestrengten Augen angreifen, ich verstehe Sie schon, ich habe Sie immer verstanden.

 

Ich schreibe Ihnen Heute nichts von meinem heimathlichen Leben Sie haben dieß von meiner li Freundin gehört. Auch mangelt mir immer die Zeit, den so ruhig wie ich in Italien lebte, so ruhig sind meine Tage nicht mehr. Die Leinwand zum Bilde blieb lange aus, ich arbeite also den ganzen Tag von Morgen früh bis Abends Späth, und habe daher wenig Ruhe; bis an dem großen Bilde anfangen konnte, machte ich den Carton zu jenen 2 hl Jungfrauen4 für ein kleines Bildchen; und malte es unter und über, auch untermalte ich ein kl Hl Johanevangelist;5 und dachte mir in meiner lezten Krankheit eine Composition aus, die Anbethung der hl 3 Könige mit 36 Figuren.6 Ich wünschte sie Ihnen zeigen zu können, ich ließ die hl 3 Könige mit ihrem Gefolge durchs Gebürg herab kommen.

 

Ich freue mich sehr auf Ihr Porträt. Und danke der guten Predl7 schon im voraus und Ihnen für Ihre Gedult. Sagen Sie der Predl daß mich ihr Brief sehr gefreut habe, ich werde ihr nicht mehr schreiben bis sie mir aus Venedig wird geschrieben haben. Die kl Hexe! die sieth jezt Venedig, und ich sah es nicht! Doch war ich mit meinem Reisegefährten dem braven Hochachtungswürdigen Herr Baethe8 sehr zufrieden, ja es war mir, als ich mich auf einmal in meiner lieben Heimath sah, als hätte ein Engel mich über Berg und Thal getragen und so mich in die Arme der lieben Meinigen gebracht. Gott vergelte es ihm. Aus Carlens Heimath bekam ich gleich Berichte, sein Onkel dankte mir nemlich für die Gefälligkeit die ich ihm auf der Reise erwiesen hätte; aber ich versichere Sie ich tath ihm gar nichts.

 

Sind Sie auch in meinem lieben Zimmerchen? Sie sagen mir gar nichts von dieser heiligen so unbeschreiblichen lieben Wohnung! O! daß ich Ludovico & Rudolfo bisweilen singen hören könnte; wie schön müßte es in dem großen Zimmer wiederhallen wen die unschuldigen Stimmen das Lob Gottes verkündeten. Ich male nemlich das große Bild im Rathshaussaale er ist 4eggicht und hat 15 Kreuzstöcke und ist unserem Hause ganz nahe. O daß ich noch einmal Ihre lieben Kinder an mein Herz drücken könnte!! Ich habe doch ein schönes Leben bey Ihnen gehabt! den lebendige Engelchen wandelten um uns! Sagen Sie auch Ihrer lieben Frau meine hochachtungsvolle Grüße und meine Liebe womit ich sie in meinem Andenken verehre. Und der guten Angiolina sagen Sie auch viele Grüße. –

 

Herr Fries9 wird auf dem Lande sein! Das Hr Hof,10 bey der Fr Schwester der Sigr Annina freut mich, aber ich tachte mir er wohne bey Ihnen. Sagen Sie ihm viel schöne Grüße von mir, und den Wunsch daß Gott ihn bey seiner Arbeit segnen wolle, und daß ich mich oft in seiner Nähe denke, und mich an seinem Fleiße auferbaue.

 

Leben Sie wohl! mein lieber Freund! Gott schenke Ihnen Gesundheit und so viel Glück als ich es wünsche. Ich dachte oft daran daß Sie einmal sagten, daß Sie Geschäfte wegen nach Teuschland reisen müßten, und ich sah immer dieser freudigen Überraschung entgegen. Ja kommen Sie doch! und hohlen Sie Kraft an der Vaterländischen Luft.

 

Leben Sie wohl! und genehmigen Sie noch 1000mal die Versicherung meiner vollkomensten Hochachtung und wahrer aufrichtiger Freundschaft.

 

Konstanz den 8ten Julli                                                                                                           Marie Ellenrieder

 

Meiner geliebten Predl wünsche ich eine gesegnete Vollendung ihrer Bilder, eine glückliche Reise, und Glück in allen ihren Unternehmungen.

 

Empfehlen Sie mich auch gefälligst Hr: v: Redberg11 & Andere Bekannten.

 

Denken Sie lieber Freund! Heut puzte ich mit Terpentin und einem steifen Pinsel das Gemalte mit der ganzen Contur der beyden Engel aus, und bin nun froh über die Ausführung meines Entschlußes wodurch ich das Andenken an Ihren weisen Rath so lange ich sein werde dankbar verehre.

 

den 9ten Julli. Gestern gieng ich noch zu Hr v: Scherers,12 sie zu fragen, ob sie eine Co­pie nach jennem Coreggio wollen. Aber sie trugen mir nun auf Sie zu bitten, jenne alte Copie zu kaufen, wie sie ist, ohne etwas daran machen zu laßen, wenn man sie für 20 Louidors bekömt, auf ein oder 2 Loudors mehr soll man nicht schauen. Und dan möchten Sie gütigst die Versendung übernehmen, auf der Blindram, aber ohne goldene Rame. Sie werden mir aber wohl noch vorher schreiben müßen, ob die Leute den Kauf eingehen. Wenn Ihnen aber Hr Gschwend13 das Gelt giebt, können Sie es sogleich be­zahlen, Hr v: Scherrer würde es dan alsogleich in St Gallen dankbar erlegen. Mit den Briefen habe ich 5 Paul Unkösten gehabt; ich mag es aber nicht verlangen. bringen Sie es in Cognito in die Rechnung, und schenken Sie es dan der guten Angiolina. Den den Reichen bin ich nicht geneigt etwas zu schenken, es ist genug das ich Zeit verloren habe!

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

           »All’Illustrissimo Sigr.

Il Signore Giovanni Metzger

Pittore celebre. Borgo Corboloni

No. 4707 Palazo della Commenda

in

Firenze«.

Die Jahreszahl ergibt sich aus einem Eintrag fremder Hand (wohl Metzger selbst).

2 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 338.

3 Fenster von ihrer Wohnung in Florenz zur Kirche.

4 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 334.

5 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 348.

6 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

7 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Rom und Florenz weilte.

8 Carl Baethe, Reisebegleiter der Künstlerin auf der Rückreise von Florenz nach Kon­stanz.

9 Ernst Fries (1801-1833), Maler aus Heidelberg.

10 Nikolaus Hoff (1798-1873), Zeichner und Kupferstecher aus Frankfurt.

11 von Redberg, nicht ermittelt.

12 Die Familie der Freiherrn von Scherer wohnte auf Schloss Castell bei Tägerwilen im Thurgau. Marie Ellenrieder hat Albertine von Scherer mehrfach portraitiert.

13 Gschwend, nicht ermittelt.

  

 

12         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                                 [Konstanz, 23. Juli 1825]

 

            Es wird mir in diesem Augenblick nicht mehr zu Theil als daß ich Sie grüße. Und es thut mir sehr leid daß ich in dieser Zwischenzeit mein Wort nicht hielt, jezt hätte ich durch Herrn Buß2 eine allerliebste Gelegenheit gehabt. Nehmen Sie indeßen diese Abdrücke, es ist aber auch nicht die ganze Sammlung, weil ich nicht von allen Blättern Abdrücke mehr habe.

 

Da dies mein Landsman ein sehr artiger gebildeter junger Man ist, möchte ich ihm doch gerne gönnen daß er Hr: v: Reinholds3 könnte kennen lernen; Sie könnten Ihn wohl hin begleiten.

 

Leben Sie wohl! mein Lieber Freund.

 

Constanz den 23ten Julli                                                                                                           Marie Ellenrieder

 

 

in Eile

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Wohl Empfehlungsschreiben für Franz Joseph Buß (1803-1878), ab 1833 Juraprofes­sor an der Universität Freiburg, der 1825 als Student zusammen mit Hofrat Joseph Schmiderer eine Reise nach Italien unternahm (zu Franz Joseph Buß vergl. Julius Dorneich, Der badische Politiker Franz Joseph Buss, Diss. Freiburg 1921, S. 5)

3 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

 

 

13         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                     Constanz den 20t August [1825]

 

Mein lieber Freund!

 

Verzeyen Sie wenn ich Heute eine Bitte an Sie thue. Meine liebe Predl2 schrieb mir aus Livorno; daß sie sich einschiffe nach England; und daß sie von Florenz sehr viele und bedeutende Empfehlungen mitbekommen hätte; daß sie aber dennoch wünschte eines aus Rom auch zu erhalten; und ersuchte mich daher Sie zu bitten. Nicht wahr? lieber Freund das können Sie thun, und wenn es möglich ist thun Sie es gewiß! Der Himmel wird gewiß der guten Predl ihr Unternehmen begünstigen und ihr Arbeit segnen; und wirklich man darf sie in allen Hinsichten empfehlen; sie wird Porträtte malen und sie hat das Glück es recht gut aufzufaßen.

 

Sie werden meinen Brief, und meinen 2ten Brief mit den radierten Blättern erhalten habn. Schade, daß ich nicht damals die versprochene Zeichnung fertig hatte. Es geth aber im Frühjahr ein junger Künstler von hier nach Italien, bis dorthin wird doch einmal das Gesicht halten müßen.

 

Hoffentlich werden Sie doch und Hr: v: Reinholds3 wohlauf seyn. An meinem Bilde arbeitete ich diese Zeither imer vom Morgen bis in die Nacht.

 

Leben Sie wohl! Leben Sie Alle wohl! Mit dem herzlichsten Andenken bin ich Ihnen stetz nahe, und wünsche ein Stündchen; ach! nur ein Stündchen wieder einmal bey Ihnen zu seyn.

 

Ihre Freundin

 

                                                                                          Marie Ellenrieder

 

Die Predl hat die Attresse so schlecht geschrieben, daß ich sie nicht recht zu lesen weiß, ich lege sie also bey. Wenn Sie das Briefchen an die Predl lesen mögen, es enthält ein paar Antworten, worüber sie mich fragte. Die ich aber sonst nicht weiters sage.

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Rom und Florenz weilte. Sie plante damals eine Reise nach England, wo sie eine gewisse Zeit erfolgreich tätig war (vergleiche Edwin Fecker, Die Malerin Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1871), in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern, Bd. 131, Landshut 2005, S. 37-70).

3 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom und später in Bern.

 

 

14         [DKGNM, Nachlass Metzger, I, B-24]1                                                  [Konstanz, 7. September 1825]

 

            Was ich im ersten Briefe an Sie schrieb, widerhole ich jezt, und noch eben so oft als ich an Sie denke.

 

Um was ich Sie aber in diesen Zeilen bitte – ist daß Sie Herrn v: Röder2 in Ihr liebes Haus aufnehmen; er ist es mehr würdig als ich es war. – Und ich zweifle auch nicht daß Sie es möglich mächen können da die gute Predl3 abgereist ist.

 

Leben Sie wohl! Ich grüße Sie alle von Herzen.

 

Constanz den 7ten Sept.                                                                                                            Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe an Giovanni Metzger in Florenz. Die Jahreszahl ergibt sich aus einem Eintrag fremder Hand (wohl Metzger selbst).

2 Carl Christoph Freiherr von Röder (1789-1871), mit ihm verband die Künstlerin eine lebenslange innige Freundschaft.

3 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Rom und Florenz weilte und kurz zuvor nach England abgereist war.

 

 

15         [RM Konstanz, 1]1                                                                                   [Konstanz, 17. September 1825]

 

Ein herzlicher Jubel, war es für uns Alle, als wir Ihre Federzüge wieder erblickten; denn wir waren so begierig zu hören, ob Sie kommen, oder wohin Sie gegangen, und wie der Saurbrunn  Ihnen bekömmt, und Gott sey Dank, die Nachrichten über Ihre Gesundheit waren gut. Aber – lieber Freund, was haben Sie gethan! Schon wieder sehen wir uns alle beschenkt. Nimmer können wir Ihnen genug danken  –  Jedes verwahrt nun ein neues Gut von Ihnen, und wie schön haben Sie es gewählt  –  ein theures bleibendes Andenken! kein Anderes mehr darf dieses verdrängen, nie würden wir mehr für Sie bethen; hören Sie daß! –

 

Und wie niedlich und herzlich erfreuten Sie mich mit dem schönen Gedichte und dem Kränzchen, warum haben Sie mir es so lange vorenthalten? Sie dachten gewiß es wäre zu schön für mich, und da hatten Sie recht.

 

Daß Sie bald wieder Ihre Arbeiten vornehmen können freut mich auch herzlich, sind Sie dan nur nicht zu fleißig und folgen Sie diesem Rath, oder vielmehr – machen Sie es wie ich. – Nur langsamm gehe ich zu Werke, und plage mich nicht. Ich dürfte mir eigentlich hierin herbe Vorwürffe machen, denn ärmlich nur haben sich seither meine Studien gemehrt. Ich muß auch mehrere davon verwerffen, weil ich in der Composition einige Veränderungen vornahm. Doch, bis im Frühjahr mit Gottes Hilfe werde ich zimlich alle beysammen haben. Dan – wird mir aber Angst werden wenn Sie mit Ihrem priffenden Auge weniger Sehen als Sie erwarten. – Vorerst will ich mich aber freuen, wen Sie kommen, wenn wir Sie wieder sehen! und jezt trauern daß es noch so lange dauert. –

 

Leben Sie nun wohl. Ich ende schon, den ich kann nicht so lange artig sein wie Sie, ich will daher einem Engelein2 den Auftrag geben daß er für mich schreibe, den nur ein Englein vermag so liebliche Zeilen wie die Ihrigen sind zu erwiedern.

 

Mit herzlicher Verehrung Ihre

 

Konstanz den 17ten September                                                                                            treue Freundin

                                                                                                                                            Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe an Carl Christoph Freiherr von Röder (1789-1871). Die Jahreszahl 1825 ergibt sich aus dem im Rosgartenmuseum Konstanz erhaltenen Gedicht Röders mit dem anhängenden Kranz aus Alpenrosen, der mit Offenburg den 30ten August 1825 datiert ist.

2 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 387.

 

 

16         [GSA 52/I,3.4]1                                                                               Konstanz den 16ten November [1825]

 

            Heute mein lieber Freund habe ich Sie wieder um etwas zu bitten. Doch eine Freude muß ich Ihnen zuerst erzellen. In diesen Tagen kam eine unaussprechlich liebe junge schöne Dame mit ihrem Gemahl hier durchreisend mich zu besuchen sie heist Bischof2 und ist eine geborene Kestner: ich kan Ihnen nicht sagen wie mich dieß freute. O! es war eine liebliche Erscheinung. Nimmer kan ich das freundliche seelenvolle Aug vergeßen, und die liebliche Stimme mit welcher sie ihren Namen nannte, und mir von sich & Ihnen erzellte. Aber bedauern Sie mich, ich genoß dieses Glück kaum ein halb Stündchen, sie ließen sich nicht überreden länger zu bleiben, weil gerade sehr schlechtes Wetter war & sie sich deßwegen nach Hause sehnten. So verschwand daß holde Wesen gleich einem augenblicklichen Traume! Sie trug mir auf Sie herzlich zu grüßen. Sie erzellte mir auch von Hr v. Redens3 und es ist nicht lange, erfreute die li Frl Elise mich auch mit einem theuren Briefchen; den 20ten reisen sie von Karlsruh nach Berlin ab. Daß sie aber in einer Entfernung vorüber giengen schmerzt mich sehr.

 

Nun sollte ich aber mit meiner Bitte kommen. Es wird in kurzer Zeit ein sehr lieber Freund von unserem Hause nach Rom kommen, und das ist, Baron Röder4 aus Offenburg. In allen Hinsichten ein vortrefflicher, ausgezeichneter Mann; Ich wollte ihm einen Brief an Hr v: Reinholds5 mitgeben, aber es ist sein Wunsch in Rom ganz ungekannt glücklich zu seyn und nur seinem Studium zu leben und die Zeit recht thätig zu benützen. Er malt sehr schön Landschaft & Archidecktur, er malte zum Beispiel das herrliche Münster in Freyburg, und wählte zu deßen Verschönerung der Moment, wo der Bischof den hl Segen ertheilt und das Volk auf die Knie sich wirfft. Von diesem Allem wird er Ihnen nichts sagen, und er verboth mir es auch.

 

Da er aber auch gar so lieb & brav ist möchte ich ihm doch einen Freund gönnen; und wer ist dieser Tugend wohl fähiger als Sie, Nicht wahr lieber Freund! Sie werden ihm gut? Er wird Ihnen mit nichts beschwerlich fallen, den er kennt nichts anderes als selbst andern zu dienen & sich liebenswürdig zu machen. Nur um dieß bäthe ich Sie in meinem Namen, ein wenig auf eine Wohnung für ihn bedacht zu seyn, damit er zu guten Leuten kömmt; wenn vieleicht Sirlettis6 Wohnung frey wäre – freylich möchte ich ihm was beßeres gönnen, am liebsten in Torwalzens Hause7, wo zugleich auch der Tisch ist. Und dan empfehlen sie ihn nur als einen teuschen Künstler sonst könnte er geprellt werden. Er wird auch niemals mehr scheinen wollen daher wollen wir von ihm schweigen, und so dadurch seinen Willen erfillen; Ihnen allein vertraue ich dieß Kleinod |:von einem Menschen:| an, und hoffe daß er Ihnen so lieb werden wird, wie er es uns allen ist; und wie er es auch ewig bleiben wird. Er versprach in 8 Monaten wieder zurück zu kehren; aber ich hoffe es wird ihm beßer gefallen.

 

An meinem Bilde des hl Bartholomeus8 war ich diese Zeit über recht fleißig, aber ich kan es dennoch vor dem Winter wie ich hofte nicht fertig bringen; doch hat es aber etwas gewonnen, Gott sey Dank, und ich bin sehr froh darüber, denn es wollte mir gar nicht mehr gefallen, und ich fühlte so in aller Schwere die harte Aufgabe einen Apostel zu malen. –

 

Nun leben Sie so fortwehrend wohl, wie ich es bis jezt von Ihnen erfuhr; und erlauben es Ihre Geschäfte so erfreuen Sie mich wieder einmal mit einem freundlichen Wörtchen.

 

Ihre

                                                                                                                               treue Verehrerin & Freundin

                                                                                                                                                Marie Ellenrieder

 

den 17ten

 

Noch unverschloßen lag dieser Brief in meinem Pulte; und nun kan ich Ihnen noch mit Herzlicher Freude für Ihren lieben Brief vom 6ten Dieß danken. Nur schade daß er nicht ein paar Tage früher kam, ich hätte im Wirthshause den Auftrag geben können; wenn jemand unter diesem Nahmen ankäme. Und so wäre meine Freude vollkommen gewesen. Den ich hätte sie gleich in Verwahrung genommen sie hingegen kam des anderen Tages erst, an dem sie wieder abzureisen beschloßen sie versprach es aber auf ein andermal.

 

Daß Sie eine Gelegenheit finden meine geliebte Predl9 zu empfehlen freut mich & ich danke Ihnen 1000mal. Und mit einem Auftrage erfreuten Sie mich ja auch höchlich. Da wird aber was Rechtes herauskommen müßen für Sie! Aber wie kan meinem Sinne etwas so liebliches & Gutes Einfallen, daß Ihrer würdig wäre? Am liebsten dächten Sie mir selbst etwas aus; dan wollte ich es versuchen. –

 

Daß Sie den Brief mit den radierten Blättern nicht erhalten haben, thut mir leid, den es waren viele – Doch ist es beßer als jenne Porträt Zeichnung, den dies hätte ich nicht gern wieder gemacht; wohl aber die Blätter ersetze ich Ihnen gerne, und es thut mir leid, daß ich es nicht gewußt habe als der liebe Hr v: Röder von hier abreiste. Den theuren lieben Reinholdischen 1000 hochachtungsvolle Grüße. sagen Sie Hr: v: Reinholds, daß Herr v: Wessenber[g] mit seiner Fr Schwester und den 2 jungen Gräfinen in Mayland war, und von da nun glücklich zurückgekehrt ist.10 – Wir haben einen schönen Sommer gehabt, und sehen einer Segensreichen Weinlese entgegen; daher wirds ein lustiger Herbst werden. Mein Vater springt gewiß wieder über das Feur. – Leben Sie wohl!!!!!

 

 

1 Brief ohne Adresse und Jahresangabe an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Caroline Bischoff, geb. Kestner, Nichte August Kestners, verheiratet in Basel, war laut einem Brief Kestners an seine Schwester Charlotte 1825 bei Marie Ellenrieder in Konstanz zu Besuch (vergl. Hermann Kestner-Köchlin (Hrsg.), Briefwechsel zwischen August Kestner und seiner Schwester Charlotte, Straßburg 1904, S. 145).

3 Franz Freiherr von Reden (1754-1831), war bis 1825 Gesandter des Königreichs Hannover in Rom.

4 Carl Freiherr von Röder (1789-1871), mit ihm verband die Künstlerin eine lebenslange innige Freundschaft.

5 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

6 Die Wohnung in der auch Marie Ellenrieder in Rom wohnte.

7 Casa Buti.

8 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 338.

9 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin, mit der zusammen Marie Ellenrieder in Rom und Florenz weilte.

10 Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774-1860), von 1817 bis 1827 Bistumsverweser von Konstanz.

 

 

17         [GLA 56, Nr. 5255 b]1                                                                            [Konstanz, 26. November 1825]

 

Schon lange nahm ich es mir vor, wieder einmal an Euer Excelenz mich schriftlich zu wenden, den für mündlich das Glück zu haben ist für dieses Jahr meine Hoffnung vorüber, so sehr ich auch die ganze Zeit von Morgen bis Abends an dem Bilde des hl Bartholomeus beschäftigt war; und trotz aller Anstrengung gelang es mir nicht damit fertig zu werden. Ich muß also überwintern und es dan im Frühjahr vollenden, daher verließ ich das Bild |:das im Rathshaussaale steth:| und arbeite nun zu Hause und möchte diesen Winter wen mir Gott Gesundheit schenkt recht fleißig sein, ich hätte so viele kleinere Bestellungen und möchte auch gern den Versuch machen meine Madonna2 in Kupfer zu radieren. –

 

Meine Freude ist dan desto größer, je länger meine Wünsche werden gedaurt haben Euer Excelenz persönlich kennen zu lernen. Ich wünsche und hoffe daß jenne Reise ins südliche Frankreich auf Ihre Gesundheit eine wohlthätige Wirkung gethan habe.

 

Ich hätte heute eine Bitte an Euer Excelenz wen ich sie sagen dürfte. – Meine Freundin, die mit mir in Rom & Florenz war, reiste nach London um da ihr Kunstglück als Porträtmahlerinn zu versuchen, sie sorgte daher bey allen ihren Bekannten um Empfehlungsbriefe, und sie hat auch wirklich deren sehr bedeutende erhalten, vorzüglich durch den rußischen Gesannten in Florenz3 den sie zu allgemeiner Befriedigung vortrefflich malte. Da man aber der guten Empfehlungen nie zu viel haben kann, so nahm ich mir vor Euer Excelenz zu bitten, da Sie gewiß Verbindungen in England haben mir ein gutes Wörtchen für sie einzulegen. Sie ist sehr glücklich im Auffaßen und hat den schönsten Farbensinn; und in Hinsicht Ihrer Ausführung ist sie Tadellos! Nicht wahr, Euer Excelenz verzeyen mir diese Bitte, und laßen mich wenn es möglich die Erfillung hoffen. Sie heist Catarina von Predl4 und ist eine Bayerinn. Dan sendeten Sie es gefälligst an mich da ich eine Gelegenheit weiß, wo sie es frey erhalten kann.

 

Leben Euer Excelenz nun wohl, und dürfte ich bitten Ihrer verehrten Frau Gemahlin mich unterthänigst zu empfehlen. Verschmehen Sie auch nicht die Versicherung meiner tiefen Verehrung     

Euer Excelenz.

 

Constanz den 26ten Nov:                                                                               unterthänige Dienerin

                                        Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adessiert an:

»Seiner Excelenz

Dem Herrn Minister

Freyherrn von Berstett

in

Carlsruhe«.

Aus dem Inhalt des Briefes lässt sich die Jahreszahl auf 1825 bestimmen.

2 Vergleiche Fischer und Blankenhagen WV 329A; Edwin Fecker, Die Druckgraphik der badischen Hofmalerin Marie Ellenrieder (1791-1863), Heidelberg 2002, WV 29; Andreas Andresen, Die Deutschen Maler-Radirer (Peintres-Graveurs) des neunzehnten Jahrhunderts nach ihren Leben und Werken, Leipzig 1872, 4. Band (Marie Ellenrieder), WV 1.

3 Aleksej Pschwerzkoff (1791-1828), russischer Gesandter in Florenz.

4 Katharina von Predl reiste im Sommer 1825 nach London.

 

 

18         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                              [Konstanz, 7. Januar 1826]

 

            Heute lieber Freund nur 2 Worte. Also nichts von Ihrem lieben Briefe und den lieblichen Bruchstücken die sich darin befanden. Nur den christlichen Wunsch zum neuen Jahr, den Gott an Ihnen erfillen möge. – Ich war etwas unwohl und fühle mich davon geschwächt; daher bitte ich Sie nur, daß Sie diesen inliegenden Brief Rödern2 behalten möchten bis er zurückkömmt aus Neapel, seine Fr Mutter schloß ihn mir bey und da sie nichts davon weiß daß er dahin gegangen ist, so könnte der Brief zu lange auf der Post liegen müßen und der Gefahr ausgesezt seyn verlohren zu gehen.

 

Vergeben Sie mir diese Bitte und leben Sie wohl. Grüßen Sie mir von ganzem Herzen die theure Familie von Reinhold.3

 

Außer den paar Tagen daß ich krank war lebte ich stetzfort glücklich Gott sey Dank, und war auch fleißig ein bischen.

 

Ach! daß ich es auch nicht wieder vergeße; sagen Sie doch gefälligst dem braven Zwerger,4 daß er seinem Fürsten bisweilen schreiben soll, er beglagte sich mit großer freundschaftlicher Theilnahme als er vor einiger Zeit hier durchreiste; und erkundigte sich bey mir nach ihm und sein Begleiter versicherte mich im Vertrauen daß es den Fürsten schmerze etc.

 

Leben Sie wohl! mein lieber Freund; und bleiben Sie mir im neuen Jahr, was Sie im Vergangenen mir waren. Gott sey mit Ihnen und er erhalte Sie immer gesund, bis Sie einmal ein bischen heimwehkrank werden, daß Sie sich aufmachen und nach Ihrem Vaterland ziehen; und aber im vorbeygehen Ihre Verehrerin nicht vergeßen, die am Bodensee ihrer harret.

 

Constanz den 7ten Jenner 1826                                                                                              Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief an August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom.

2 Carl Freiherr von Röder (1789-1871).

3 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

4 Johann Nepomuk Zwerger (1796-1868), Bildhauer aus Donaueschingen, Schüler von Thorvaldsen. Zusammen mit Zwerger reiste Marie Ellenrieder 1822 nach Rom.

 

 

19         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                             [Konstanz, 25. April 1826]

 

            Ich bin eigentlich zu späth daran Ihnen meinen Antheil an der Freude zu bezeugen die Sie in so lieblicher Umgebung und der allerschönsten Natur in Frescadi2 genoßen; sie mahlten es mir so lebhaft, daß wen Sie mir nicht so lieb wären ich Sie hätte beneiden müßen ich könnte daher auch nicht schweigen, ja ich muß Ihnen sagen daß mich Ihrer liebliche Beschreibung ganz entzückte.

 

Sie forderten daß auch ich Ihnen dergleichen Freuden mitheilen sollte; aber genöße ich Sie auch, – so schön wie Sie, ist mein Herz nicht würdig die Sache aufzufaßen. Doch klagen darf ich nicht, den so theur mir auch Italien war, so theur ist mir auch meine Heimath wieder, und so viel ich auch bisweilen entbehre, so groß ist mein Dank, den nicht wieder darf die Zeit für mich kehren, es wäre zu viel Glück! Ich habe genug, Gott sey Dank. Er hat mir mein Vater gespaart er hat mir in allen Hinsichten eine liebliche Heimath geschenkt, und thue ich mich auch bisweilen in der Kunst sehr hart, so ersezt mir der Frieden der Seele |:wen schon ohne alle eigene Verdienste:| es doch immer in unendlicherem größerem Maaße.

 

Am liebsten wäre es mir, ich könnte den Sommer über in Constanz bleiben, allein später muß ich nach dem Unterlande ziehn und vieleicht erst im Winter wieder zurückkehren können. In wenigen Tagen geh ich an das Bild des hl Bartholomeus.3 Von 5 angefangenen kleineren Bilder habe ich bisher nur 3 bereits fertig gemacht, ich zeichnete aber den Winter fleißig nach der Natur, Köpfe und trapierte Figürchen. Und nun bestädigten Sie mir Ihren Ehrenvollen Auftrag was mich herzlich freut. Und ich stimme ganz mit Ihnen überein, daß ein Kniestück nicht übel wäre, ich habe noch in Florenz eine hl. Cecilia componiert mit einer kleinen Orgel auf der Schooß4 worauf sie mit der rechten Hand spielt und mit der Linken die Orgel hält, wenn ich daran komme würde ich Ihnen dan eine kleine Skitze davon machen. Und es müßte dan die erste Arbeit sein nach dem was angefangen ist, und den paar Paar Porträten in Mannheim. Nur muß ich Ihnen bemerken, daß wen mir ein Kirchenbild aufgetragen wird, ich ein solches vor all’ anderem unternehme, dieß beobachtete ich seit seit mehreren Jahren. Und soeben stehe ich in Unterhandlung wegen einem Hauptbilde in eine Dorfkirche aus dem Bezirksamte Lörach.

 

Von meiner Freundin Predl5 habe ich die besten Nachrichten sie hat 5 lebensgroße Porträte zu mahlen und zu 2 historischen Bilder Aufträge, sie hat Freunde da gefunden die sie beschitzen und die ihr die allerbesten Hoffnungen für die Zukunft machen, den im May wird eine Kunstausstellung seyn wo sie den auf einmal öffentlich wird bekannt werden. Für ihre Bilder hätte sie 40 Louidors Eingangszoll erlegen sollen; wie aber der Mautbeamte die Kiste öffnete, sieh’ da! da war alles grau und schimmlich – da hieß es, daß man diese Dame nicht so sehr in Schaden bringen könne, und sie durfte damit ziehen ohne einen Kreutzer bezahlen zu müßen; stille aber im Herzen entzückt eilte sie nach Hause und am zweiten Tage standen die Bilder so schön wie nach ihrer Vollendung da. So beschützt in allen Vorfällen die weise Vorsehung von Oben, meine geliebte Predl. Gott sey Lob & Dank. Ihre Atresse ist. /28. Soho Square London/.

 

Das ich Ihr liebes Briefchen aus Frescadi erhalten daß es mich innig erfreute und herzlich dafür dankbar bin, habe ich Ihnen schon bezeugt: aber es umständlich zu beantworten, dazu schlug das süße Stündchen so lange nicht! doch ist es jezt gekommen ich eile es mit aller Treue & Liebe zu umfaßen, die jenner Treue & Liebe gleicht womit ich Sie in Gedanken verehre. Ja wenn Sie wüßten wie oft ich im Geiste bey Ihnen weile! oft sehe ich Sie glücklich oft aber es weniger, wen der Schwarm der Weltsinder um Sie zu groß wird. Bisweilen fahre ich mit Ihnen nach der Ponte Sakara und villa Severina und zum Grabe des hl Bartholomeus. Dan sehe ich Sie wieder auf dem weißen Pferd wie damals auf dem Berge und ein andermal begegne ich Sie wieder, da halten Sie still und o! wäre dieser Augenblick eine gewünschte Wirklichkeit was wäre daß für ein freudiges Wiedersehen!

 

Daß war aber recht Streichmäßig daß Sie Ihr Porträt verschniten, ich würde das fehlende schon hinzugedacht haben, und wen ich am Ende nur noch die Nase dazu bekommen hätte, aber anstadt dieser fand sich ein anderes Papierchen; ich  ahne indeßen die Augen die recht ähnlich sind, und verwahre sie in meinem Gebethbuch, damit wen ich vor Gott stehe auch Ihrer im Gebethe nicht vergeße. Ich habe seither auch das meinige gezeichnet man findet es ähnlich doch frapant kan, glaube ich, keiner sein eigenes Portät machen. Der Erste der nun durch hier nach der heiligen Stadt wandert, dem hänge ich es an. Das Verschneiden überlaße ich Ihnen weil Sie so gut mit umgehen können.

 

Dem lezten Schreiben nach von Hr: v: Reinholds6 ist Hr: v: Röder7 noch in Rom, in dem Falle bäthe ich, daß man ihm mit dem Reibstein verschonen sollte; ich weiß bestimmt daß es ihm lästig wäre; er ist ein ängstlicher Reiser und hat nicht gern Sorge; und er ist uns Allen so lieb daß wir ihm damit nicht lästig fallen möchten. Seine Freundschaft gegen uns bestäth in höheren Dingen als nur in einer so kleinen Gefälligkeit und ich vorzüglich bin Röders große Schuldnerinn. Es wäre mir also sehr lieb der Stein käme mir durch die Spedition zu; er mag mich Fracht kosten was er will so reuts mich nicht, und ich wäre sehr froh ich bekäme ihn einmal; und da Röder sich noch in Oberitalien aufhalten wird, so wäre also diese Gelegenheit nicht die schnellste. Grüßen Sie ihn mir, ich bitte aufs freundschaftlichste, und sagen Sie ihm daß wir alle mit großer Sehnsucht dem Widersehn uns entgegen freuen.

 

Vorzüglich bitte ich Sie auch mich den theurn Reinholdischen zu empfehlen, und daß ich herzlich dankbar wäre für die beyden Briefe die ich recht bald beantworten werde.

 

Grüßen Sie mir auch meine bekannten Teutschen und wen Sie mir schreiben sagen Sie mir auch etwas von diesen. Sie schreiben Mir auch ein Wort ob Heinrich Hess8 aus München noch in Rom ist, und wie seine 9 Musen ausfielen etc etc Vergeben Sie mir meinen Vorwurff; und beßern Sie sich, daß auch ich Ihnen vergebe!

 

Leben Sie nun wohl mein lieber Freund; und verschmehen Sie nicht, wen ich Sie aufs neue meiner vollkommenen Verehrung versichere.

 

Ihre

 

                                                                                                                       treue Freundin Marie Ellenrieder

Constanz den 25ten Aprill.

 

 

1 Brief ohne Adresse und Jahresangabe an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 August Kestner weilte im Herbst 1825 zusammen mit der Familie von Bunsen in Frascati (vergl. Hermann Kestner-Köchlin (Hrsg.), Briefwechsel zwischen August Kestner und seiner Schwester Charlotte, Straßburg 1904, S. 145).

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 338.

4 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

5 Katharina von Predl (1790-1871), befreundete Malerin.

6 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

7 Carl Freiherr von Röder (1789-1871).

8 Heinrich Maria von Heß (1798-1863), war ab 1827 Professor an der Akademie in München.

 

 

20         [Stadt Köln, Historisches Archiv, B.1018]1                                            [Stuttgart, 18. September 1826]

 

Verehrte Herrn!

 

Schon lange trage ich ein großes Verlangen Ihre schöne Gemälde Sammlung2 zu sehen, nun wird mir dieses Glück zu Theil, aber nur auf einen einzigen Tag, dürfte ich Sie also ersuchen mir es ein Stündchen früher als es gewöhnlich erlaubt ist zu kommen? –

 

Mit großer Verehrung

 

Ihre

 

Stuttgart den 18ten Sep                                                                                                ergebenste Dienerin

                                   1826                                                                                                  Marie Ellenrieder

 

Für Morgen wäre meine Bitte.

 

 

1 An die Gebrüder Boisserée.

2 Die Sammlung mittelalterlicher Gemälde der Gebrüder Boisserée und Johann Baptist Bertram wurde von 1819 bis Juni 1827 in Stuttgart gezeigt.

 

 

21         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                       Carlsruhe den 30ten Nov. 1826

 

            Zanken Sie mich nicht lieber Freund! Den wenn Ihnen ernst war Nachrichten von mir zu erhalten, so bin ich wirklich ein bischen späth. Laßen Sie mich aber vorerst für Ihr liebes Briefchen danken, daß so freundlich mich ansprach und mir jenne goldene Zeit, so lieblich vergegenwärtigte, als wären Sie mir nahe und Ich bey Ihnen in dem lieben heiligen Rom!

 

Daß Sie nun von Hr v: Reindolds2 verlaßen sind bedaure ich, und wirklich weiß ich nicht wo sie sich aufhalten ich nahm mir daher vor, den Brief an die Frl Marie Ihnen beyzuschließen; Sie schicken ihn ihr gewiß recht bald, nicht wahr? Ich ließ ihn offen es ist nichts darin, was Sie nicht wißen sollten und enthällt die gleichen Nachrichten die ich Ihnen hätte geben können; nehmen Sie aber ja keinen Anstoß, an dieser meiner Schreibsparsamkeit! und lesen Sie ihn, und bedauern Sie mich ein wenig, aber nicht viel – den Sie wißen schon, das eigentliche Glück kömmt nicht von dieser Welt. Bin ich aber wieder am Bodensee dan schreibe ich Ihnen, wenn Gott will recht fröhliche Nachrichten sowohl von den lezten Residenzischen Tagen |:die gewiß noch ein gutes End nehmen:| als von dem fröhlichen Kreise der li Meinigen.

 

Was ich Ihnen früher vom Porträtmalen sprach waren nur die Bilder der Fr Großherzogin,3 und die 2 kleinen & jennes für eine Freundin. Erstere wurde gehindert mich kommen zu laßen und wahrscheinlich wird nichts daraus werden weil sie aufs neue wieder mit einer Tochter verreist, es wäre mir sehr lieb, den ich sehne mich herzlichst nach ruhigen heimathlichen Tagen, wo ich beßer der Kunst pflegen kan, um so mehr, da ich so viele angenehme Aufträge von historischen Gegenständen habe. Und zwar auch ein Altarbild mit einer Madonna und dem Kinde,4 ohne Jennes, daß ich gewiß noch in die katholische Kirche zu mahlen bekomme.5 Wenn ich es aber nicht bekomme, so ist es eine verdiente Strafe für meine Vermeßenheit ein so großes Bild malen zu wollen. – Mit dem großen Bild würde ich aber nicht eilen derfen, daher soll auch die hl Cecilia6 wills Gott mitunter angefangen werden. Zum Köpfchen habe ich ein schönes Fräulein gefunden die mir saß, Sie wißen ich mache alle Theile einzel zuerst, ehe ich zum Carton schreite.

 

Nicht ein Reisender, sondern eine Reisende, wird Ihnen die Porträtzeichnung7 gebracht haben; und – waren Sie so glücklich daß diese es Ihnen selbst übergab so haben Sie gewiß die Zeichnung gar nicht angeschaut! Es ist unsere liebenswürdige Frl Courtin bey der Herzogin de St. Leux.8

 

Von Baron Röder9 erhielt ich die Zeichnung noch nicht, es war nemlich bey seiner Ankunft seine Mutter tödlich krank, und darauf wurde auch er tödlich krank. Der Gute er versprach mir alles selbst zu bringen, und so muß ich jezt noch Gedult haben.

 

Daß aber der Hr Spediteur keine Fracht verlangte kan ich nicht begreifen. Ist es Jenner in der Strada Babuina? Wenn nicht die schöne Befriedigung die Sie bey Ihrer früheren Bestellung ihm leisteten schuld ist; – so sagen Sie ihm doch meinen schönsten Dank.

 

Sagen Sie allen meinen lieben Freunden und Bekannten 1000 schöne Grüße.

 

Und nun leben Sie wohl li Freund! Leben Sie glücklich und zweifeln Sie nie an meiner Verehrung & Freundschaft mit welchr Sie in meinem Andenken fortleben, bis sie alle ausgelebt sind, die Tage meines Lebens.

 

                                                                                                                      Marie Ellenrieder

 

Könnten Sie mir nicht einmal eine kl Zeichnung von jenner Orgel machen, von der Sie sprachen?

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

3 Sophie von Baden (1801-1865), ab 1830 Großherzogin. Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 105.

4 Gemeint ist wohl das Altarbild für Kappel am Rhein, das nicht beauftragt wurde.

5 Gemeint ist wohl das Altarbild für die katholische Stadtpfarrkirche St. Stephan in Karlsruhe.

6 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

7 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

8 Hortense de Beauharnais, Königin von Holland, Herzogin von St. Leu (1783-1837) erwarb 1817 das Schloss Arenenberg am Schweizer Ufer des Bodensees, wo sie sich bis zu ihrem Tod häufig aufhielt. Sie war mit Marie Ellenrieder durch den Freiherrn von Wessenberg bekannt geworden und galt als Mittelpunkt der Konstanzer Hautevolee (vergl. Dominik Gügel, Joseph Freiherr von Lassberg und sein Konstanzer Umfeld, in: Joseph von Lassberg – des letzten Ritters Bibliothek. Ausstellung im Bodman-Haus, Gottlieben, 2001, S. 139 ff.)..

9 Carl Freiherr von Röder (1789-1871).

 

 

22          [Pfarrarchiv Kappel a. Rh.]1                                                                   Carlsruhe den 8ten Dec. [1826]2

 

Sie verlangten Hochwürdigster Herr Comissarius! so schnelle und bestimte Nachrichten, daß es mir unmöglich ist, Sie nach Wunsch zu befriedigen.

 

1. Bin ich mit meiner Composition noch nicht einig,3 daher kan ich die Höhe und Breite noch nicht genau angeben; ich denke aber so 8 Schuh hoch, & 5 Schuh breit, dan wäre es von der Größe wie jenne Seitenbilder in Ichenheim.4 (Nierenberger Maaß.)5

 

2 Die Vollendung könnte ich auf künftigen Oktobr nicht schwerlich zu Stande bringen. Denn ich hänge von mir selbst nicht immer ab, wie gerade jezt in Carlsruh, wo sie mich beauftragten die Kinder des Hr Marggraf Leopold zu mahlen,6 ich dränge zwar nach Hause, aber es wird eine Hinderniß um die andere es unmöglich machen.

 

3. Der Preis dächte ich, könnte auf 800 f kommen, oder 1000.

 

Nun muß ich Sie mit etwas anderem plagen; ich frug nemlich in meinem lezten Brief an meinen Vater ob die Gelter für das Bild nach Ortenberg7 eingegangen wären, allein er glaubte es wäre an mich gekommen, und es fand sich die Suscripzion vor, wovon ich Ihnen hier eine Abschrift beylege; Es thut mir sehr leid Ihnen Hochwürdigster Herr Comissarius damit lästig fallen zu müßen. Aber ich habe keinen andern Weeg, den ein solches Geschäft könnte doch würklich meine Sache nicht sein, um so mehr, da man mich wegen dem Auftrag zum hl Steffanus8 von Haus zu Haus schickte und man michs empfinden läßt daß man nicht geneigt ist meine Wünsche zu erfillen. Übernehmen Sie es also aus christlicher Liebe und ist es beysammen, so kann es an meinen Vater geschickt werden, den für den hiesigen Aufenthalt reicht noch meine kleine Baarschaft hin.

 

Mit tiefer Verehrung Euer Hochwürden,

 

 ergebenste Dienerin

                                        Marie Ellenrieder.

Ich dachte soeben das Original der Schrift werde

beßer sein, als die Kopie.9

 

 

1 An Dr. Vitus Burg (1768-1833), Großherzoglich geistlicher Ministerialrat und Pfarrer in Kappel am Rhein (Herrn Hermann Bürkle, Ortenberg, danke ich für den Hinweis auf den Schriftverkehr im Katholischen Pfarramt von Kappel a. Rh.; zu Dr. Vitus Burg vergl. Edwin Fecker, Die Altargemälde von Marie Ellenrieder in der Pfarrkirche von Ortenberg, in: Die Ortenau, Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden, Bd. 93, 2013 S. 396 ff.).

2 Die Jahreszahl 1826 ergibt sich aus dem vorhandenen Schriftverkehr im Katholischen Pfarramt von Kappel a. Rh.

3 Gemäß dem im Schriftverkehr vorhandenen Vertragsentwurf sollte es sich um ein »Altarblatt auf einen Nebenaltar, die heilige Maria mit dem kleinen Jesuskind vorstellend« handeln (freundliche Mitteilung von Herrn Dieter Weis, Ettenheim).

4 Fischer und Blanckenhagen WV 362 in Ichenheim misst 243 x 153 cm.

5 Nach Nürnberger Maß misst 1 Schuh = 30,4 cm.

6 Prinzessin Alexandrine geb. 1820, Prinz Ludwig geb. 1824 und Prinz Friedrich geb. 1826. Die Portraits sind weder bei Fischer und Blanckenhagen noch im Verzeichnis der Zähringer Bildnissammlung von Gerda Franziska Kircher, Karlsruhe 1958, aufgeführt.

7 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

8 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

9 Die Nachschrift bezieht sich auf die im Brief erwähnte Beilage.

  

 

23         [RM Konstanz, 2]1                                                                                    [Karlsruhe, 21. Februar 1827]

 

Bange Sorge lieber Freund! hatte ich um Sie; den von allen Seiten hörte ich daß Sie so sehr krank wären. – Wie sehr mußte mich also Ihr lieber Brief vom 16ten Januar freuen! Gott sey Dank daß Sie uns wieder gegeben sind! und so heiter drückten Sie sich in ihren Zeilen aus, als wäre Ihnen kein Leiden begegnet, und ich glaube es auch noch nicht recht, bis Sie es mir mündlich erzellen werden. Ich dachte in jennen Tagen daß dieß bald geschehen werde und ein kleines Briefchen war schon geschrieben worin ich Ihnen meine Ankunft in Offenburg genau bestimmte, aber sieh da! es kamen Briefe von Hause die mich warnten bey der ungewöhnlich strengen Kälte nicht zu reisen, und zur gleichen Zeit wurde ich beauftragt den Hr Großherzog in Pastel2 zu zeichnen, was ich sonst hier noch arbeitete erzelle ich Ihnen dan mündlich; und bis dorthin werde ich dan auch mit einem großen Auftrag erfreut werden, um den ich die ganze Zeit über umsonst bath. – Da ich den kl Hl Johannes3 auf die Ausstellung4 noch zu vollenden habe, so kan ich vieleicht erst in 3 Wochen abreisen, vieleicht noch später; auf alle Fälle kan ich mich aber in Offenburg nicht lange aufhalten, den ich müßte zu viele Besuche da machen, da ich durch das Bild in Ortenberg5 in mehrere Verbindlichkeiten kam, still und ungestört will ich nur Sie sehen, und dan, den Herrn Pfarrer von Ortenberg. Ein gewaltiger Drang logt mich in meine heimathliche Einsamkeit, den bald werdens 8 Monate daß ich von da weg, kein wahres Kunstleben mehr hatte. –

 

Denken Sie doch, von Baden aus hätten wir Sie bald einmal überrascht, meine Freundin |:die Frau von Vincenti:|6 hatte Lust das Bild in Ortenberg zu sehen, der Tag war schon gewählt, aber durch Hinterniße wurde dieser Spaß uns vereitelt: – Ich bin nun sehr begierig nach welchem Bade Sie im Frühjahr reisen werden, – wen der Arzt Ihnen jennes in Überlingen anriethe? da wären Sie uns nahe!

 

Ich bedarf Gott sey Dank kein Bad, den außer einer kl Halsentzindung war ich immer wohl.

 

Ich wollte diesen Brief einem jungen Mahler7 mitgeben der von hier nach Hause im Schwarzwald reist er ist ein Schühler von Cornelius,8 hat viel Talent und auch schon viel Geschicklichkeit erworben, durch ein Mißverständniß hat er Schicksale hier gehabt, man nahm sich aber seiner an, alles eilte ihm zu Hilfe; meine Freundin both ihm ihren Tisch für Mittag & Abens an; Durch sein artiges Benehmen und wahren Verdienste ist er uns recht lieb geworden; daher bäthe ich für ihn wenn er am Freytag mit dem Postwagen abgeth und bis Montag in Offenburg warten muß, daß er die Aufnahme bey Ihnen wie bey meiner Freundin genöße, damit er weniger im Wirthshaus brauchte. Er ist erst 20 Jahr alt und hat vor 6 Jahren seinem Vater noch die Kühe gehüthet.

 

Nun sage ich Ihnen mein Lebe wohl auf ein baldiges schönes freudiges Wiedersehen!

 

Empfehlen Sie mich hochachtungsvoll Ihrer verehrten Frau Mutter und empfangen Sie noch 1000 herzliche Grüße.

 

Mit inigster Verehrung Ihre

 

Carlsruh den 21ten Februar                                                                                                 Freundin   

                                  Marie Ellenrieder

 

Da es schon Mittwoch ist will ich diesen Brief gerade noch bis Freytag behalten.

 

 

1 Brief an Carl Freiherr von Röder (ohne Adresse und ohne Jahr). Nach seiner Rückkehr aus Italien im Spätjahr 1826 erkrankte Röder schwer (s. Brief der Künstlerin vom 30. November 1826 an August Kestner), demnach und aufgrund der übrigen im Brief erwähnten Tatsachen ist der Brief eindeutig auf den 21. Februar 1827 zu datieren.

2 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830), Fischer u. Blanckenhagen WV 42.

3 Hl. Johannes der Täufer als Knabe, das Kreuz bindend (datiert 1827), nicht bei Fischer und Blanckenhagen. Abgebildet im Ausstellungskatalog Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz 1992, Kat.-Nr. 38.

4 Kunstausstellung in Karlsruhe im Mai 1827 (s. Kunstblatt, 8. Jg., S. 179, 1827).

5 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

6 Anna von Vincenti, geb. von Hüetlin (1793-1866), Freundin der Künstlerin, war seit 1818 verheiratet mit Carl August von Vincenti (1792-1824).

7 Johann Baptist Kirner (1806-1866), Maler aus Furtwangen. Siehe Brief vom 23. April 1827.

8 Peter von Cornelius (1783-1867), seit 1825 Professor an der Akademie in München.

 

 

 

Marie Ellenrieder Ortenberg

 

24         [RM Konstanz 3]1                                                                                         Karlsruhe, 23. April [1827]

 

Lieber Freund!

 

So lange dachte ich damals nicht, daß Ihr liebenwürdiger heiterer Brief vom 4te Märtz unbeantwortet bleiben könnte; – Mündlich es zu thun war meine Absicht, aber Abhaltungen aller Art verzögerten meine Abreise bis jezt, nun kömts mir aber zu nahe an die Kunstausstellung2 als daß ich nicht noch bleiben sollte: daher wende ich mich noch einmal schriftlich an Sie. –

 

Das Sie Kirner3 so freundlich aufnahmen danke ich Ihnen herzlichst; und daß er Ihnen Einiges von mir erzellen durfte, war gut, damit Sie aus dem angegebenen Fehler gerißen waren deßen Sie mich beschuldigten! Überhaupt gehen Sie so entsetzlich mit mir um, daß ich aus Furcht Offenburg wohl werde umgehen müßen! Da Sie gewiß noch wenig arbeiten, so könnte es Ihnen einfallen ein bischen hieher auf die Ausstellung zu kommen? Und ich hoffe Sie haben auch etwas eingeschickt? Hier kämen Sie mir weniger furchtbar vor! Und Sie werden doch nicht so stolz geworden sein daß Sie unseren teuschen Arbeiten nicht auch einen Blick schenken möchten: Wen Sie nicht kommen so besteche ich Ihr Arzt, daß er Sie nach Petersburg ins Bad schickt.

 

Sie nehmen gewiß auch Theil, wenn ich Ihnen sage, daß mein 5 Jähriger Wunsch |:ein Altarbild in die hiesige Kirche mahlen zu dürfen:|4 erfillet ist. Großmüthig und liebreich hat der Herr Großherzog5 selbst den Auftrag ertheilt.

 

Ich stehe also vor einem großen Beginnen, und zittern. Sobald ich nach Hause komme gedenke ich mit den Studien anzufangen.

 

Von Hause habe ich Gott sey Dank immer gute Nachrichten und nun habe ich Ihnen alles gesagt was ich weiß.

 

Jezt leben Sie wohl! Leben Sie klücklich und kommen Sie bald zur Versehnung hieher und laßen Sie sich nicht so leicht zurückhalten das Gute zu thun.

 

Empfangen Sie indeßen 1000 herzliche Grüße, und empfehlen Sie mich schönstens Ihrer verehrten Frau Mutter. Und indem ich ein bischen meiner Rache zu verstummen gebiethe – versichere ich sie der treusten Verehrung

 

Carlsruh den 23ten Aprill                                                                                Marie Ellenrieder

 

wen die Ausstellung am ersten anfangt, reise ich am 5 ten hier ab.

 

 

1 Brief ohne Jahreszahl mit folgender Adresse:

                       »Seiner Hochwohlgebohren

Dem Freyherrn Carl von Röder

in

Offenburg«

(Das Jahr ist durch den Postaufgabestempel »Carlsruhe 23. April 1827« eindeutig bestimmbar).

2 Kunstausstellung im Badischen Kunstverein Karlsruhe (Kunstblatt, 8. Jg., S. 179, Die Kunstausstellung in Karlsruhe im Mai 1827. Marie Ellenrieder zeigt: Hl. Anatolia und Hl. Victoria sowie Hl. Johannes ein Kreuz zusammenbindend. Ferner das Porträt des Großherzogs von Baden und drei Kinderbildnisse in Pastell).

3 Johann Baptist Kirner (1806-1866), Maler aus Furtwangen.

4 Fischer und Blanckenhagen WV 367 (Kunstblatt, 8. Jg., S. 116, Kunstnachrichten, Carlsruhe, 18. März 1827. »Fräulein Ellenrieder hat den Auftrag erhalten, für den Hauptaltar der katholischen Kirche einen hl. Stephanus zu malen.«).

5 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830).

 

 

25         [Pfarrarchiv Kappel a. Rh.]1                                                                     [Karlsruhe, Ende April 1827]2

 

Hochverehrtester Herr Comissarius!

 

Daß Sie in Carlsruh nicht zu mir kammen, hat mich im Herzen geschmerzt; es war freylich sehr schlechtes Wetter aber ich wollte dennoch zu Ihnen gehn, allein meine Freundin hielt mich gewaltsam zurück, weil ich damals schon mehrere Tage unwohl war; und so schwanden Sie aus der Residenzstadt ohne mich arme nach Ihnen Sehnende besucht zu haben! Und ich hätte so viel mit Ihnen zu reden gehabt. – Sie sprachen mir von Einem Künstler den ich Ihnen aus Gewißenhaftigkeit ausgeredet hätte; Wir leben jezt in einer beßern Zeit für die Kunst, die Gemeinen Leute wie die gebildeden fangen an das Beßere vom Schlechten zu unterscheiden; und so, wenn Sie ein wohlthätiger Beschützer sein wollen, riethe ich Ihnen anders. Für die Madonna3 schlüge ich die Frl Seidler4 aus Weimar vor, die dem Herzog von Gotha eine sehr schöne Madonna5 malte; diese unterichtete mich in der Art zu mahlen wie meine Madona mit dem Kinde6 |:das doch überall noch gefiel:| gemalt ist. In diesem Falle würde ich sie fragen ob sie es für 800 f unternehmen würde; den Hl Hilarius würde ich Ihnen dan nach dem großen Bilde7 mahlen, wenn ich dürfte; aber ich will Sie auf einen jungen Künstler aufmerksam machen, der ist ein Schüler von Cornelius in München8 veräth ein ausgezeichnetes Talent. Der Herr Großherzog nahm ihn in Schutz, und die Herrn Marggrafen wurden so sehr für ihn eingenommen, das jeder aus ihnen eine reiche Gabe schenkte, und mir versicherte Herr Marggraf Leopold9 selbst, daß er sich herzlich freue hier ein neues Vaterländisches Talent empor kommen zu sehen. Er ist ein Schwarzwälder heist Kirner,10 und ist von vortrefflichen Sitten wovohn alle seine Preise und Zeugniße zeugen. Dieser könnte zwar jezt schon mit einem solchen Auftrag benachrichtigt werden, den da er einer der besten liebsten Schüler von Cornelius ist, würde dieser sich gewiß thätig um ihn annehmen, daß es schon jezt ein sehr gutes Bild geben könnte, und da er von keiner Seite her noch Hoffnungen dieser Art haben kan, so würde er es gewiß wohlfeiler unternehmen, so wie ich auch die Bilder nach Ichenheim um eine kleinere Summe lieferte;11 als es jezt geschehen würde. Aus Liebe für meinen Beruf, und aus Pflicht das Gute zu befördern, fühle ich mich aufgefordert, Ihnen dieß auf Ihr Gewißen zu legen; Und ich darf dieß auch dreist thun, den nur in der Überzeugung daß von meiner Seite alles geschehen wird, und vorausgesezt, daß ich große akademische Hilfe zu jennen Bildern genießen werde, haben Sie sich so großmüthig und werkthätig um mich angenommen, welches ich lebhaft anerkenne.12

 

Aber Urtheilen Sie gnädiger, wenn Sie gern von mir sagen möchten daß es Undank wäre daß ich das Bild nach Kappel13 nicht malte, so viel Unkösten in Italien geha[…………]14 muß ich auch in finanzieller Hinsicht auf mich denken, drum konnte ich jennen Akord von 800 f nicht unterschreiben, hätten Sie meine ehrlichen Bedingniße hinzugefügt, würde ich es unterschrieben haben, und mein Wort nicht wieder gebrochen.

 

Als aber nun der Auftrag zu dem Großen Bilde mir zu Theil wurde, war ich frey – und gewiß nicht ungerecht, den von diesem Bilde des hl Steffanus15 sprach man mir schon ehe ich nach Italien reiste. Von Rom sendete ich schon die Composition16 ein, die man auch jezt noch beybehielt. Und Sie selbst sagten am Tische in Ortenberg, ja wen Sie dieses bekommen so müssten wir freylich warten.

 

Halten Sie mich übrigens nicht für beßer als ich bin, nur bleiben Sie mir gut, und nehmen Sie mich ferners in Ihren Schutz und laßen Sie mich in Ihr frommes Andenken empfohlen sein. Ich bin ja ihre Vaterländische Malerin, die nur Ein Streben kennt |:aber in der Erwartung zitternd:| befriedigen zu mögen.

 

Mit tiefster Verehrung

Ihre   

Dankbare Dienerin Marie Ellenrieder

 

Von den Geltern für das Bild in Ortenber[g], habe ich noch eine große Summe rückständig. – Wenn sie also noch nicht in den Händen des Herrn Pfarrers Fey17 ist, dem ich jezt geschrieben; so bäthe ich herzlichst es zu befördern. Und nun habe ich noch eine Frage zu beantworten, wie bald das Bild nach Carlsruh fertig sein müße; sie sezten mir einen Termin von 3 drei Jahren. und früher werde ich damit nicht fertig werden den es soll groß werden.

 

1 Brief ohne Jahreszahl adressiert an: »Seiner Hochwürden Dem Herrn Geistl. Rath und Comissär Dr: Burg in Kappel (per Kippenheim) am Rhein«.

2 Die Jahreszahl 1827 ergibt sich aus dem vorhandenen Schriftverkehr im Katholischen Pfarramt von Kappel a. Rh., der von Herrn Dieter Weis, Ettenheim, ausgewertet und mir freundlicherweise von Herrn Hermann Bürkle, Ortenberg, zur Kenntnis gebracht wurde. Da der Brief den Postaufgabestempel »R.2.CONSTANZ 1. MAI« trägt, ist zu vermuten, dass die Künstlerin, die sich damals in Karlsruhe aufhielt, den Brief ihrem Vater zur Kenntnis nach Konstanz sandte und dieser ihn bei der Post in Konstanz aufgegeben hat.

3 Betrifft den gescheiterten Auftrag für das Madonnengemälde in Kappel a. Rh. (vergl. Brief vom 8. Dezember 1826 an Dr. Vitus Burg).

4 Louise Seidler (1786-1866), befreundete Malerin in Weimar.

5 Auf Bestellung des Prinzen Friedrich von Sachsen-Gotha (1774-1825), seit 1823 Herzog von Sachsen-Gotha malte die Künstlerin »Maria mit dem schlafenden Kinde, dem kleinen Johannes und drei Engeln in ganzer Figur« (vergl. Bärbel Kovalevski, Louise Seidler 1786-1866, Goethes geschätzte Malerin, Berlin 2006, Werkliste G 66).

6 Bärbel Kovalevski wie Anm. 5, S. 176 ff.

7 Bei dem Großen Bilde handelt es sich um den »Tod des hl. Stephanus« in der katholischen Stadtpfarrkirche in Karlsruhe (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

8 Peter von Cornelius (1783-1867), Direktor der Münchner Akademie der Künste.

9 Leopold Markgraf von Baden (1790-1852), ab 1830 Großherzog von Baden.

10 Johann B. Kirner (1806-1866), seit 1824 Student an der Akademie der bildenden Künste. In München (vergl. Carina Mahlbacher, Johann Baptist Kirner 1806- 1866, Badischer Hofmaler, Diss. Stuttgart, 1983).

11 Laut einer Kostenzusammenstellung für die neu erbaute Kirche in Ichenheim, die mir Herr Hermann Bürkle, Ortenberg, freundlicherweise zukommen ließ, betrugen die Kosten für die 3 in die Kirche gelieferten Gemälde der Künstlerin Demoiselle Marie Ellenrieder 1650 Gulden.

12 Die Kartons zu den Altargemälden von Ichenheim hat die Künstlerin während eines längeren Aufenthaltes in München im Jahre 1820 unter Anleitung ihres früheren Lehrers Prof. Robert Langer an der Akademie der bildenden Künste ausgearbeitet.

13 Wie Anm. 3.

14 Textverlust infolge des Siegels.

15 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

16 Bei Fischer und Blanckenhagen WV 367 wird diese Komposition nicht erwähnt.

17 Anselm Fey (1776-1839), seit 1822 Pfarrer in Ortenberg.

 

 

26         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                              [Karlsruhe, 1. Mai 1827]

 

Vertrag

mit der Fräulein Ellenrieder von Konstanz

über

die Fertigung eines Altarblattes an den Hochaltar in der katholischen Kirche dahier

betreffend

 

1.) Die Fräulein Ellenrieder von Konstanz macht sich verbindlich an den Hochaltar der katholischen Kirche dahier nach beygehender Skizze ein Altarblatt um die Summe von 4000 fl. mit Worten – Viertausend Gulden – binnen drey Jahren zu fertigen.

 

2.) Derselben wird für Fertigung dieses Altarblattes nach der vorgelegten Skizze die Summe von – Viertausend Gulden mit allerhöchster Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs unter der Bedingung zugesichert, daß die Arbeit binnen den nächsten drey Jahren gefertigt werden müße; wenn nicht Hinderniße, deren Hebung nicht in der Gewalt der Künstlerin liegt, eine Verlängerung der Arbeitszeit fordern sollte, was die Fräulein Ellenrieder dann nachzuweisen sich verpflichtet.

 

Dieser Vertrag wurde doppelt ausgefertigt und jedem Theile ein Exemplar zugestellt. Karlsruhe den 1ten Mai 1827.

 

                        Genehmigt.                                                    mit Dank und Freude

Karlsruhe den 12ten Mai 1827.                                                         Marie Ellenrieder

Ministerium des Innern, Katholische Kirchen Section.

                                  

Engeßer

 

1 Der Vertrag über die Anfertigung des Altarbildes Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367) ist von fremder Hand geschrieben und nur die Unterzeichnung »mit Dank und Freude Marie Ellenrieder« ist eigenhändig. Für das Ministerium des Innern, Katholische Kirchensektion in Karlsruhe unterzeichnete deren Direktor Johann Evangelist Engesser (1778-1867).


 
 

27         [Stadt Köln, Historisches Archiv, B.1018]1                                                         [Stuttgart, 9. Mai 1827]

 

Hochverehrteste Herrn!

 

Diesen Morgen kam ich hier an, und verbleibe den ganzen Tag. Nun könnte mir keine größere Wohlthat geschehn, als wen ich wieder kommen dürfte mich bey Ihren heiligen Bildern zu stärken.2 Darf ich Sie wirklich um jenne freundschaftliche Güte wieder bitten, womit Sie mich im lezten Sommer beglückten? –

 

Mit tiefer Verehrung und dankbaren

Grüßen

 

Ihre

 

den 9ten May 1827.                                                                            Dienerin Marie

                                                                                                                     Ellenrieder

 

 

1 An die Gebrüder Boisserée.

2 Die Sammlung mittelalterlicher Gemälde der Gebrüder Boisserée und Johann Baptist Bertram wurde von 1819 bis Juni 1827 in Stuttgart gezeigt.


 

28         [RM Konstanz 4]1                                                                                               Stuttgart, 9. Mai [1827]

 

Denken Sie doch lieber Freund! am lezten Samstag konnte ich wieder nicht reisen, ich war ganz unwohl; dazu bekam ich die Nachricht von Hause daß unser liebes Franzeli2 auf den Tod krank wäre; und hätte große Sehnsucht nach mir und gaben mir die Hoffnung daß ich ihn gewiß noch antreffe wenn ich meine Reise beschleingte, was konnte ich nun wohl anders machen als mit dem Eilwagen über Stuttgart zu reisen, dan komme ich 4 Tag früher nach Hause als wen ich den Samstag abgewartet hätte und über Offenburg gegangen wäre. Daß es mich eine große Überwindung gekostet hat darf ich ihnen nicht erst sagen, den meine Freude auf Sie wieder zu sehen war groß.

 

Warum sind Sie auch nicht nach Carlsruhe gekommen? und in welches Bad werden Sie reisen, damit ich Pläne machen kann; Sie auf eine andere Art zu begegnen.

 

Leben Sie wohl! mein hochverehrter Freund! und empfangen Sie meine 1000 Grüße, mit aber |:Sie dießmal nicht gesehen zu haben:| betrübtem Herzen

 

Stuttgart den 9ten May                                                                                  Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahreszahl mit folgender Adresse:

»Seiner Hochedelgebohren

Dem Freyherrn Carl von Röder

in

Offenburg«

(Die Jahreszahl ist aber durch den Postaufgabestempel »Stuttgart 9. Mai 1827« eindeutig bestimmbar).

2 Franz Hutter (1814-1829), Neffe der Künstlerin.

 

 

 

29         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                     Constanz den 18ten May 1827

 

            Fast möchte ich zittern lieber Freund! weil ich Ihnen sagen muß daß es ähnlich so gegangen ist wie Sie es prophizeyhten. Meine Freunde riethen mir Karlsruh so bald nicht zu verlaßen, wen der gewünschte Zweck in Erfillung gehen sollte. Es wurde mir dan das Porträt des Herrn Großherzogs2 aufgetragen mit noch 3 andern die ich für ihn malen mußte, so nahe an der Quelle war es also ein leichtes mein 5 Jähriger Wunsch bittend vorzutragen; und sieh’ da, großmüthig wurde mir der Auftrag erteilt in die katholische Kirche daselbst ein Altarbild zu malen. Den Tod des hl Stephanus3 vorstellend wovon Sie vieleicht schon eine flüchtige Skitze bey mir sahen; er stirbt in den Händen seiner Freunde, sieth den Himmel offen und Jesus zur Rechten des Vaters mit Engeln |:im Jünglingsalter:| umgeben. – Nun machte ich mich reisefertig fröhlich ausgesehnt mit allem was mich früher unangenehm betraf, und so bin ich wieder in meiner lieben Heimath seit wenigen Tagen.

 

Empfangen Sie nun meine herzlichsten Grüße und innigsten Dank für Ihre lieben beyden Briefe von welchen ich einen durch Röder4 erhielt. Wie gerne möchte ich Ihnen so sinnreich und lieblich, die Niedlichkeit Ihrer Artigkeit erwiedern wovon Ihre Zeilen überfließen. Aber was nützte es mich, Sie würden doch nicht mit mir zufrieden sein! – – Oder freuen Sie sich über meine Freude??? oder empfinden Sie, was ich bisweilen empfinde mein Bedauern über das allzugroße Unternehmen im Vergleich der schwachen Kräfte??? –

 

Die Einladung zu Ihnen nach Rom zu kommen klang recht wohlautend, daß wäre aber zu viel Glück. Nie würde dieses freywillig wieder geschehn; nur hingeschickt dürfte ich gehorchen. – Sie haben sich doch recht viele Mühe um ihr eignes Porträt gegeben; ich war ja schon zufrieden mit den freundlichen Augen die ich von jennen Bruchstücken besonders verehre. Und nun zeichneten Sie mir noch das Proviel der schönen Victoria,5 dieses sah ich aber noch nicht, den Röder behielt es, mich zu zwingen es selbst bey ihm abzuhohlen. Ich wäre auch ohnehin über Offenburg nach Hause gereist aber die Krankheit eines geliebten Neffen, der Todkrank Sehnsucht nach mir hatte, zwang mich einen nähern Weg zu nehmen: mit diesem geth es aber wieder recht gut.

 

Und nun lieber Freund, sollte ich Ihnen auch ein Wörtchen sagen über den schönen Dank, nicht daß ich ihn mein nenne, sondern daß ich ihn bewundere wie schön er aus ihrer himmlischen Seele floß. –

 

Jezt wollen Sie noch Rechenschaft haben was ich alles im Unterlande malte. Also die obere 4 Porträte. 3 Porträtte im Pallai des Hr Marggraf Leopold, seine Frau6 & 2 Kinder. Ein Engelschöner Junge meiner Freundin der Fr v: Vincenti7 und mein kl Johannes der das Kreutzchen bindet8 wovon Sie den Carton sahen. einge Kleinigkeiten, und ein paar vorläufige Studien zu dem großen Bilde, und eine Composition zu einem kl Hausaltar. und viele Dingelchen ins Zwickbuch. Dieses und nicht mehr machte ich in dem großen Raum von 10 Monaten. Man war aber, mit mir zufrieden Gott sey Dank. Auch der Lohn war schön & liebreich.

 

So gut man es mir aber auch im Unterlande machte, so gieng ich doch gerne wieder nach Hause zu meinem lieben Vater Schwestern, Kindern, und in die schöne Gegend und alle meine angewohnten heimathlichen Bequemlichkeiten. Später werde ich es gar schön da haben, indem mein Vater im Begriffe ist mir ein Studium bauen zu laßen von 20 Schuh hoch und so in alle 4 Eckke. Sollte ich nicht zittern wen ich so von Unternehmungen spreche die ich nicht verdiene, um nicht gestraft zu werden!

 

Wie werden Sie indeßen in allem vorwärts gegangen sein! und wie vielen Freunden freundlich begegnet, und den Freunden erhabener Freund gewesen! –

 

Leben Sie wohl! Leben Sie glücklich, und erfreuen Sie mich bald mit guten Nachrichten von Ihnen. Besuchen Sie einmal Ihr Vaterland wieder, und sind Sie kein so stolzer Römer.

 

Empfangen Sie meine herzlichsten Grüße und sagen Sie auch mein lieben Bekannten viel Schönes. Der verehrungswürdigen Frau Flora Veit9 bin ich eine Antwort auf ein liebes Briefchen schuldig aber es gebricht mir immer so sehr an Zeit. – Nicht wahr dieser sagen Sie, daß ich sie herzlich in Gedanken verehre. Und dem ganzen süßen Rom sag ich meinen Dankbaren Gruß.

 

 

Mit immer gleicher Zuneigung voll inigster Verehrung

                                                                      

                  Ihre Freundin Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig August Kestner Geschäftsträger S. M. des Königs von Hannover in Rom bestimmen.

2 Ludwig Großherzog von Baden (1763-1830), vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 41.

3 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

4 Carl Freiherr von Röder (1789-1871).

5 Vittoria Caldoni (1805-ca.1872), Modell aus Albano, 1820 von August Kestner entdeckt und von vielen Künstlern in Rom mehrfach gemalt, gezeichnet und modelliert (vergleiche Amrei I. Gold, Der Modellkult um Sarah Siddons, Emma Hamilton, Vittoria Caldoni und Jane Morris, Ikonographische Analyse und Werkkatalog, Diss. Münster und New York, 2009).

6 Sophie Wilhelmine Markgräfin von Baden (1801-1865), ab 1830 Großherzogin  (Fischer und Blanckenhagen WV 105).

7 Otto von Vincenti (geb. 5. Mai 1822), Fischer und Blanckenhagen WV 198.

8 Ausstellungskatalog Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz 1992, Kat.-Nr. 38.

9 Flora Veit, geb. Riess (1797-1862), Gemahlin von Johann Veit.

 

 

30         [Boisserée,1862]1                                                                                               Constanz, 18. Mai 1827.

 

Hochverehrteste Herren! Welche Überraschung! Als ich zu Hause das Bild des heiligen Christoph2 aufrollte, und den Besitz eines noch größeren Geschenkes vor mir sah! – Wenn also wirklich dieser schöne Christuskopf3 mein ist, so empfangen Sie tausendmal den wärmsten Dank dafür. Wie kann ich Ihnen eine solche Großmuth vergelten; ich kann Ihnen nur den Wunsch anbieten, daß, wenn dieß heilige Bild mich zum Guten hinweist und stärkt, der Segen davon auf Sie zurückgehen möchte; so wie sich auch ohnehin mein Gemüth erhob, um himmlische Vergeltung für so viel liebevolle Güte, womit Sie mich bei Ihren kostbaren Kleinoden aufnahmen.

 

Leben Sie wohl bis auf ein schönes Wiedersehen, und verschmähen Sie nicht die Versicherung meiner tiefsten Verehrung.

 

Ihre dankbarst ergebenste Dienerin

                                                                                                         

                                                                                          Marie Ellenrieder.

 

Wann werde ich Sie wohl mit meinem grünen Bündelchen wieder begegnen?

 

 

1 An die Gebrüder Boisserée. Das Original dieses Briefes ist nicht erhalten. Hier wird der in der Biographie von Sulpiz Boisserée, 1862, Bd.1, S. 499 abgedruckte Brief wiedergegeben.

2 Vergleiche Die Sammlung der Alt-Niederländer- und Ober-Deutscher Gemälde der Brüder Sulpiz und Melchior Boisserée und Johann Bertram, lithographiert von J. N. Strixner. Mit Nachrichten über die Altdeutschen Maler von den Besitzern, Stuttgart, 1821, Dritte Lieferung, Nr. 2.

3 Wie Anmerkung 2. Fünfzehnte Lieferung, Nr. 1.

  

 

31         [RM Konstanz, 5]1                                                                      Constanz, Am Himmelfahrtstage [1827]

 

Kein Augenblick sey es aufgeschoben, Ihnen innigst verehrter Freund unsere allseitige Freude über den Anblick Ihrer theuren Zeilen anzukündigen; eben kam ich aus der Kirche vom heiligen Abendmahle, empfänglicher jeder hohen Freude als sonst kam mir die höchste die mir unter der Sonne von einem Freunde hätte zukommen können; so lieblich entgegen! Wie kann ich Ihnen würdig genug dafür danken, da ich des Ganzen unwürdig bin. – Wie kann ich ihre lieblichen sanften Worte erwiedern, da mir die Holdseligkeit fehlt. – Wie soll ich Ihnen für die Geschenke danken, da ich Ihre veraltete Schuldnerin bin. –

 

Lange harrten wir auf Nachrichten von Ihnen; und wenn es keiner Entschuldigung gleicht, so laßen Sie sich erzellen daß ich in diesen Tagen immer an Sie schreiben wollte da ich aber im Sinne hatte Ihnen ein kleiner Bothe des Himmels ins Briefchen zu malen, so war es für die unruhige Zeit die wir hatten zu umständlich. Und nun kamen Sie mir zuvor. Beßere stärkere Gesundheit hätten wir aber lieber von Ihnen vernommen; doch forwärts geths der früheren Kraft entgegen; Gott sey Dank. – Wo werden Sie nun den Saurbrunn trinken? Würde unsere freundliche Seegegend nicht am wohlthätigsten für Sie sein?

 

Mein Vater, meine Schwester trägt mir auf Sie zu bitten zu uns zu kommen, bey uns zu wohnen, und ich fordere Sie auf im Nahmen Jesu, (wen Sie nur im geringsten glauben daß es so für Sie gut wäre) uns diese Freude, Ihre Herzerhebende Nähe nicht zu versagen. Tausent mal unterstreiche ich diese Worte im Geiste, um sie näher an Ihr Herz zu rücken daß Sie sie erfillen möchten.

 

Gerne will ich Ihnen dan verzeyen, daß ich Sie spröde soll umgangen haben.

 

Daß mir die schöne Albaneserin2 zukam ist eigentlich recht gut, den in Zeit von 2 Monaten kömt Hr Kestner3 hieher, er bekam Urlaub seine Mutter zu besuchen und versprach hier durch zu reisen.

 

Und nun welche, großmüthige Versöhnlichkeit! – was Sie mir ernstlich zu senden verweigerten, sieh’ da! das erscheint in so lieblicher Farbe; in der Farbe der Unschuld. Sie haben mir wirklich eine rechte Freude mit diesem schönen Rosenkranz gemacht. Die Perlen sind wie Tropfen aus dem Lande wo nur Milch und Honig fließt. – Sogleich beschloß ich den ersten Rosenkranz daran für Sie zu bethen, und die Peppi4 stimmte gleich mit ein, mit dem Zusatz alle Andern auszuschließen daß er ja nur alleine Ihnen gellte, der Vater will die Litaney vorbethen, und des unschuldigen Fränzchens5 Gebeth der sich auch dazu anboth, wird gewiß erhört werden; Haben Sie nur Vertrauen und folgen Sie dem Rath Ihrer besten Freunde. –

 

Und jezt was soll ich Ihnen über die beyden Ringe sagen. An dem Herzchen, erquickten wir uns am meisten. Eine fleischliche Hülle nur; aber Inhalt schwer vom reinsten Golde. – Wir loosten und mir fiel das Blümchen zu; Ich triumpfierte weil ich die Gerechtigkeit liebe; allein die Peppi wollte es ungiltig machen, und that es auch, indem sie mich unter Thränen bath das Herzchen zu behalten weil es mich doch unendlich mehr freuen müßte, und so besitz’ ich nun was selbst das Schicksal mir verweigerte. Von uns Beyden also den herzlichsten innigsten Dank! – Wenn wir nur auch Etwas erfinden könnten Sie auf eine so niedliche Weise zu erfreuen, wie Sie es stetz vermögen! –

 

Was Sie übrigens von uns hören mögen, ist zimlich gut. Mein Vater befindet sich immer vortrefflich wohl! Gott sey Dank; Die Pepi ist auch gesund und pflegt wie eine Heilige unser geliebtes Fränzchen, das gerade Heute wieder eine neue Operation erlitt, nach der er sich wieder trotz aller Schwäche ganz beglückt fühlt. Die andern Beyden Schwestern sind auch wohl mit einem ganzen Häufchen von Kindern. Und meine Lebensweise ist jenner gleich die Sie kennen. Nur der Auftrag schwerer als damals; den das Bild in die katholische Kirche nach Carlsruh muß groß werden, ich weiß nicht ob ich Ihnen vom Gegenstande selbst, schrieb. Es soll den Martirertod des hl Steffanus6 vorstellen; wie er noch lebt als seine Freunde kamen ihn zu begraben, noch einmal sieth er den Himmel offen wo ihm Jesus erscheint mit 4 Engeln; etc etc Noch bin ich nicht an den Cartons, da ich alle Studien die ich nach der Natur zu machen habe, so wohl Köpfe als Hände Füße & Traperieen, vorerst auf einzelnen Blättern, sammeln möchte. So vielen Schwierigkeiten ich auch entgegen sehe, und so schwach an Kraft ich mich in allen Hinsichten fühle, so habe ich doch den Muth noch nicht verlohren, oder vielmehr übertäubt noch stetzfort die erste Freude über diese ehabene Aufgabe; die ernsten Vorwürffe meines Gewißens daß ich derselben unwürdig bin. Im Rathause habe ich die Gliederpup aufgestellt, und zu Hause arbeite ich nach den lebenden Modellen; ich habe schon bey 6 Köpfe, und mehrere Hände & Füße.

 

Erlauben Sie mir nun noch einmal den Rath zu wiederhohlen zu uns nach Constanz zu kommen; die Peppi und der Vater und meine eigene Sehnsucht bestürmen mich Sie dringend darum zu bitten. Sie könnten leben bey uns nur wie Sie wollten, still, ruhig, pflegen sagt die Pepi wollte Sie Ihnen, daß Sie gewiß zufrieden sein müssten; ein wahres Fest wäre es für uns. Überlegen Sie nun geliebter Freund und erfillen Sie unsere Wünsche. Wir haben Hier einen sehr geschickter wohlerfahrener Arzt, der vieleicht beßer auf Sie zu wirken verstünde.

 

Nun lieber Freund! leben Sie wohl, und laßen Sie bald wieder ein Wörtchen von sich hören; bis wir, auf was Art es auch geschehen soll uns sehen werden. Mit innigster Verehrung grüßen wir Sie viel 1000mal, und nehmen Sie sich in Acht nur im Scherze an meinem Andenken zu zweifeln damit ich Sie nicht etwa über Ihre Kleinglaubigkeit bestrafe.

 

Ihre

                                                                      

                                                                                                                           herzlichst ergebenste

den August. 1827.                                                                                                  Freundin Marie Ellenrieder

 

Möchten Sie dieß Engelein7 mit einstimmen laßen – wen in erhabenem Gefühl Ihr reines Gemüth nach dem Himmel schaut.

 

Es singe Ihnen fröhliche Töne ins Herz, und verkünde Seegen und Gesundheit, mit Allem was sonst noch von Oben uns Erdenkinder glücklich macht.

 

Adio carissimo amico!

 

 

1 Brief ohne Adresse an Carl Freiherr von Röder. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig Carl Freiherr von Röder bestimmen.

2 Vittoria Caldoni (1805-ca. 1872) aus Albano, Lieblingsmodell zahlreicher Künstler in Rom. 1820 von August Kestner entdeckt (vergl. August Kestner, Römische Studien, Berlin 1850, S. 81 ff.).

3 August Kestner (1777-1853), Geschäftsträger S. M. des Königs von Hannover in Rom.

4 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

5 Franz Hutter (1814-1829), Neffe der Künstlerin.

6 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

7 Vielleicht Fischer und Blanckenhagen WV 392.

 

 

32         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                    Konstanz den 23ten August 1827

 

            Wie herzlich bedauerte ich Sie und Ihre verehrte Frau Mutter und uns Alle; daß so besondere Fügungen über Sie komen mußten, und unsere Freude auf so lange verschoben zu sehen. Doch klang es mir festlich, indem mir nichts schöneres vorkömt als ein würdiger Man in seinem erhabenen Berufe fürs Vaterland würkend zu sehen, und mit Großmuth auf seine eigenen Angelegenheiten verzichten. –

 

Schöner wird dann unserer Aller Freude sein. – Es ist Ihnen immer alles so schön gelungen. Über Ihre Unternehmungen schien bewunderungsvoll stetz ein freundlicher Engel still leitend gewaltet zu haben. Also sehe ich mit fröhlichem Herzen, die anderhalb Monate vorüberziehn, deren lezten Tage, nicht wie die verfloßenen Freudbringenden Tage leer und verlaßen heraufsteigen. In jennen Tagen war uns recht bange um Sie!

 

Versagen Sie mir auch meine herzlichste Bitte nicht, daß Sie nemlich gerade bey uns absteigen, in welcher Stunde der Nacht auch Ihre Ankunft hier komen mag. Ich vergaß dieß in der Freude den lezten Zeilen nach Mayland beyzufügen.

 

Und nun leben Sie wohl!

 

Wenn Sie mir erlaubten, bäthe ich Sie noch um eine Gefälligkeit die mich sehr freuen würde. Wenn Sie gütigst bey dem Colorario in der Strada Frattina ein paar Loth von dem hellen gelben englischen Oker mitbringen würden. Er hat einen wunderschönen milden Ton, seitdem er mir ausgegangen glaube ich kein Fleisch mehr recht mahlen zu können.

Ihre

                                                                                                                                  treue Freundin Marie

                                                                                                                                                     Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig August Kestner  (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.


 

33        [RM Konstanz, 6]1                                                                               [Baden-Baden, 30. August 1827]

 

Liebster Freund!

 

Durch Ihr langes Ausbleiben in Italien, wurde mir eine große Freude genommen. Wären die Meinigen mir nicht so lieb, ich würde sie sehr um das Glück beneiden. Vieleicht sind Sie jezt da! oder wenn auch nicht, so sind Sie doch wieder im Vaterlande, Gott sey Dank!!! 1000 & 1000 mal seien Sie mir willkommen und auf herzlichste gegrüßt dieß ist doch eine innige Wonne für uns Alle, daß wir Sie wieder haben! und Sie so glücklich aus dem gefährlichen Lande zurückgekehrt sind, wie groß denke ich mir nun die Freude für Ihre liebe Frau Mutter auch diese zu sehen war mir nicht vergönnt, ach! wenn Sie doch nur anstadt nach Gaiß2 nach Baden gekommen wären!! Doch brav waren Sie, überbrav! Daß Sie mir schrieben; empfangen Sie nun meinen schönsten Dank dafür. Ich sehe daraus daß Sie in Italien nicht trübsinnig geworden sind, und haben großmüthig zu verzeyen nicht verlernt; auch die kleine Rache wird dem Seegen weichen müßen!?

 

Wann – werde ich Sie nun einmal wieder sehen? – Meine Freundin die Fr v: Vincenti3 bleibt noch den ganzen September hier, von da kehren wir nach Carlsruh zurück, dann muß ich später nach Mannheim, erst nachher werde ich späth im Winter über Offenburg nach Hause gehen können.

 

Wären Sie anstadt Gais hieher gekommen, und würden Sie mit uns gehalten haben, hätte Ihr Leben jenem in Rom geglichen, den wir gingen hinaus mit Pinsel & Balette und malten nach der Natur; einmal den Waßerfall bey Gerolsau,4 und 2mal im alten Schloß, und ins Zwickbuch wird alle Tage etwas aufgenommen. Es ging mir wie Ihnen, als mir Fr. von Vincenti erklärte daß sie nach Baden gehe, schien mir flugs eine Baadekur nicht unpaßend und faßte also auch schnell den Endschluß mich ihr beyzugesellen, ich lebe indeßen doch auch hier der Kunst und habe ein allerliebstes kleines Studium.

 

In der Hoffnung, daß Sie mich nicht ganz ohne Nachricht laßen, sage ich Ihnen nun mein herzlichstes Lebewohl. Empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Frau Mutter und sagen Sie Ihr daß ich den herzlichsten Antheil an Ihrer Freude nehme. Daß ich aber mit schwerem Herzen an ihrem verschloßenen Hause in Offenburg vorübergieng.

 

Mit aller Freundschaft & Verehrung

Ihre

Baden den 30ten Aug.                                                                                                treue Freundin

                                                                                                                                          Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

 »Seiner Hochedelgebohren

Dem Freyherrn Carl von Röder

in

Gais

oder Konstanz

oder Offenburg.«

Durch die Erwähnung des datierten Gemäldes »Geroldsauer Wasserfall« ist das Jahr 1827 wohl als sicher anzunehmen.

2 Badekurort in der Schweiz.

3 Anna von Vincenti, geb. von Hüetlin (1793-1866), Freundin der Künstlerin.

4 Fischer und Blanckenhagen WV 266.

  

 

34         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                    [Konstanz, 28. September 1827]

 

            Empfangen Sie unsere herzlichste Theilnahme über die glücklichen Nachrichten von Ihnen. Es war recht schön von Ihnen, daß Sie nicht ruhten bis Sie alle Ihre Lieben umarmen konnten; aber uns ließen Sie ohne Trost ob Sie wieder den Weeg über Constanz nehmen? Mann wird Ihnen nun so viel Liebes erweisen, daß Sie uns darüber vergeßen werden! Wir hoffen indeßen doch noch immer daß Sie kommen, nur widrigenfals müßte ich mich dazu entschließen Ihnen dieses Papier zuzuschicken welches Sie bey uns liegen ließen.2 Doch nehme ich aber noch keinen Abschied und mit meinen Glückwünschen auf die Reise nach Rom warte ich auch noch. Es ist jezt ein junger Künstler hier, der von seinen Eltern nach Italien geschickt wird, es ist Fritz Mossbrucker,3 vieleicht würde es Ihnen Vergnügen machen eine Gesellschaft dieser Art zu bekommen er ist ein vortrefflicher Mensch und sehr hübsch, er ist wirklich in diesen zwey Hinsichten schon ein angenehmer Reisegefährte, und als Künstler schon recht geschickt. Für ihn wäre es ein wahres Glück den er hat die Sprache noch nicht gelernt. Überlegen Sie es, und schreiben Sie mir dan. Ich kan Sie auch zugleich versichern daß Sie einen wahren Beschützer an ihm haben würden, den er hat Muth und Verstand genug.

 

Leben Sie nun wohl lieber Freund! und empfangen Sie meine innigsten Grüße mit Jennen der li Meinigen und allen die Sie gesehen haben.

 

Ad un bel rivedere!

                                                                                                               Ihre

 

Constanz 28ten September.                                                                                      Freundin Marie

                                                                                                                                              Ellenrieder

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig August Kestner  (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Am 3. August 1827 war August Kestner in Konstanz zu Besuch.

3 Friedrich Mosbrugger (1804-1830), Maler aus Konstanz, weilte vom Herbst 1827 bis Sommer 1829 in Italien (siehe Friedrich Noack, Das Deutschtum in Rom, Stuttgart 1927, Bd. 2, S. 407).


 

35         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                         [Konstanz, 29. Oktober 1827]

 

Hochverehrter Herr Director!

 

Soeben bekam ich einen Brief aus Italien, mit einer Aufzeichnung zum Altare.2 Nur um mich zu befriedigen sendete mir mein Freund Herr Metzger3 aus Florenz mir diese Zeichnung,* den er beruft sich auf den jungen Herr Bergmüller,4 der damals gerade in Florenz war, mit dem er sich ernstlich über diesen Gegenstand besprochen habe. Jenne Zeichnung die ich dafür schickte und die Sie auch gesehen haben, wäre ganz verwerfflich und er räth den Hochaltar von der Wand etwas zu entfernen, damit er dem Volke mehr sichtbarer würde, Herr Bergmüller versprach mit der grösten Bereitwilligkeit noch vieleicht eine andere Idee auf seiner Rückreise zu sammeln. Mögen Sie doch noch keine Order gegeben haben, damit so alles recht ganz nach Ihrem Wunsche, und nach der Großmütigen Erlaubniß deß Herrn Großherzogs ausgeführt werde, und Sie können denken, wie viel mir daran liegt, weil man so leicht einem Bilde durch eine Umgebung schaden kan.

 

Madam Werner wird meine beyden Briefe erhalten haben, wo ich ihr von der Vorsetzung der Studien sprach, und Sie hat es Ihnen gewiß mitgetheilt. – Nun habe ich die ganze Composizion auf eine große Wand in unserer Scheune aufgezeichnet um zu sehn wie es sich ausnimmt, und Gott sey Dank, es sieth nicht übel aus.5

 

Daß ich das Bild in dem Saal der Dompropstey mahlen darf macht mich ganz glückselig, und höbt mich aus 1000 Sorgen.

 

Nun schließe ich mit der wärmste Bitte den Auftrag wegen dem Bau des Altares dem jungen Hr. Bergmüller aufzutragen der nun bald nach Carlsruh zurückgekehrt sein wird.

 

Leben Sie wohl Hochverehrtester Herr Director! Und vergeben Sie mir daß ich so sehr sudelte. Ich wollte die Post nicht versäumen, weil ohnehin diese Comission schon so lange verzögert wurde.

 

Die Nachrichten die man von Freyburg hat6 erfült jedes fromme Herz mit Freuden & Dankesträhnen, nicht wahr? Sie legen mich ehrfurchtsvoll dem Herrn Großherzog zu Füßen.

 

Mit innigster Verehrung Ihre

 

Constanz den 29ten Oktober 1827                                                                     gehorsamste Dienerin

                                                                                                                                        Marie Ellenrieder

 

*sie gefällt mir aber sehr, sie ist so einfach & so edel!

 

 

1 Adressat nicht genannt. Es handelt sich aber sicher um Geheimrat Johann Evangelist Engesser, Direktor der Katholischen Kirchensektion im Ministerium des Innern in Karlsruhe.

2 Für das zu malende Bild Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

4 Karl Joseph Berckmüller (1800-1879), Architekt aus Karlsruhe, Schüler von F. Weinbrenner.

5 Das Haus in Konstanz in der Zollernstraße 2, indem die Familie Ellenrieder wohnte, hatte der Vater der Künstlerin 1789 erworben und im Jahre 1830 durch einen Neubau ersetzt. Im Jahre 1834 ist das Haus auf Marie Ellenrieder übertragen worden (vergl. Fritz Hirsch, Konstanzer Häuserbuch, Heidelberg 1906, 1. Band, S. 92)

6 Am 16. Oktober 1827 bestätigte Großherzog Ludwig durch Publikation im Badischen Regierungsblatt die Gründung des Erzbistums Freiburg (vergl. Karl-Heinz Braun, Die Gründung der Erzdiözese Freiburg und die Klosterfrage im 19. Jahrhundert, in: Theodor Hogg (Hrsg.), Wo Gott die Mitte ist, Ordensgemeinschaften in der Erzdiözese Freiburg in Geschichte und Gegenwart, Lindenberg 2002, S. 82-91).

 

 

36         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                       [Konstanz, 30. Oktober 1827]

 

            Ihre beiden Briefe lieber Freund! habe ich erhalten; und nachdem ich mich darin gefügt, Sie dießmal nicht mehr zu sehen fieng ich an, an Ihren Zeilen eine herzliche Freude zu haben. Ich schob es daher nicht länger auf Ihren innigst dafür zu danken. – Die Art wie Sie über die Composition sprachen sezte meinen Geist in lebhafte Thätigkeit Ihre Meinung zu meinem Vortheile zu überlegen; und ich will das Geistige Gewebe nicht vergeßen. Seit Ihrer Abwesenheit versuchte ich das ganze Bild in seiner Größe nach Quaderaten an eine Wand in unserer Scheune aufzuzeichnen.2 Und Gott sey Dank, es nimmt sich nicht übel aus, auch arbeite ich nicht mehr so im Ungewißen, da sich das Ganze überschauen läßt; mancher Fehler wurde auch deutlicher und so fand sich das jenne Jünglingsgestallt auf die sie mich aufmerksam machten um einen halben Schuh3 zu lang war. Auch wollen sich die Faden des Gewebes noch nicht überall gelenkig bewegen.

 

Von unserem gnädigsten Großherzog habe ich die Erlaubniß erhalten dieses Bild in dem schönen Saale der hiesigen Domprobstey4 zu mahlen, welches eine große Wohltat für mich ist.

 

Ich hoffe daß wir bald Nachricht bekommen daß Sie glücklich nach Rom gekommen sind, und noch viel Angenehmes in jennen schönen Tagen die sie noch bey teuschen Freunden und unter teuschem Himmel genoßen; jezt werden Ihnen freylich die südlichen Natur Übigkeiten behagen, wo keine vergrumpfelten Bäume wachsen, und der Himmel wärmere Töne mahlt!

 

Hr: Friderich Mosbruker5 wird nun bald auch bey Ihnen sein, Ihr schönes Anerbiethen Sie aufsuchen zu derfen, nehme ich dankbar für ihn an. Ich werde ihm daher Ihre Attresse mitgeben, und wenn Sie ihm gern einen Gefallen erweisen mögen, so werden Sie mir eine rechte Freude dadurch machen.

 

Leben Sie nun wohl! und empfangen Sie meine herzlichsten Grüße, bis auf ein anderes längeres Wiedersehen. All’ die Meinigen tragen mir auch Empfehlungen auf, Eine von unseren Damen ist Braut.

 

Mit innigster Verehrung

Ihre

 

Constanz den 30ten Oktober                                                                                        Freundin Marie

                                                                                                                                             Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig August Kestner  (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 1 Schuh = 30 cm.

4 Dieses Gebäude in der Rheingasse 20 war als säkularisiertes Domstift zeitweise das Konstanzer Quartier von Großherzog Ludwig.

5 Friedrich Mosbrugger (1804-1830), Maler aus Konstanz, weilte vom Herbst 1827 bis Sommer 1829 in Italien (siehe Friedrich Noack, Das Deutschtum in Rom, Stuttgart 1927, Bd. 2, S. 407).

 

 

37         [DKGNM, Nachlass Metzger, I,B-24]1                                                    [Konstanz, 1. November 1827]

 

Hochverehrter Freund!

 

Der Überbringer dieses Briefes ist Herr Moosbrucker,2 Mahler, (Bruder des Archideckten3). Er wird keinen Dienst von Ihnen annehmen weil er sich alles Nöthige selbst verschaffen kan; wenn Sie ihn aber freundlich empfangen und ihn mit guten Räthen ausstatten mögen, so werden Sie dieses an keinen Unwürdigen verschwenden, er ist ein sehr lieber Freund aus unserem Hause. Eines wird er aber nicht befolgen, er geth durch, wie alle Andere stracks der Hauptstadt der Welt entgegen. –

 

Ihr lezter Brief lieber Freund! schien mir ein Engelsbothe selbst zu sein. Sie führen fort mich zu leiten, und Ihr Leitung war gut, den ungleich beßer nimmt es sich jezt aus, seitdem ich oben das Bild in einen Bogen hielt. Ich fuhr um einen ½ Schuh höher; Herr Mosbrucker wird Ihnen mein weiteres Verfahren erzellen.

 

Die Aufzeichnung des Altares gefiel mir sehr, ich habe sie auch sogleich abgeschickt. Tausend & 1000 Dank dafür, aber noch einmal darf ich meine Bitte wiederhohlen, daß Sie mir etwas über die Farbengebung mittheilen, und sich deutlicher über das Halbdunkel erklären, wie mir scheint, meinen Sie damit ein wohlthätiger Farbenthon ohne schreiende Lichter? –

 

Freundschaftlich und herzlich grüße ich Sie mit Ihrer li Frau und Kindern viel 1000mal.

 

Ihre

                                                                                                                      dankbare ergebenste Freundin

Constanz am Tage von Allerheiligen,                                                                                   Marie Ellenrieder.

mit einem Herzensgruß dem heiligen Fensterlein!

 

 

1 Brief ohne Adressat an Giovanni Metzger. Aus dem Inhalt lässt sich eindeutig Giovanni Metzger in Florenz bestimmen.

2 Friedrich Mosbrugger (1804-1830), Maler aus Konstanz.

3 August Mosbrugger (1802-1858), Bauinspektor und Architekt aus Konstanz.

 

 

38         [RM Konstanz, 7]1                                                                                 [Konstanz, 31. Dezember 1827]

 

Schon naht sich die lezte Stunde des alten Jahres; aber noch ehe diese vorüberzieht sey meinem theuren lieben Freund für sein leztes Briefchen vom 14ten Oktober gedankt. Sie ließen mich damals lange auf eine Antwort warten, aber länger noch geschehen solche Vergehungen durch mich; Sie verlohren indeßen nichts dabey, den hätte ich Ihnen irgend mit einer fröhlichen Nachricht Vergnügen machen können, ich würde nicht so lange gewartet haben. Sie hingegen verkündeten mir das schöne Versprechen im Frühjahr zu uns zu kommen, und daß Sie malen und sich deßen freuen, und also gesund sind. Drey süße angenehme Berichte! Gott sey Dank.

 

Mit meinen Studien geths noch den gleichen Schritt hoffe aber bald an den Carton zu kommen, den ich in mehreren Theilen zu machen gedenke: um aber einen Überblick vom ganzen Bild zu erhalten, zeichnete ich es auf an eine Wand in unserer Scheune.2 – Vor kurzem wurde ich durch ein Pastellporträt unterbrochen; es kam nemlich der Fürst von Sigmaringen;3 ich glaubte es in 3 Tagen ganz fertig zu bringen allein ich war genöthigt noch für 2 Tage nach Sigmaringen zu gehen; diese kleine Ausflug that aber meiner Gesundheit recht wohl, sonst dürfte ich mir schon strenge Vorwürffe machen, daß ich meiner ersten Arbeit untreu wurde.

 

Nun lieber Freund, habe ich Ihnen meine armen Erzellungen alle gesagt, es bliebe mir nur noch übrig Ihnen Glück zum neuen Jahr zu wünschen, dieß thue ich aber nicht vor Ihnen, sondern im Herzen vor Gott der es zugleich erfillen kann. –

 

Empfangen Sie von uns Allen die herzlichsten Grüße und Empfehlungen, auch Ihrer verehrten Frau Mutter bitt ich mich herzlichst zu empfehlen und laßen Sie uns auch bald freudig vernehmen daß Sie wohl sind

 

Mit innigster Verehrung

 

Ihre

Konstanz den 31ten Dec: 1827                                                                                 treue Freundin

11 Uhr                                                                                               Marie Ellenrieder

 

1 Brief adressiert an:

                        »Seiner Hochedelgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in

Offenburg«

mit dem Postaufgabestempel R.2.CONSTANZ

         2.IAN:

3 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Anton Aloys Meinrad Fürst von Hohenzollern (Fischer und Blanckenhagen WV 54).

 

 

39         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                         [Konstanz, 23. Februar 1828]

 

Lieber Freund!

 

Es ist in der That recht unartig, daß ich Ihnen nicht schon lange eine dankbare Ankündigung über den Empfang der Farben machte! Sie besorgten es so schön; allein der Coloraro gab Ihnen nicht von dem blaßen, den ich meinte es wird Sie dieß betrüben und mir thut es um Ihretwillen sehr leid. Kaum getraue ich mich meine Bitte unschonlich zu wiederholen; sollten Sie aber wirklich Gelegenheit finden, so fragen Sie doch gefälligst Philipp Veit;2 und dan ist es beßer sie ungerieben zu laßen.

 

Mit den Studien und dem Carton3 bin ich Gott sey Dank zimlich vorangerückt, der obere Theil ist bereits fertig. Zur Abwechslung malte ich kürzlich auch die Skitze. Sie fragen mich womit ich die Steinigung (die voranging) bezeichnen werde; ich denke mit herumliegenden Steinen und das Gesicht des Heiligen wird sterbend und blaß, auch glaube ich, könnte am Schlaf eine kl Wunde mit Blut angebracht werden, den als der erste Blutzeuge sollte diese doch bezeichnet werden. – Ich dachte indeßen oft an jennes Bild von J. Romano,4 daß Sie mir von Florenz aus beschrieben, welches ich aber selbst nicht sah; Ich bleibe indeßen bey meiner Composition weil eine totale Veränderung zu erschrecklich für mich wäre, da ich mit meiner Idee schon zu heimisch geworden bin.

 

Den 23ten Februar.

 

Ich war im Begriffe Ihnen eine kleine Beschreibung von unserem Winter zu geben. Nun aber eile ich über alles hin; auch finde ich alles was ich noch sagen könnte für zu irrdisch, dem Himmel mehr verwannt, werden Sie in diesen Tagen nicht gerne etwas anderes hören, als von einem Glück erzellen das wir nicht mehr haben! von einer elterlichen Liebe, die wir dankbar erkennen! von einer Krone die wir immer glänzender sehen möchten und von der Vergänglichkeit dieses irrdischen Lebens. Niemals möchte ich aber mit Ihnen sagen "es gibt keinen Trost für das was Ich verlohren".5 Keinen Ersatz haben Sie sagen wollen?? Den des Trostes sind wir Christen ja überreich! – Es ist aber nur ein Zartgefühl was Ihre Klagen leitet, es leuchten später im Briefe schon andere überwundene Worte.

 

Gott zum Gruß mit Allem was Beruhigung

                                                                                                       heist und Trost!

 

39 Fortsetzung [GSA 52/I,3.4]6

 

Nun hätte ich keinen Augenblick säumen können Ihnen meine herzlichste Theilnahme zu bezeugen. Aber Trost geliebter Freund kan keine Menschenzunge geben. Von oben herab muß es kommen, – die Kraft – das geforterte Opfer mit Entsagung auf den Altar legen zu können. Um dieses will ich Gott bitten, und gewiß wird die erhabene Ruhe wieder in Ihre Seele zurückkehren und mit Thränen des Dankes (und nicht der Traur) werden Sie dan der Glücklicheren (als wir es sind) gedenken, und Gott preisen, Sie doch so lange zur Mutter gehabt zu haben. Sie hier nicht mehr zu sehen ist freylich hart; aber jenne schönen Tage müßen doch von großer Entschädigung für Sie sein! – Und ich kan nie ganz betrübt sein, wenn ein Gerechter stirbt, ich möchte es eher ein Fest nennen. – Es müßte jenen Abgeschiedenen betrieben wenn sie uns sehen würden mit tränenden Blicken ins Grab hinein schauen, und von da nicht ablaßen, bis immer tiefer und tiefer der Schmerz der Trennung fühlbarer wird! – Blicken wir doch lieber aufwärts wo die Seligen uns winken mit der Palme des ewigen Friedens, daß wir nur muthiger wandeln sollen. – Sie haben nun einen unsichtbaren Schutz mehr. Tragen Sie Sorge daß die stille Umgebung himmlischer Geister ihre Angesichter nicht wegwenden, sondern daß sie frohmüthig beystehen zu kämpfen den alten Kampf. – Was jezt die Zeit noch nicht zu geben vermochte, wird die Zukunft thun. Sind Sie nur wohl getröstet, die Pflichten Ihrer kindlichen Liebe haben Sie zu schön erfillet als das der Seegen einer stillen heiteren Zufriedenheit lange ausbleiben sollte! –

 

Leben Sie wohl! Alle die Meinigen vermelden Ihnen mit mir das innigste Mitleid. Laßen Sie uns auch bald vernehmen daß es Ihnen wieder recht gut geth.

 

Ich hatte schon einen Brief an Sie angefangen gehabt, ich will ihn beyschließen, weil es Sie über den Empfang der Farben benachrichtigt, auch beantwortete ich dabey ein paar Ihrer gütigen Fragen.

Mit dem aufrichtigsten Mitgefühl

 

Ihre

Konstanz den 23ten Februar 1828.                                                                          Freundin Marie

                                                                                                                                             Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Philipp Veit (1793-1877), Maler aus Berlin.

4 Giulio Romano (1499-1546), italienischer Maler, Architekt und Baumeister, Schüler und Mitarbeiter von Raphael in Rom.

5 Dieser Satz bezieht sich auf den Tod seiner Mutter Charlotte Kestner, geb. Buff am 16. Januar 1828.

6 Der Brief gelangte geteilt in zwei Archive, der erste Teil in die Universitätsbibliothek Leipzig und der zweite Teil in das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar.

 

 

40         [DKGNM, Nachlass Metzger, I,B-24]1                                                    [Konstanz, 19. Februar 1828]

 

            Tausent Dank lieber Freund für den theuren Brief womit Sie mich so höchlich erfreuten. Er erinnerte mich lebhaft an die schöne und lehrreiche Zeit in der ich bey Ihnen wohnte. Allein jezt finde ich Sie nicht mehr da, in ungewohnten Straßen muß mein Geist herum irren um Ihre größere Wohnung, die Sie sich erst kürzlich wählten zu suchen. Hätte Hrr: Gschwend mich nicht versichert daß diese nun schöner und paßender für Sie wäre, nimmer hätte ich es Ihnen verziehn, daß Sie jennes liebe Haus mit dem Tempel Gottes verlaßen konnten und so auch meinen Engeln treulos worden sind! – Ich kan mir indeß Ihre unruhige Zeit die Sie mit dem Auszug hatten lebhaft vorstellen und die immer vielen Geschäfte und Störungen ich weiß daher Ihre verehrten Zeilen destomehr zu schätzen, aber so sehr ich Sie liebend schonen möchte, muß ich dennoch meine Bitte wiederholen, daß Sie Ihr Wort halten möchten die gedachten Farben zu nottieren, und jene Durchzeichnungen die Sie mir großmüthig zuschicken wollten, legen Sie nur auch bey, es reut mich kein Porto, den die Gelegenheiten sind nicht immer die nichtigsten Bitten.

 

Um meinem Gewißen genug zu thun malte ich kürzlich meine Skitze2, ich that mich hart und noch kan ich mich darüber nicht befriedigt fühlen, Ihr guter Rath ist mir jezt so nothwendig als Brod. Den Engeln gab ich allen Lichte Schanschang Gewänder, wären vieleicht andere nicht beßer gewesen? – Sie riethen mir den Christus nicht wie eine Pietà zu mahlen, was versteth man unter diesem Namen in der Kunst? Bis jezt hat er nur noch einen weißen Mantel an und kein Kleid.

 

Ich stimmte Ihrer Meinung ganz bey, das Bild in lichten aber nicht schreienden Farben zu malen, bey der Ausübung in der Skitze mußte ich jedoch manche Farbe mit einer dunkleren vertauschen, weil sich die Figuren nicht überall abheben wollten, und den 2 hintersten Männern war ich genöthigt eine pfade Farbe zu geben, weil ich keine andere wußte, und sie haben zu viel Ähnlichkeit mit dem Hintergrund. Ich denke immer sie werden auch dunkler sein müßen und dafür die fordern mehr Kraft fordern. Die Luft habe ich noch zu schreiend blau, womit kan man diese brechen ohne sie schmutzig zu machen? – Ich bin nun sehr begierig ob Ihre Farben Noten bey einigen Stellen die Meinigen begegnen werden! Ich denke immer das Bild wird jezt ein zimmlich gutes Licht erhalten, indem mir Hr Berkmüller3 schrieb daß sie nun die Sacristey hinter den Hochaltar bauen, und folglich diesen umsomehr vorückten.

 

Ich glaube Ihnen früher gesagt zu haben, daß ich es versuchte das Bild so groß als es werden muß aufzuzeichnen auf eine Wand in unserer Scheune, ich genieße daher den Vortheil den Carton in mehrere Theile zu zeichnen. Ich habe seither den Obern Theil in 3 Theilen vollendet. Diese Woche noch komme ich an den Untern Theil des Bildes welchen ich wieder in 3 Theile ausgemeßen habe und ich hoffe noch vor dem Sommer ans Malen zu kommen.

 

Nun sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl mit der Versicherung daß Sie lange Zeit Ruhe vor mir haben sollen, wenn Sie diesen meinen Wunsch um Farbenrath werden erfillet haben. Grüßen Sie mir Ihre lieben Herzens Söhnchen und Ihre liebe Frau. – Von der guten Predl4 weiß ich gar nichts seit sie nach Petersburg abgereist ist hingegen von der der Seidler5 gehen immer gute Nachrichten ein, und dem Schintz6 hat seine Frau ein Döchterlein gebohren, er fühlt sich glücklich und malt fleißig. Schreiben Sie mir im Künftigen Brief auch Ihre Attresse, Hr Geschvend konnte sie mir nicht sagen.

 

Mit aufrichtiger Freundschaft Ihre

                                                                      

                                                                                                                                      dankbare Marie

Constanz den 19ten Februar.                                                                                                        Ellenrieder

 

 

Ist das englischroth eine gute Farbe?

 

Und halten Sie den Münchner Koschenilienlack für Haltbar. Eine neue graue Farbe weiß ich nun, die der Ultramarina sehr nahe kömt, nemlich wenn man Schiefersteine schabbt; – glaubn Sie das diese nicht nachdunkeln wird?

 

Durch eine liebe Hand werden Sie diesen Brief erhalten!

 

 

1 An Giovanni Metzger in Florenz.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Karl Joseph Berckmüller (1800-1879), Architekt und Zeichner aus Karlsruhe. Karl Joseph Berckmüller war vom Direktorium der Katholischen Kirchensektion in Karlsruhe beauftragt wurden, einen neuen Hochaltar für die St. Stephanskirche zu entwerfen, der dem Altargemälde von Marie Ellenrieder einen würdigen Rahmen geben sollte (vergl. Fritz Hirsch, 100 Jahre Bauen und Schauen, Karlsruhe 1928, 1. Band, S. 504)

4 Katharina von Predl (1790-1871), Malerin aus Teisbach bei Dingolfing.

5 Louise Seidler (1786-1866), befreundete Malerin aus Weimar.

6 Johann Kaspar Schinz (1798-1832), Maler und Kupferstecher aus Zürich.

 

 

41         [RM Konstanz, 8]1                                                                                     Konstanz den 1ten May 1828.

 

Theurster Freund!

 

Länger darf ich es nicht aufschieben Ihren lieben Brief zu beantworten; oder vielmehr, Sie darüber zu einer Buße zu ermahnen. – Weniger hätte ich mich getraut Sie auf Ihr gütiges Versprechen zu erinnern, weil wir unsererseits Sie nicht zu entschädigen wißen. Allein, da Sie Sich nun so flatterhaft Freyburgs Faschingsfreuden bis auf den lezten Tag ausschlüßlich hingaben, wird eine ernste Buße für Sie sehr heilsam sein. Kommen Sie also nach Konstanz und sühnen Sie Ihr gehabtes Wohlleben durch die Freude die Sie uns durch Ihre theure Gegenwart machen können.

 

Bis anfangs Juni wird unsere Wohnung frey, wir erwarten Sie mit einer freundschaftlichen Sehnsucht, für die eine Theuschung höchst schmerzlich sein müßte.

 

Was ich Ihnen also berichten könnte, erspaare ich bis dahin; oder ich sage es Ihnen mit wenig Worten, den wo wenig ist braucht man auch nur wenig Worte.

 

Der Carton zum obern Theil des Bildes ist fertig; und die Hauptgruppe des heiligen Steffanus2 auch, nun habe ich noch 2 Theile zu bearbeiten, einen von 4 Figuren, der andere von 2, hierauf werde ich ans mahlen kommen, wozu mir ein sehr schönes Lokale überlaßen wird, nemlich der Saal der Domprobstey.3

 

Es darf mir aber Angst sein! Da Sie Ihre Augen so sehr an die schönen Bilder in Italien werden gewöhnt haben, daß Ihnen meine Arbeiten nicht mehr gefallen können.

 

Leben Sie nun wohl! Und verschmehen Sie nicht unsere herzlichsten Grüße.

 

Mit treuer Verehrung

 

                                                   Ihre

                                  Freundin Marie Ellen-

                                        rieder

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                    »Seiner Hochedelgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in

Offenburg«

mit dem Postaufgabestempel R.2.CONSTANZ

         1.MAI:

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Dieses Gebäude in der Rheingasse 20 war als säkularisiertes Domstift zeitweise das Konstanzer Quartier von Großherzog Ludwig.

 

 

42          [A. Wintermantel, Furtwangen]1                                                                     [Konstanz, 13. Mai 1828]

 

            Aber lieber Herr Kirner! warum geben Sie keine Nachricht, ob Sie das Empfehlungsschreiben an Herrn Gesanten erhalten haben? –

 

Ich will Sie nur aufmerksam machen, daß Sie mit dem Schreiben an Herrn Großherzzog2 nicht säumen sollen. Ihre Sachen Gefielen auf der Kunstausstellung, und die Frau Marggräfin Leopold3 sagte mir, daß der Hr Grosherz: ihr erzellte, daß er dem Kirner erlaubte selbst an Ihn zu schreiben. –

 

Hätten Sie also das Schreiben an Badischen Gesannten Hr v: Fahnenberg4 nicht erhalten, so gehen Sie dennoch hin, übergeben Sie Ihren Brief und bitten Sie ihn, daß er es nach Carlsruh befördern möchte.

 

Säumen Sie nicht, Sie stehen noch in gutem Andenken, benützen Sie es; meine besten Wünsche begleiten Sie in allen Ihren Unternehmungen.

 

Also Gott befohlen, leben Sie wohl.

 

seit 3 Tagen in Constanz den 13ten May                                      

                            Marie Ellenrieder

 

Hochachtungsvoll und dankbarst empfehlen Sie mich dem Herrn Director.

 

 

1 Brief adressiert an:              »Herrn Kirner

Elev der königlichen Akademie der bilden-

den Künste in

München«.

Johann Baptist Kirner  (1806-1866), war ab 1839 Großherzoglich Badischer Hofmaler.

2 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830).

3 Sophie Markgräfin von Baden (1801-1865), ab 1830 Großherzogin.

4 Friedrich Freiherr von Fahnenberg (1785-1833), seit 1817 badischer Gesandter in München.

 

 

43         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214],1                                                                   [Konstanz, Mai 1828]

 

            Herzlichen Dank lieber Freund! für das theure liebe Briefchen das eben auch eine Ewigkeit ausblieb! Es ist indeßen früher eines an Sie abgegangen, daß Sie durch Herrn Walis2 erhalten werden; aber wozu sollte ich Ihnen so oft schreiben, da ich Ihnen nie etwas intereßantes zu sagen weiß, und könnten Sie von Zeilen erfreut werden die aus einem Lande kommen wo gerumpfelte Bäume stehen? – doch – heute darf ich nicht mit Ihnen zanken da ich ohnehin mit einer Klage Ihnen lästig falle, indem ich Sie herzlichst bäthe den Brief an meine Freundin Predl3 zu attressiren; es ist Schade das Ihre Nachricht von der Predl Ihrer Heirath für mich nicht die erste war; den die Überraschung war so groß und meine Freude so lebhaft daß ich jenne kurzen Zeilen die mir aus München gesannt wurden über 6 mal unterbrach, in der Stube herum sprang und mich kaum faßen konnte. Nachher pries ich aber dankend die göttliche Vorsehung die auf eine so wunderbare Weise sie in Schutz nahm. Den sie war doch sehr alleine in der Welt und nun scheint sie ge[lo]hnet für ihr ganzes Leben zu seyn.

 

Und Sie lieber Freund, wie waren doch Sie! so glücklich, daß Sie eine so schöne Reise machten, nur die Namen der Orte die Sie mir benannten, erregten schon eine Art von Heimweh, und wenn ich nun erst bedenke wie viel Kunstgenuß und andere Freuden Sie werden gehabt haben; so könnte ich Sie wahrhaftig, (wen Sie mir nicht so lieb wären) beneiden. – Es wird Sie recht gestärkt und beseligt haben; und so aber feßeln Sie sich immer mehr durch eigntlichen Dank an das schöne Italien daß Sie am Ende gar nicht mehr zu uns kommen, um so mehr, da Sie das Liebste was Sie noch da hatten vom Himmel Ihnen genommen wurde!

 

Mit den Cartons zu meinem Bilde,4 bin ich nun fertig Gott sey Dank, und ich zelle 147 einzelne Studien nach der Natur, die ich dazu verfertigte, nun male ich die Skitze fleißig, dan später wenn die Leinwand bereitet ist wird das Bild zu malen angefangen. Nun leben Sie wohl, 1000 & 1000 mal grüß ich Sie herzlichst und wir Alle. Ihre Fr: Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief ohne Jahr und Datum an August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom. Das Jahr geht aus der Nachricht über die Hochzeit von Katharina Predl mit Louis Grassis hervor, die am 17. Mai 1828 stattfand (siehe Edwin Fecker, Die Malerin Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1871), in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern, Bd. 131, Landshut 2005, S. 47).

2 Wohl Wilhelm Wallis, Verleger in Konstanz. Publizierte 1819 das erste Verlagsverzeichnis seiner Konstanzer Verlagsbuchhandlung.

3 Katharina von Predl (1790-1871), Malerin aus Teisbach.

4 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

 

 

44          [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                                     Konstanz den 12. Juni 1828

 

Hochverehrter Freund!

 

Um die Grüße die Herr Walis2 Ihnen von mir bringen wird zu bekräftigen, widerhole ich sie hier schriftlich viel 1000 mal, mit dem herzlichsten Vergnügen daß mich jedesmal durchdringt, wenn Jemand wie ein Himmelsbothe aus der heiligen Stadt hierher kömmt oder dahin zurückkehrt. – Ich habe nun schon lange nichts mehr von Ihnen gehört, sie werden sich also nicht wundern wenn ich von Tag zu Tag ein Briefchen von Ihnen erwarte; und schreiben Sie mir nur recht viel neues, mit Wenigem bin ich auch zufrieden, sagen Sie mir auch ob Sie meine Freundin sahen, die sich nach Sicilien verheirathete;3 ich war so sehr von dieser Nachricht überrascht, daß es mir jezt noch wie ein Traum vorkömt, und ich mich in der Freude darüber kaum faßen kan; denn sie soll ganz glücklich darüber sein; Gott sey Dank!

 

Die Studien zu meinem Bilde4 sind nun alle beysammen 147 an der Zahl, auch der Carton (in 6 Theilen) ist fertig. Nur die Skitze in Öhl habe ich noch in Arbeit; dan wäre ich ganz gerichtet gewesen am Bilde selbst anzufangen; allein die grundierte Leinwand die ich in München machen ließ fiel so schlecht aus, daß ich mich entschließen mußte um eine andere zu sorgen. – Ich glaube nun daß dieser Vorfall so von oben zum Besten des Bildes, angeordnet wurde; ich werde vieleicht jezt manchen Fehler gewar den ich in einem übereilten Anfange begangen haben würde.

 

Ich kan nun meinen J Evangelist5 malen, den Sie angefangen gesehen haben. Nun leben Sie wohl! Gott sey mit Ihnen und uns Allen die wir Sie herzlichst und innigst grüß

 

                                    Mit treuer Verehrung                                                                                                                Ihre Freundin Marie

                                                                                                                                                  Ellenrieder.

 

 

 

1 An August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom.

2 Wohl Wilhelm Wallis, Verleger in Konstanz. Publizierte 1819 das erste Verlagsverzeichnis seiner Konstanzer Verlagsbuchhandlung. Er verlegte ab 1820 eine größere Zahl von Büchern des Konstanzer Bistumsverwesers Ignaz Freiherr von Wessenberg. Sein Sortiment ging 1833 an den Verlag Glükher und Gebhard über.

3 Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1971).

4 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

5 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 348.

 

 

45         [RM Konstanz, 9]1                                                                                       [Konstanz, 5. August 1828]

 

Theurster Freund!

 

Ich muß tausend und tausend mal um Vergebung bitten daß ich so lange ihre verehrte Zuschrift unbeantwortet ließ sie konnte mich aber auch gar nicht erfreuen, und wir Alle sahen uns in der angenehmsten Erwartung geteuscht.

 

Wie lange müßen wir nun noch warten bis wir das Glück Ihrer Gegenwart genießen werden? Zwar haben Sie mir hiezu das schönste Anerbiethen gemacht, wofür ich Ihnen herzlichst dankbar bin. – So viel Vergnügen wäre nicht heilsam für mich gewesen, und meine Arbeiten hätten es mir nicht erlaubt, die ich ohnehin auf eine Zeit unterbrechen mußte; ich war in Langenstein2 und hatte da mehrere schöne erquickliche Tage und die lebhafteste Freude durchströmte mich als Herr von Krieg3 der mit Hr Marggraf Leopold4 dahin kam mir in der ersten Minute erzellte daß er zu seinem großen Vergnügen Ihre Bekanntschaft gemacht habe, und erzellte mir viel und lang von Ihnen. Sie werden nun zurück sein und die gute Wirkung der Brunnenkur merklich empfinden?

 

Mit meinen Studien und Cartons zum Bilde wäre ich fertig und könnte daher das Bild selbst zu malen anfangen wenn ich mit der Leinwand kein Mißgeschick gehabt hätte, sie fiel nemlich gar nicht zu meiner Zufriedenheit aus; Es wird nun dieses Geschäft eine lange Pause leiden; doch fühle ich mich einigermaßen entschädigt indem ich einen heilig Johann Evangelist5 malen kan, den ich schon lange zu malen anfing und wozu ich die Studien noch in Italien machte; auch ist es vieleicht sonst noch von Vortheil indem ein immerwehrend gleicher Gedanke den Geist ermüdet hätte.

 

Mein Vater6 ist soeben auf Besuch in Zürich, und die Pepi7 läßt Ihnen alles erdenkliche Schöne sagen.

 

Ich sage Ihnen jezt auch mein Lebewohl mit der Versicherung meines herzlichsten Dankes und der immer lebhaften innigen Verehrung mit welcher ich so oft Ihrer gedenke.

 

Constanz den 5ten August 1828.                                                                                    Marie Ellenrieder

 

Empfehlen Sie mich auch gütigst Ihrer Verehrten Frau Mutter, und sie möchte es Ihnen auch nicht ausreden wenn Sie ihr etwa forschlügen Sie auf einige Zeit zu verlaßen, um Ihre Freunde in Constanz zu besuchen. Ißel8 fragt Ihnen immer nach, er hat ein allerliebstes Haus gekauft in Eck9 der Meinau gegenüber und lebt nun da recht glücklich.

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                     »Seiner Hochedelgebohren

Herrn Freyherrn Carl von Röder

in

Freyburg

im Breisgau.«

mit dem Postaufgabestempel R.2.CONSTANZ

         7.AUG:

2 Schloss Langenstein bei Aach.

3 Georg Heinrich Krieg von Hochfelden (1798-1860), General und Adjutant des Markgrafen Leopold von Baden.

4 Leopold Markgraf von Baden (1790-1852), ab 1830 Großherzog von Baden.

5 Hl. Johannes Evangelist (vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 348).

6 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

7 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

8 Georg Wilhelm Issel (1785-1870), hessischer Hofmaler.

9 Egg, Ortsteil von Konstanz.

 


 

46         [A. Wintermantel, Furtwangen]1                                                                 [Konstanz, 7. August 1828]

 

            Sie werden es vieleicht schon wißen, daß der allergnädigste Herr Großherzog Ihre Bittschrift an Hr: v: Henenhofer2 zur Besorgung übergab. – Gott sey Dank! – Ich war damals gerade in Langenstein3 und es wurde vor Allen (es war auch Hr. Marggraf Leopold4 zugegen) mit lebhafter Theilnahme von Ihnen gesprochen. – Ich hoffe nicht daß es nöthig sein wird Sie bey diesem Vorfalle, zu allem Guten aufs neue aufzufordern, den meine Meihnung von Ihnen ist groß, und Gott möge seinen Segen dazu geben, daß ich mich in Ihnen nicht betrüge. –

 

Wie geth es mit dem Bilde? Wird es auch bis auf künftige Ausstellung (im Mayen) fertig? Es schimmert mir ein ein kleines Licht aus der Ferne, daß ich vieleicht ein Plätzchen dazu finde. Auch sprach Hennenhofer mir tröstend darüber, sind Sie also ohne Sorgen, arbeiten Sie glücklich, ruhig, und versammelt im Geiste. –

 

Werden Sie im Herbst nach der Heimath kommen, oder nicht? wen Sie schreiben, so schreiben Sie wenn Endres5 schreibt als Einschluß. –

 

Unterlaßen Sie es nicht sich wegen einer Entschädigung bey Hr: Rath Burg6 lebhaft zu verwenden.

                                                                                                         

                           Marie Ellenrieder

C den 7ten August 1828.

 

Geben Sie auch immer ein wenig Acht auf die Vortheile im Fresko malen, ich habe nemlich eine dunkle Hoffnung daß man uns etwas gemeinschaftlich dieser Art in Carlsruh auftragen wird.

 

Empfehlen Sie mich Herrn Director Cornelius7 1000mal

 

 

1 Brief ohne Adresse an Johann Baptist Kirner. Aus der Provenienz und dem Inhalt des Briefes lässt sich Johann Baptist Kirner (1806-1866), Kunststudent in München, eindeutig bestimmen.

2 Johann Heinrich von Hennenhofer (1793-1850), seit 1828 Direktor der auswärtigen Angelegenheiten am großherzoglichen Hofe.

3 Schloss Langenstein bei Aach.

4 Leopold Markgraf von Baden (1790-1852), ab 1830 Großherzog von Baden.

5 Bernhard Endres (1805-1874), Maler aus Owingen, Schüler von Marie Ellenrieder, seit 1826 an der Münchner Kunstakademie.

6 Die Künstlerin bittet Kirner das Gemälde dem Weihbischof Dr. Joseph Vitus Burg (1768-1833), Domdekan und Großherzoglich Badischer Ministerialrat in Freiburg zum Kauf anzubieten, Vitus Burg war aber an einem Kauf nicht interessiert (vergleiche dazu Carina Mahlbacher, Johann Baptist Kirner 1806-1866, Badischer Hofmaler, Diss. Stuttgart, 1983, S. 99 ff.).

7 Peter von Cornelius (1783-1867), seit 1824 Direktor der Münchner Akademie der Künste.

 

 

47         [RM Konstanz, 10]1                                                                                 [Konstanz, 15. Oktober 1828]

 

Lieber Freund!

 

Was werden Sie von mir denken! daß ich es so lange aufschieben konnte Ihnen zu danken für die freundliche Aufnahme und die vielen Geschenke die Sie mir zum Geleite mitgaben. Ein bleibender Genuß ist mir durch das schöne Bild zu Theil geworden; wie werde ich Ihnen je genug dafür danken können; die Meinigen stimmen mit mir ein. – Die Pepi2 war auch ganz entzückt über die römischen Kleinode, wir sinnen nun darauf wie wir es im Andenken an Sie als Zirde gebrauchen können. Die Anzahl hatte sich vermehrt!!! – Nebst all’ Diesem verschwäzte ich Sie doch! es mußte rein alles erzellt werden, wie schnell der Caffee fertig war etc etc. Alle freuten sich, und ich freue mich noch lange, daß ich Sie wieder einmal gesehen habe.

 

Seither war ich einige Zeit auf dem Heiligenberg3 nun aber arbeite ich wieder zu Hause, und freue mich wenn mir der Winter recht lange vorkömt den ich bin dieser Jahreszeit gar nicht abhold, und es ist sonderbar! wenn schon die Tage kürzer sind mann bringt doch mehr Arbeit zusammen als im Sommer. Mann fliegt nicht aus.

 

Herr Metzger4 aus Florenz, (der bald nach meiner Reise von Freyburg hier ankam) machte mir entseztlich Lust wieder einmal nach Italien zu gehen, stellte es mir gleichsam als Pflicht für die Kunst auf, und erklärte mir alle möglichen Vortheile, ich war ganz entzückt über die neu gebackenen Nachrichten aus dem schönen Lande, und sind wir nicht stetz von Dank durchdrungen, daß wir doch wenigstens einmal dort waren? Ist es nicht Vermeßenheit noch ein zweites mal dahin kehren zu wollen?

 

Nun sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl mit dem warmen Wunsche daß wir immer die besten Nachrichten von Ihnen hören können; daß unser künftiges Widersehn so schön wie das in Freyburg werde.

 

Mit innigster Verehrung Ihre

Konstanz den 15 Oktob                                                                                     dankbare Schuldnerin

1828                                                                                              Marie Ellenrieder

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                   »Seiner Hochedelgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in

Freyburg

im Breisgau«

2 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

3 Fürstlich Fürstenbergisches Schloss nördlich des Bodensees.

4 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.


 

48         [A. Wintermantel, Furtwangen]1                                                                [Konstanz, 16. Februar 1829]

 

            Endlich schreite ich zur Beantwortung Ihrer beyden Briefe. Aus dem ersten vernahm ich daß Sie eine Vakansreise ins Gebürge2 machen wollten, haben Sie es gethan? – und sind Sie mit Studien aller Art bereichert zurückgekehrt? – Ich denke künftigen Herbst dürften Sie wohl Ihre Eltern besuchen und von dort aus nach Constanz kommen; mein Vater biethet Ihnen freundliche Aufnahme an.

 

Aus Letzerem vom 29 Dec. ersah ich eine gerechte Strafe für Ihre allzu frühe Liebe zur Freyheit; Man lernt doch manches unter der Anleitung wozu man nur langsam durch eigene Erfahrung gelangt; und viele Auslagen hatten Sie mehr zu bestreiten in einem so kalten Winter wo in München das Holz so theur ist! Ich will Ihnen zwar keine Vorwürfe machen sondern Sie nur gewöhnen den Tadel gütig aufzunehmen, um sich dadurch in der Demuth zu üben.

 

Ich freue mich sehr daß Ihnen der vortreffliche Herr Schnorr3 so viele Liebe beweist, und daß auch Herr Schlottauer4 bisweilen kömt. Empfehlen Sie mich Beyden, ich bitte, aufs Schönste.

 

Wegen der Aufgabe zur Bergpredigt wird es Ihnen Hr Endres5 gesagt haben, daß ich anstadt deßen das Wunder der 5 Brode6 wählte; noch bin ich aber weit damit zurück. Sie könnten dieses nun auch versuchen, und mir dan von beyden eine Aufzeichnung schicken, bis hernach kan ich mein Wort auch halten.

 

Der Überbringer dieser Zeilen ist ein Landsman von Ihnen,7 es wird also nicht nöthig sein ihn Ihnen besonders zu empfehlen, und können Sie ihm wirklich in den ersten Tagen seiner Ankunft ein paar christliche Dienste erweisen, so thun Sie es gewiß einem Würdigen, für den ihn alle seine Bekannten anerkennen.

 

An meinen paar Bildern für die Ausstellung habe ich noch so viel zu thun daß ich kaum damit fertig zu werden die Hoffnung habe.

 

Leben Sie nun wohl! Gott sey mit Ihnen und führe Sie zu allem Guten an, und uns Alle.

 

Mit den freundschaftlichsten Gesinnungen und den besten Wünschen grüße ich Sie 1000mal

 

 

Konstanz den 16ten Febr                                                                                                    Marie Ellen-

1829.                                                                                                                                    rieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                    »Herrn Johann Kirner

Elev der königlichen Akademie der

bildenden Künste in

München«.

2 Im September 1828 unternahm er eine Studienfahrt nach Innsbruck (vergleiche Carina Mahlbacher, Johann Baptist Kirner 1806-1866, Badischer Hofmaler, Diss. Stuttgart 1983, S. 12).

3 Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), von 1827 bis 1846 Professor an der Münchner Akademie der Künste.

4 Joseph Schlotthauer (1789-1869), seit 1831 Inspektor an der Münchner Akademie.

5 Bernhard Endres (1805-1874), Maler aus Owingen, Schüler von Marie Ellenrieder und seit 1826 an der Münchner Akademie.

6 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 303.

7 Dabei dürfte es sich wohl um Franz Xaver Winterhalter handeln, der Anfang 1829 mit einem Stipendium des großherzoglich badischen Fonds für Künste und Wissenschaften  sein Studium an der Münchner Kunstakademie fortsetzen konnte (vergleiche Armin Panter, Studien zu Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), Diss. Karlsruhe 1996, S. 18).

 

 

49         [A. Wintermantel, Furtwangen]1                                                                   [Konstanz, 19. Mai 1829]2

 

            Wie leicht und zerstörbar war Ihre Freude und Beruhigung, da Sie bey dem ersten Gerede schon schwankend wurden; was hinterte ihr Vorhaben eine Nachricht dieser Art! Sie waren ja durch meinen Brief gesichert. Die 400 f, für welche Sie das Bild3 malen wollten werden schon zusammen zu bringen sein; Herr v: Wessenberg4 schien sich über die Skitze zu freuen, er wird mir daher gewiß Beystand leisten, oder vieleicht können Sie selbst einst mehr dafür bekommen, in dieser Hinsicht sollen Sie ihre volle Freyheit haben, freylich im Falle es mir zufällt, wird dan jenne Entschädigung abgerechnet, die Sie erhalten werden, um welche Sie jezt an den Herrn Weyhbischoff5 zu schreiben haben, da ich über meinen lezten großen Brief ganz ohne Antwort belaßen worden bin. – Schreiben Sie also was Sie aus Freyburg durch einen Reisenden vernommen haben, und stellen Sie ihm ihre Laage vor mit den Unkosten und der Zeit die Sie daran verwendeten und bitten dan um eine Entschädigung; mein Versprechen werden Sie verschweigen, daß können Sie sich leicht denken.

 

Sie sagen mir nie etwas von Ihren Verhältnißen, ich denke Sie werden der Unterstützung bedürfen, schreiben Sie also wie viel Sie bis in Herbst brauchen, den, da es mit dem Bilde nun keine Eile mehr hat so können Sie in der Vakans nach Hause gehn.

 

Vieleicht sind Sie auch so glücklich jenne 300 f wie voriges Jahr zu erhalten, versäumen Sie ja nicht ein Bittschrift einzureichen, der Badische Herr Gesannte6 wird es gewiß besorgen, es ist gerade jezt die rechte Zeit darum einzukommen.

 

Fangen Sie also getrost an, wenn anders Sie noch die rechte Freude zur Unternehmung durchdringt, und ich zweifle nicht. – Den es wird einst schon ein gutes Plätzchen finden, und Gott wird auch nach so vielen Stürmen seinen Seegen dazu geben.

 

Was mein Versprechen betrift, dabey bleibt es. Ich bin nicht gewohnt, meine Worte zu betheuren; ich war Diejennige die immer noch Hoffnung hatte, und Ihnen Muth machte fortzufahren, wie also das Schicksal fällt war ich bereit es auf mich zu nehmen, und noch, es ist dieß auch meine Schuldigkeit, die mich mehr freut als betrübt.

 

Noch muß ich Ihnen die Bemerkung widerhohlen, daß die 2 stehenden Figuren im Verhältniß zu kurz erscheinen, vorzüglich die hl Elisabetha vom Knie an, fragen Sie also den Herrn Director und bitten Sie jeden, der mehr kan als Sie um kleine Erinnerungen bey einschleichenden Fehlern. Sind Sie nur demüthig, den die Demuth ist die Eigenschaft eines großen Geistes. Und ein Talent wie das Ihrige wird nie dabey verlieren.

 

Leben Sie wohl und haben Sie auch den schönsten Dank für die angenehme Beschreibung des Festes von Nierenberg.7

 

Empfehlen Sie mich hochachtungsvoll dem Herrn Director Cornelius8, Herrn Pr Heß9 und Schnorr.10

 

Grüßen Sie mir tausentmal freundlich den guten Endreß11

 

 

PS.

Wen wegen der Verlängerung der beyden Figuren das Bild vergrößert werden müßte, hätte es nichts zu bedeuten, da es nicht mehr an jenne Stelle gesezt wird wo es hätte hinkommen sollen.

 

Ich grüße Sie 1000mal mit der Hoffnung daß Sie doch jezt dauernd beruhigt sein möchten.

 

Konstanz

den 19 May.                                                                                                                Marie Ellenrieder

 

Bis Ende künftigen Monats hoffe ich mit den Cartons zu meinem Bilde ferdig zu werden.

 

Auch, wenn Sie keine Entschadigung erhalten sollten, seyen Sie dennoch im geringsten nicht beunruhigt.

 

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                    »Herrn

Herrn Johann Kirner

Elev der königl: bayr: Akademie

der bildenden Künste in

München«

mit dem Postaufgabestempel R.2.CONSTANZ

         19.MAI:

2 Die Jahreszahl ist dem Schreiben nicht zu entnehmen. Nach dem Inhalt des Briefes dürfte es sich aber um das Jahr 1829 handeln.

3 Vergleiche Carina Mahlbacher, Johann Baptist Kirner 1806-1866, Badischer Hofmaler, Diss. Stuttgart 1983, WV 7 »Heilige Familie«, »Kirner pinxit 1829«. Das Bild befindet sich seit 1836 in der Pfarrkirche von Urloffen.

4 Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774-1860), von 1817 bis 1827 Bistumsverweser von Konstanz.

5 Dr. Joseph Vitus Burg (1768-1833), seit 1828 Weihbischof, ab 1830 Bischof von Mainz.

6 Friedrich Freiherr von Fahnenberg (1785-1833), badischer Diplomat.

7 Gemeint ist wohl die Feier anlässlich des 300. Todestages von Albrecht Dürer in Nürnberg im Jahre 1828.

8 Peter von Cornelius (1783-1867), seit 1824 Direktor der Münchner Akademie der Künste.

9 Heinrich Maria von Heß leitete seit dem 15. Januar 1827 die Malklasse an der Münchner Akademie.

10 Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), von 1827 bis 1846 Professor an der Münchner Akademie.

11 Bernhard Endres (1805-1874), Maler aus Owingen, Schüler von Marie Ellenrieder, seit 1826 an der Münchner Akademie.

 

 

50         [ZB Zürich Ms. M 19.9]1                                                                                 [Konstanz, 25. Mai 1829]

 

Hochverehrter Freund!

 

Ich kan mich nicht erinnern ob ich Ihnen einmal einen Abdruck von meiner radierten Madonna2 überschickt habe. Sie gelang nicht am besten, ich muß um Nachsicht bitten, ich theile sie deßwegen auch nur unter meine Freunde aus.

 

Der Überbringer ist aus Konstanz Hr Eschbach, der als Arbeiter zu Herrn Lackierer Sick kömt, können Sie gelegenheitlich bey diesem Herrn für ihn ein gutes Wörtchen einlegen, so bitte ich es zu thun, den ich kan Ihnen mit den Meinigen es bezeugen daß dieser junge Mann sehr brav, grundehrlich & sehr arbeitsam ist, wir kennen ihn schon seit mehreren Jahren.

 

Nun sage ich Ihnen mein schönstes Lebewohl und bin Ihnen und Ihrer lieben Frau Gemahlin mit stetz treuer Verehrung zugethan.

 

                                                                                                                                          Marie Ellenrieder

Constanz den 25ten May 1829.                                                                                

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                   »Seiner Hochwohlgeboren

Herrn Herrn Antistus

Veit in

Schaffhausen

mit einer Rolle«

Adressat ist Johann Wilhelm Veith (1758-1833), Antistes und Dekan in Schaffhausen (zu J. W. Veith siehe Howard Seymour, Two Portraits of Johann Wilhelm Veith by Jacob Merz, in: Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 72. Heft, 1995, S. 77-102).

2 Fischer und Blanckenhagen WV 329A; Fecker WV 29, Andresen WV 1.

 

 

51         [A. Wintermantel, Furtwangen]1                                                                          [Konstanz, 4. Juli 1829]

 

            Herr v: Salvini2 schrieb mir, daß Ihr Bild bey Ihm in Verwahrung stehe, bis ich dahin komme. Allein Sie irren sich wen Sie glauben ich komme so bald nach Carlsruh. Mein Bild daß gleichsam erst begonnen ist, kan ich noch nicht verlaßen.3 An das Ihrige denke ich aber recht oft und sehe es im Geiste, könnte ich in der hiesigen Gegend ein Plätzchen dafür finden wäre es mir sehr lieb. Noch fand ich keine Gelegenheit davon zu sprechen. Sollten Sie indeßen an Gelt anstehen so bitte ich Sie mich nicht zu schonen, den Sie wißen ja daß ich mich dazu verpflichtet habe.

 

Versäumen Sie auch die Zeit nicht daß Sie um Ihre weitere Unterstützung wieder bittend einkommen.

 

Führen Sie sich gut auf und laßen Sie sich auch wieder einmal im Vaterlande sehen. Fritz Moßbrucker4 ist noch immer nicht aus Italien angekommen.

 

Was arbeiten Sie jezt? Haben Sie auch etwas in Fresko gemahlt?

 

Ich grüße Sie 1000mal

 

Constanz den 4ten                                                                                                              Marie Ellenrieder

Julli 1829.                                                                            

 

 

1 Brief ohne Adresse an Johann B. Kirner. Aus der Provenienz und dem Inhalt lässt sich Johann Kirner (1806-1866), Maler in München bestimmen.

2 Joh. S. von Salvini, Kunsthändler und Großkaufmann in Karlsruhe, Vorstandsmitglied des Badischen Kunstvereins (vergl. 175 Jahre Badischer Kunstverein Karlsruhe. Bilder im Zirkel, hrsg. von Jutta Dresch und Wilfried Rößling, Ausst.-Kat. Badischer Kunstverein Karlsruhe, Karlsruhe 1993).

3 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

4 Friedrich Mosbrugger (1804-1830), Maler aus Konstanz weilte von 1827 bis 1829 in Italien.

 


 

52         [RM Konstanz, 11]1                                                                                      [Langenstein, 16. Juli 1829]

 

In allem Guten kommen Sie Lieber Freund mir immer zuvor. Ich wollte Ihnen gleich ein Briefchen auf ihre ersten Tage Ihrer Ankunft in Fr: zusenden; denn es schien mir qualvoll zu schweigen in Vorwürffen die mich beunruhigten. Wären Sie doch über die Festage in Constanz geblieben; anders wäre unser Aller Leben gewesen; wie aus einem Traume erwacht stand ich vor mir selber als ich Sie nicht mehr sah. Die Macht womit mein großes Bild2 seine Ansprüche an mich machte ließ mich zu keiner Besinnung kommen, daß ich es ganz hätte verlaßen können um ausschlißlich Ihre Gegenwart zu genießen. Allein am Tage des Herrn denke ich nicht ans Arbeiten, und freue mich der Ruhe, und ordne mein Gemüth im Umgange mit den Meinigen, und wo hätte es wohl eine beßere Richtung erhalten können als bey Ihnen, was schon oft geschah. nun mußte ich es hart entbehren, weil ich diese schönen Augenblicke ungenützt vorübereilen ließ. –

 

Sie selbst aber hätten eine Freude gehabt, wenn Sie nach dem schmutzigen Arbeitsgewand das Festliche mit den glänzenden Kreutz gesehen hätten, wißen Sie auch daß es der hohe Pfingstag war, an dem Sie in einer Stadt waren wo Sie nicht einmal eine hlg Meße hören konnten! ich habe anstatt deßen für Sie gebethet. Ich werde aber auch noch oft für Sie bethen, wenn der schöne Römische Rosenkranz mich dazu einladet der mich überall hin begleitet; diesen hätte ich Ihnen doch zeigen sollen, er trägt das Zeichen wie eine Fahne die schon mehrere Feldzüge mitgemacht hat.

 

Daß also ihr schneller Aufbruch schmerzte, das wollte ich Ihnen sogleich schreiben, daran wurde ich aber gestört und so kam ich dan nicht wieder dazu bis Heute wo mir hier in Langenstein2 Ihr lieber Brief zukam, wofür ich Ihnen herzlichst danke, welcher mich aber auch zugleich beschämte; die schöne Landschaft aber behielten die Meinigen noch zurück weil sie mich jeden Tag erwarteten. Ich unternehme hier aber eine große Zeichnung auf der Wand in der Schloßkapelle die erst Morgen fertig wird; dan habe ich 9 Tage daran gearbeitet zwar nicht sehr strenge, aber doch so daß ich noch ein paar Tage davon ausruhen möchte. Es machte mir aber viele Freude und wenn Sie einst wieder nach Constanz kommen, so führe ich Sie einmal hieher; voriges Jahr, zeichnete ich Jesus wie er die kleinen zu sich kommen läßt3 und dieses Jahr wie Er in der Wüste auf dem Wege 4000 Menschen mit 5 Br & 2 Fischen speist.4

 

Ehe ich hieher kam untermalte ich den Obern Theil im Bilde des Heiligen Steffanus5 es sind daher die Wolken schon untermalt; ich denke es wird nichts machen, vielmehr vieleicht ein paßendes Feld sein, worauf ich nur beßer Ihr Studium pflanzen kan.

 

Nun sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl Dieses Briefchen sollte Ihnen besonders lieb sein ich schrieb es in einem schönen Zimmer, es ist das Wohnzimmer der stillen sanften Frau Gräfin von Langenstein;6 als ich das Briefchen angefangen hatte, kam sie selbst, mit einem Buch, wie es öfters geschieth sezte sich leise ans Fenster, und als ich zu schreiben aufhörte weil es Nacht war, frug sie mich an wen ich schrieb, ich sagte es ihr, und alles was ich noch Übels von Ihnen wußte.

 

Ich freue mich Außerordentlich auf das schöne Studium wofür ich Ihnen zum Voraus 1000mal danke, überhaupt meine Schuld wird mit jedem Tag größer.

 

Mit inniger Verehrung Ihre

 

Langenstein den 16ten                                                                         treue Freundin

Julli                                                                               Marie Ellenrieder                           

 

1 Brief mit folgender Adresse:            

                       »Seiner Hochwohlgebohren

Dem Freyherrn Carl von Röder

in

Freyburg

im Breisgau«

2 Schloss Langenstein bei Aach.

3 Fischer und Blanckenhagen WV 306 (siehe auch Fredy Meyer, Auf Schritt und Tritt, Burgen, Höhlen und heilige Orte am Bodensee, Hegau-Bibliothek, Band 124, 2004, S. 172 ff.).

4 Fischer und Blanckenhagen WV 303.

5 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

6 Katharina Gräfin von Langenstein (1799-1850).

 


 

53         [EA Freiburg, B 22/12]1                                                                         [Konstanz, 24. September 1829]

 

Sollte man den Unkosten scheuen müßen, von einem Künstler ein neu componiertes Bild zu verlangen, – So dürfte* wohl dem Herrn Öhlschlegel2 nach einem guten Kupferstich einen Auftrag anvertraut werden, indem er unlängst eine Madonna nach Raffael recht gut ins Große zog und angenehm colorierte.

 

Sollte es mir möglich sein durch Rath und Hilfe im beyzustehn, so werde ich es mir zur Pflicht machen.

 

Constanz den 24ten Sept.                                                                                            Marie Ellenrieder

                        1829.                                                                                                                 Hofmalerin

 

* im entgegengesezten Fall

 

 

1 Empfehlungsschreiben ohne Adressat. Beilage zu einem Schreiben des Pfarrers Theodor Heel von Birndorf an das Ministerium des Innern in Karlsruhe vom 1. Dezember 1829.

2 Karl Josef Öhlschlägel (1798-1868), Maler und Zeichenlehrer aus Konstanz.

 

 

54         [E. Fecker, Ettlingen]1                                                                            [Konstanz, 24. September 1829]

 

Lieber Freund!

 

Ich kan Ihnen das Glück meine geliebte Freundin (Louise Seidler aus Jena2) kennen zu lernen nicht entziehn, ich dürfte es auch nicht indem sie selbst es sehr wünschte. –

 

Alles was ich Ihnen jezt sagen würde, wäre in der Gegenwart der angenehmen Künstlerin nur drocken. –

 

Nur eines widerhole ich Ihnen, meinen herzlichsten Dank für das schöne Studium der Wolken, welchen Sie noch eine niedliche Landschaft beyfügten.

 

Ich bin immer ärger Ihre Schuldnerin.

 

Ich bedaure Sie daß der Aufenthalt der guten Seidler von kurzer Dauer sein wird, aber auch mir ward sie so schnell entrißen.

 

Mit innigster Verehrung

Ihre

Constanz den 24ten

Sept 1829                                                                             

                                 Freundin Marie

                                      Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                   »Seiner Edelgebohren

Freyherrn Carl von Roeder

in

Freyburg im

Breisgau.«

Vergleiche auch den Brief an Röder vom 16. Juli 1829 aus Langenstein, in dem sich die Künstlerin vorab für die schöne Landschaft und das Studium der Wolken für das Altarbild des Hl. Stephanus bedankt.

2 Louise Seidler (1786-1866), unternahm im Sommer 1829 eine Reise zur Familie Niebuhr in Bonn und nach Konstanz um ihre Freundin Marie Ellenrieder zu besuchen. Mit ihr zusammen machte sie einen Ausflug nach Langenstein, wo Louise Seidler am 17. September die Gräfin Louise von Langenstein portraitierte (vergl. Bärbel Kovalevski, Louise Seidler 1786-1866, Goethes geschätzte Malerin, Berlin 2006, S. 265 ff.). In Konstanz wurde Louise Seidler von Kaspar Schinz abgeholt, um einige Zeit in Zürich zu verbringen. Den Rückweg nahm sie offensichtlich über Freiburg, um Carl Freiherr von Röder kennenzulernen.

 

 

55         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                        Constanz den 26ten Sep. 1829.

 

                                                                    Lieber Freund!

 

Ellenrieder_Marie_018.jpgKniefällig erscheine ich heute vor Ihnen, um in dieser Stellung Vergebung für meine Versäumniße zu erbitten. Es geschah, daß ein Brief vom 10ten July vorigen Jahres und einer vom 1ten Januar 1829 an mich kam, und siehe! noch unbeantwortet liegen diese Kleinode vor meinen Augen. Der erste enthält den schönen Bund daß wir uns öfters schreiben wollten, & der 2te ist so poethisch daß man den Verfaßer davon hätte Krönen sollen! Und dennoch unterblieben die dankbaren Antworten, im Geiste nur war ich Ihnen nahe. –

 

Und was hätte ich wohl in Schrieftzügen bey Ihnen genützet wen sie nur unbedeutende Dinge würden dargestellt haben? Doch – nach einer so langen Zeit darf ich versichert sein, daß ein fröhliches Zeugniß des Lebens eine freundliche aufnahme findet. Ihr freundlicher Gruß am goldenen Thor des Neuen Jahres ist noch nicht verklungen, und würden jezt die Strahlen der Sonne wie damals bey Ihnen den großen Saal erleuchten der zu meinem großen Bilde2 meine Werkstelle geworden; so könnte ich gewiß auch poethisch meinen Dank dafür darbringen. Freylich umgeben mich keine so elegante Ruhesitze und Lüster aller Art, außer ein paar Seßeln (aus der Haarbeutelzeit) ein paar Schemmel und einem hölzernen Geriste! Dafür ist aber das Lokale schön, sehr schön, mit einer Aussicht auf den Rein3 und einem Balkon; dieses Gebäude war ehemals eine Domprobstey,4 und es wurde mir von meinem gnädigsten Landesvater bewilligt mein Bild da ungestört malen zu derfen. Dieses ist nun untermalt. In wenigen Tagen wird die Übermalung angefangen & mit Gottes Hilfe hoffe ich künftigen Sommer damit fertig zu werden. Sie werden sich zwar wundern daß es nicht jezt schon vollendet ist, allein ich sezte den lezten Winter aus und malte den Johann Evangelist5 wovon Sie den Carton in Rom noch sahen, ein betendes Jungfräulein6 und ein kleiner Hausaltar.7 Was nun das Große Bild betrifft habe ich Gott sey Dank noch nie den Muth noch die Freude dazu verlohren. Herr Metzger8 aus Florenz der voriges Jahr hier durchreißte rieth mir einige Versetzungen in den Figuren, durch welches die Composition an Haltung sehr gewann. Übrigens ändere ich jezt nichts mehr, mache meine Sache gemüthlich fort so gut ich kan, Gott wird den schon seinen Segen dazu geben.

 

Auf einem Lustschlosse, das Herr Großherzog9 in unserer Nähe hat,10 zeichnete ich foriges Jahr auf eine Wand in der Schloßkapelle den Kinderfreund11 in Lebensgröße mit 10 Figuren (mit schwarzer Kreyde, gewischt, es sieth gerade aus wie grau in grau gemalt) und dieses Jahr als Gegenstück Christus, wie er 4000 Menschen speißt12 20 Figuren. Nun bin ich aber zur Hofmalerin ernannt worden13 mit 300 f. Gehalt, und habe für die Zukunft mehr zu erwarten. Jenne Sammlung von Zwickbuch Sachen haben sich auch vermehrt. Jezt habe ich Ihnen aber von Allem Rechenschaft gegeben.

 

Diese Zeit über hatte ich ein großes Vergnügen, die gute Seidler14 aus Jena besuchte mich! Jezt ist sie nach Zürich, Schinz15 holte sie ab, aber bald kehrt sie wieder nach Weimar zurück. Sie ist wohler auf, als sie je in Italien war. Sie können sich denken wir uns unsers Widersehens freuten & Pläne machten uns in Dresden und einst vieleicht in Italien für eine Zeit zu begegnen. –

 

Von der Predel16 habe ich Nachricht, daß sie mit einem Knäblein erfreut wurde!

 

Ist jenne intereßante Freundin von Ihnen noch nicht nach Rom gekommen? Es ist aber jezt eine andere da gewiß nicht weniger intereßant, eine Fräulein Linder17 aus Basel, diese scheint durch und durch edel und vortrefflich zu sein!! Darf ich bitten ihr meinen herzlichsten Gruß zu vermelden.

 

Denken Sie auch noch daran, daß Sie mir eine Hlg Cecilie18 bestellten? Ich habe eine Aufzeichnung davon gemacht in der Größe, wie Sie es wünschten, und es nimmt sich nicht übel aus. Ich habe im Sinne sie auf Holz zu malen, aber wann, ließe sich noch nicht bestimmen.

 

Nun – Leben Sie wohl! Leben Sie glücklich, so glücklich als ich es Ihnen wünsche, und sind Sie unter Ihrem Sonnigen Himmel nicht gar so stolz, daß Sie den Norden darüber vergeßen. Grüßen Sie mir ich bitte Herrn Thorwalzen,19 Veit,20 Overbeck,21 und andere edle Teutsche und das ganze heilige Rom! Hätte ich Sie nicht so lieb würde ich Sie um Ihre Umgebungen beneiden.

Mit wahrer Verehrung Ihre

                                                                                                          treue Freundin

                                                                                                                  Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

»A

           Monsieur

Monsieur August Kestner chargé

daffaires de Sa Majesté Britannique

Roi dHanovre

a

Rome

Palazo Tomati Strada Gregoriana«

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367). Die Leinwand für das Altarbild lieferte die Strafanstalt in Freiburg i. Br. (Der Friedens- und Kriegs-Kurier. Tagblatt für Politik, Literatur und Bekanntmachungen, Nr. 104, Nürnberg, 14. April 1829. Miszellen. In der großherzogl. Straf-Anstalt zu Freiburg (im Breisgau) wurde die Leinwand-Fabrikation unter der Leitung des dermaligen Vorstehers, Verwalters Lang, seit 1 ½ Jahren, zu einem so hohen Grad von Vollkommenheit gebracht, daß für die Malerin, Fräulein Ellenrieder in Konstanz, zu dem Altargemälde in der katholischen Kirche zu Karlsruhe die Leinwand in der Breite von 7 ½ Elle, zu größten Zufriedenheit dieser Künstlerin geliefert werden konnte.)

3 Rhein beim Austritt aus dem Bodensee.

4 Dieses Gebäude in der Rheingasse 20 war als säkularisiertes Domstift zeitweise das Konstanzer Quartier von Großherzog Ludwig.

5 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 348.

6 Fischer und Blanckenhagen WV 206; Elisabeth von Gleichenstein und Karin Stober (Hrsg.), »… und hat als Weib unglaubliches Talent« Angelika Kauffmann (1741-1807) Marie Ellenrieder (1791-1863), Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz 1992, Nr. 41, S. 207.

7 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

8 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

9 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830).

10 Schloss Langenstein bei Aach.

11 Fischer und Blanckenhagen WV 306 (vergleiche Fredy Meyer, Auf Schritt und Tritt, Burgen, Höhlen und heilige Orte am Bodensee, Hegau-Bibliothek, Band 124, 2004,  S. 172 ff.).

12 Fischer und Blanckenhagen WV 303.

13 9. September 1829.

14 Louise Seidler (1786-1866), Hofmalerin aus Weimar.

15 Johann Kaspar Schinz (1798-1832), Historienmaler aus Zürich.

16 Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1871).

17 Emilie Linder (1797-1867), Basler Malerin und Kunstsammlerin.

18 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

19 Bertel Thorvaldsen (1770-1844), dänischer Bildhauer.

20 Philipp Veit (1793-1877), Maler aus Berlin.

21 Johann Friedrich Overbeck (1789-1869), Hauptvertreter der Kunstrichtung der sog. Nazarener, lebte seit 1810 in Rom.

 

 

56         [BSB München, Ana 353.II.2]1                                                             [Konstanz, 8. November 1829]

 

Hochverehrter Herr Director!

 

Ich wollte anfänglich den jungen Mann Joseph Mosbrucker2 von der Kunst abwendig machen, daß die Zahl der Künstler nicht schon wieder um einen vermehret würde; allein, da keine Vorstellungen nützten, nahm ich mich seiner an, ich schäme mich aber zu gestehn daß dieß nur sehr sparrsam geschah. Trotz der schwachen Hilfe war er jedoch so beharrlich in seinem Fleiß, daß ich nicht anders kan als bittend ihn einer freundlichen Aufnahme zu empfehlen. Seine Aufführung ist musterhaft, er wird keiner seiner Mitschüler verderben sie wohl aber durch gutes Beyspiel auferbauen.

 

Darf ich nun hoffen daß Sie mir meine Bitte verzeihn?

Mit unendlicher Verehrung

 

Ihre

 

Konstanz den 8ten Nov:

                            1829.                                                             ergebenste Dienerin

                                                                                                               Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                       »Seiner Hochwohlgebohren

Herrn Herrn von Cornelius

Direktor der königlichen bayr.

Akademie der bildenden Künste in

München«

Peter von Cornelius (1783-1857) war von 1825 bis 1841 Direktor der Akademie.

2 Joseph Mosbrugger (1810-1869) aus Konstanz, laut Matrikelbuch am 25.11.1829 als Student an der Akademie der Bildenden Künste München für das Fach Portraitmalerei zugelassen (Kunstakademie München, Matrikelbuch 1809-1841). Über seine spätere Tätigkeit als Portrait- und Landschaftsmaler vergl. Michael Bringmann und Sigrid von Blanckenhagen, Die Mosbrugger, Kunstverein Konstanz, Weißenhorn 1974.


 

57         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                           [Konstanz, 6. Januar 1830]

 

An das Hochpreisliche Ministerium des Innern

Katholische Kirchensecktion!

 

Mit dem innigsten wärmsten Dank bescheinige ich, das heute am 6ten Jenner, aus Offenburg jenne Summe von 1500 f. tausend fünf hundert Gulden als Abschlagszahlung für das Hauptaltarbild in die katholische Kirche in Carlsruh2 richtig in meine Hände kam.

 

Ehrfurchtsvoll und dankbarst

 

Konstanz den 6ten Jenner                                          

                        1830.                                                                 unterthänigst gehorsamste

        Dienerin Marie Ellenrieder

                                                                                                                            Hofmahlerin.

 

 

1 An das Ministerium des Innern in Karlsruhe.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

 

 

58         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                          [Konstanz, 24. März 1830]

 

Lieber Freund!

 

Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für das Vergnügen daß Sie mir durch Ihren dreyvierteljärigen Unwillen verursachten; es ist wirklich eine entzükende Darstellung! ich werde dieß Figürchen zum Andenken herausschneiden und mich dan recht innig immer an der Zärtlichkeit eines Freundes ergötzen. – Und ich habe nun über die Freude die Sie mir machten, das Geboth vergeßen Ihnen sogleich wieder zu schreiben; den ich bedarf nicht mich der lärmenden Welt zu entziehen um in stillen Stündchen nur an meine Freunde zu denken, es ist immer alles still um mich her, es stört mich nichts um stetz meine Freunde im Geiste zu umschweben und dan meyne ich immer ich hätte alles gethan, was die Liebe fordert. Und würklich hätte ich Ihnen noch nicht geschrieben hätte mich Frl Marie von Reinhold2 nicht mit der schönen Nachricht erfreut daß Sie mit dem Guelschen Orden3 beehret worden sind, und daß Graf Münster4 Ihnen diese schöne Auszeichnung überreichen durfte. Ich freute mich sehr darüber und eile daher Ihnen meine herzlichste Gratolazion zu machen. Ich hätte Ihnen auch einen geschenkt wen ich Ihr Fürst wäre! Das bunte Bändchen wird schön stehn zu den blauen Augen! aber nun Scherz bey Seite; Gott segne Ihnen diese Ehre zu immer größerer Wirksamkeit das Gute in Allem befördern zu können, zu Ihrem zeitlichen und ewigen Heile! –

 

Es hatte dieses Jahr einen strenger Winter,5 so streng das ich genöthigt war an meinem großen Bilde6 aufzuhören, erst am 1sten Merz begann ich wieder daran fortzusetzen und bin nun an dem Übermalen des Untern Theiles, und hoffe zu Gott Ende Sommer es vollenden zu können. Den Johannes7 sendete ich auf die Kunstausstellung nach Carlsruh; mein Vater ließ mich aber keinen Preis darauf setzen, indem man glaubt er wäre so gut wie die Madonna,8 und so könnten wir ihn zu unserem Vergnügen noch länger behalten; er kam also wieder zurück; in einer prächtigen Goldenen Rahme, die die Herrn vom Kunstverein darum machen ließen und mir zum Beweis ihrer Zufriedenheit sie zum Geschenke machten.

 

Als ich diesen Winter die kleineren Bestellungen hervornehmen konnte so näherte ich mich auch Ihrer H Cecilia9 von welcher der Carton bereits fertig ist; sie nimmt sich nicht übel aus, und ich hätte den Lebhaftesten Wunsch sie zu malen, allein mein Gewißen geboth mir alles zu beseitigen, als die Lauen Winde wieder kamen und die Tage sich längerten.

 

Und nun, wenn ich nur eine Strafe wüßte für das Heimweh (nach dem schönen Lande) das Sie in mir bey der Erzellung Ihres himmlischen Stadt & Landlebens erregten. Und wahrlich Ihr Leben ist ein buntes Gewebe von den edelsten Freuden, 2 Ausflüge in einem Jahre, ist doch viel! Wehrend andere Leute in kleinen Verhältnißen so viel Klag & Jammer hören müßen! Im Geiste nur kan ich mich in jenne schönen Thäler denken die sie unter so edlen Menschen bewohnten.

 

Wenn die Fräulein Linder10 noch in Rom ist, so bitte ich Sie sie hochachtungsvoll von mir zu grüßen, und ob Sie mein Briefchen in München noch erhaltn habe: auch der Madam Wieland11 bitte ich alles Schöne zu sagen.

 

Das Wenige was Sie mir von meiner Freundin Predl12 schrieben gab mir einen entsetzlichen Stich ins Herz, sagen Sie mir auch wo sie sich aufhält?

 

Leben Sie nun wohl, und führen Sie sich gut auf, und machen Sie mir bald einmal die Freude mit der Nachricht daß Sie sich vermählt haben, wer wird den in solchen Verhältnißen wie Sie, immer allein sein, und ihr Herz mit tausend Engländern Theilen die heute kommen & morgen gehn! Ich habe zwar schon oft sagen hören, daß das die größten Heiligen wären, die aus allgemeiner Menschenliebe sich selbst vergeßen.

 

Mit herzlicher Verehrung also Ihre

 

Constanz den 24ten Merz 1830.                                                              treue Freundin

                                                                                                                          Marie Ellenrieder

 

Alle die Meinigen grüßen Sie auch Herzlich so wie ich auch alle die Lieben grüße die Sie umgeben, Amen.

 

  

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Marie von Reinhold, Tochter des niederländischen Gesandten in Bern Johann Gotthard von Reinhold und seiner Frau Maria, geb. Schuchmacher.

3 Guelphenorden, 1815 von Georg, Prinzregent von Hannover im Namen seines Vaters König Georg III. von Großbritannien und Hannover gestiftet.

4 Ernst Friedrich Herbert Reichsgraf Münster-Leudenburg (1766-1839), hannoverscher Staats- und Kabinettsminister.

5 Im Winter 1829/30 trat das seltene Naturereignis ein, dass der Bodensee vollständig zufror (sog. Seegefrörne).

6 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

7 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 351.

8 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 329.

9 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

10 Emilie Linder (1797-1867), Basler Malerin und Kunstsammlerin.

11 Am 20. Januar 1830 starb der erstgeborene Sohn von Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl in Palermo. Dort war ihr Ehemann als Gutsverwalter des Fürsten von Butera tätig (vergleiche Edwin Fecker, Die Malerin Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1871), in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern, Bd. 131, Landshut 2005, S. 47).

 

 

59         [RM Konstanz, 12]1                                                                                          [Konstanz, 5. Juni 1830]

 

Verehrtester Freund!

 

Schon so lange hörte ich nichts mehr von Ihnen. Mein leztes Briefchen beantworteten Sie nie. Es war vieleicht auch keine Frage darinn: ich bin nie kürzer als wenn ich schreibe; dafür ehre ich Sie desto daurender im Geiste. Und wir Alle sprechen so oft von Ihnen, und niemals ohne den Wunsch, daß Sie doch wieder einmal kommen möchten. Sie reuen mich jezt noch, jenner flüchtigen Tage, die ich so wenig benützte!

 

Mit meinem großen Bilde2 bin ich zimlich voran, doch lange noch nicht am Ende. Im Winter mußte ich lange aussetzen, daß war mir aber nicht unangenehm; da malte ich dan zu Hause und freute mich zugleich dadurch Gelegenheit gefunden zu haben für Sie ein kleiner Beweis meiner Dankbarkeit bereiten zu können; ich schäme mich aber der Kleinheit wegen. – (Ich dachte hier die Heilige Magdalena,3 wie sie von einem Engelein geführt und ermahnt wird als sie gieng Jesu die Füße zu salben.) = ich dachte er sagt zu ihr, ja thue es nur was du vor hast, den was du thust, thust du Gott & stärkte sie so in ihrem Vorhaben etc etc).

 

Verschmehen Sie diese kleine Gabe nicht und empfangen Sie 1000mal meine herzlichsten Grüße, so wie auch vom Vater & der Pepi4 alles Schöne

 

Leben Sie wohl! auf ein schönes Widersehen!

Mit innigster Verehrung

Ihre

Constanz den 5ten Juni                                                                              treue Freundin

                        1830.                                                                                           Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief adressiert an: »Seiner Hochwohlgebohren Freyherrn Carl von Röder in Freyburg. Mit einem kl Bildchen.«

2 Wohl Fischer und Blanckenhagen WV 367.

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 413.

4 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

 

 

60         [GSA 96/5056]1                                                                                  [Heiligenberg, 29. August 1830]

 

Meine theure geliebte Freundin!

 

Du wirst die ganze Zeit über eine entschiedene Antwort auf deine lieben Briefe erwartet haben. Und wie gerne würde ich dieß gethan haben wenn es auf unsere gewünschte Art hätte geschehen können. – Allein es geschah mir der Ausspruch daß der Großherzzog erst Ende September ins Oberland kommt. Wie mich dieß wie ein Donnerschlag traf, kannst Du gewiß mit mir fühlen. Ach! und wen Klagen nicht Sinde wäre ich würde vor Dir nun den Jammer meines Herzens ausgießen! So viel Widerstand hat mich selbst Rom nicht gekostet!!! – Dein Plan auf unserem Beysammen sein auch Berlin zugleich mit zu nehme, wäre mir angenehm geweßen. – Aber wenn ich erst Anfangs Oktober abreisen könnte käme mein Ausbleiben ganz in den Winter hinein. Und 2 Mal nach Norden zu reisen dazu hätte ich wahrlich nicht Lust, lieber besuchte ich Dich das 2te mal dan unter dem uns geliebteren Himmelsstrich. Richte also Deine Reise nach Dresden & Berlin wie es für Dich am schüklichsten ist; kämme ich dann durch einen unvorhergesehenen Vorfall auch dazu, so suche ich Dich gerne alleine auf wo Du auch sein magst. – Wen es aber nicht gleich um die Mitte September geschehen kan, so würde ich keinen Gebrauch mehr davon machen, und also den Aufschub bis künftiges Frühjahr in die Hand Gottes legen.2

 

Diese Ungewißheiten ob ich zu meiner Freude gelangen werde oder nicht, wirkte nachtheilich auf meinen Körper & mein Gemüth: Ich führte damals zu meiner Erholung jenne Reise nach Basel und Schaffhausen aus, hatte viele Freude, kam aber nicht stärker nach Hause; im Gegentheil! – Da ging ich also nicht an mein großes Bild, es war mir als hielte mich eine unsichtbare Gewalt davon ab; und wie ich mich auch priffte, kam ich immer wieder zu dem unlöschbaren Durste nach neuer Nahrung für meinen Geist. Dan, führte ich die Cartons meiner Juliana3 & Cecillia4 aus und nun bin ich auf dem schönen Lustschloße des Fürsten von Fürstenberg5 und habe seit 10 Tagen ein paar seiner Kinder in Pastell6 gezeichnet. Er möchte auch das Kleinste was erst 14 Monden zählt so haben, worauf mir nun recht Angst ist. Die Bergluft ist aber wohlthätig, so wie auch das Entfernt sein auf ein Zeit von Allem was einem so nahe angeth.

 

Wegen jener Dame von der ich Dir damals sprach wäre ich nicht in Verlegenheit gekommen; Sie ist so höflich, daß sie nie wieder etwas davon sagte.

 

Nun muß ich Dir mein Lebewohl sagen, wenn ich schon noch gerne einiges aus Deinen Briefen beantwortet hätte. Nur eines muß ich Dir noch bemerken daß Du mir gar zu bescheiden vorkömmst, wen Du Dich erbärmlich hälst gegen Einer Compositrice von mehreren hundert Figuren (auf einem Blatt). Wir haben alle die Gaben von Gott, und derfen Sie nicht gering schätzen auf einen flüchtigen Eindruck woran Deine Lebhaftigkeit mehr Schuld ist, als vieleicht die Sache selbst. Verzey daß ich dießmal nicht leichtglaubig bin.

 

Denke Dir der gute Schinz7 kam nicht, er sagte er wolle die Zeit abwarten bis das Bild des H Steffanus8 fertig sey. Wir hingegen denken seine Frau als Ursache und bedauren ihn. Ich will sehen ob er nicht etwa im Herbst kömmt wenn ich zu Hause bleiben muß!

 

Lebe wohl! Und sey meiner Treue & Liebe auf ewig versichert

                                 Deine

                   Freundin

                   Marie Ellenrieder

Heiligenberg 5 Stund

von Constanz entfernt.

den 29ten August 1830          

 

 

1 Brief mit der Adresse: »An Fräulein Louise Seidler berühmte Malerin in Weimar

abzugeben auf dem Jägerhause«.

Brief mit Aufgabestempel von Pfullendorf (Rayonstempel PFULLENDORF R.3.).

2 Die Reise nach Weimar fand letztlich erst 1832 statt.

3 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

4 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

5 Carl Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1796-1854).

6 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 122.

7 Johann Caspar Schinz (1798-1832), Maler aus Zürich.

8 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

 

 

61         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                      [Konstanz, 1. Dezember 1830]

 

An das Hochpreisliche Ministerium des Innern

Katholische Kirchensektion.

 

Als Seine Königliche Hoheit der Allergnädigste Großherzog2 die nachsichtsvollste Zufriedenheit über das Altarbild3 mir äußerten, fügten Hochstselbe den Wunsch hinzu, daß es bald nach Karlsruhe kommen sollte, und es müße nun für die gehörige Aufnahme in der Kirche gesorgt werden. –

 

Diesen erhabenen Äußerungen zu Folge übersende ich hier die Kalku[lation einer]4 Zeichnung zum Altare; wenn etwa über die lange Zeit das Original verloren [gegangen] wäre. Der junge Herr Bergmüller5 hat sie noch in Italien gemacht. Dam[mals wurde] mir der Höchste Auftrag ertheilt, für die Zeichnung zum Altare an Jemand [Sachverstän]digen in Italien zu schreiben, da kam gerade Herr Bergmüller zu jennem Her[rn an den] ich mich gewendet hatte: sie besprachen sich darüber, und so entstand diese schöne [Composi]tion; an die ich meine innigste Bitte anschließe, daß man diese und keine andere nehmen möchte, den ich glaube daß man nichts Geschmackvolleres hervorbringen könnte.

 

Vor einigen Wochen reiste Herr Bergmüler hier durch, da bath ich ihn um die völlige Auslegung seines Entwurffs, und erfuhr nun zu meiner freudigen Überraschung, daß das Ganze so ausgedacht sey, daß die Orgel bleiben könne. Es ist also kein so großer Kosten und Zeitaufwand nöthig, als wenn die Orgel hätte versezt werden müßen, und das Bild würde auf dieser Stelle ein gutes Licht erhalten.

 

Man könnte es mir als unbescheiden auslegen, daß ich meine Bitte so dringend offenbare da mir aber die Besorgung dafür aufgetragen wurde, so muß ich mich mit allem Eifer dafür verwenden.

 

Mit dem Bilde geth es Gott sey Dank recht vorwärts, daß ich hoffen kan es bei [Ende] December zu vollenden.

 

Ehrfurchtsvoll bitte ich also das Hochpreisliche Ministerium, Seiner Königl Hoheit Dem Allergnädigsten Großherzog! meine Bitte zu Füßen zu legen.

 

                                                                                                          unterthänigst-gehorsamste

Constanz den 1ten Decemb 1830.                                                         Marie Ellenrieder Hofmalerin

 

 

1 An das Ministerium des Innern, Katholische Kirchensektion in Karlsruhe.

2 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830).

3 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

4 Ergänzungen des Textes in eckiger Klammer.

5 Karl Joseph Berckmüller (1800-1879), Architekt aus Karlsruhe.

 

 

62         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                    [Konstanz, 3. Dezember 1830]

 

Lieber Freund!

 

Noch niemals herrschte unter uns ein solch’ langes Stillschweigen! – Ich muß es unterbrechen um anzufragen was den aus Ihnen geworden ist? Es sind allerley Dinge die ich oft als Ursache denke – Gute & schlimme. Am liebsten wäre mir die Nachricht daß Sie aus Glückseligkeit über Ihr römisches Leben, Ihre auswärtigen Freunde vergeßen hätten, dan wären einestheils meine Wünsche erfillt die ich so oft als Ihre freundlichen Augen mich ansprechen erneue, und das ist jedes mal in der Kirche, denn ich habe dieselben in meinem Gebethbuche aufbewahrt.2

 

Ich bin so begierig wieder einmal zu erfahren wie es Ihnen geht, früher erhielt ich oft Nachrichten von Ihnen durch die edlen Reinholds,3 diese haben aber seit dem Antritt ihrer großen Reise nie wieder geschrieben, nur das weiß ich daß sie glücklich nach Bern zurückgekehrt sind.

 

Vieleicht ist auch dieß die Ursach daß Sie nicht schrieben, weil sich vieleicht nichts besonderes zutrug und alles so ist wie immer Ihre Freunde sie denken? so war es eigendlich um mich: noch immer bin ich an meinem großen Bilde; hoffe aber doch es bey nächstem zu vollenden, oder vielmehr den Ausspruch thun zu müßen es nicht weiter mehr zu bringen; – Im Sommer fühlte ich mich davon angegriffen, daß ich einige Zeit aufhörte, da ging ich auf eine Woche nach der Schweitz wo ich dan in Basel die schönen Holbeine sah etc dan arbeitete ich auch noch eine gute Weil bey Hause und vollendete den Carton zu Ihrer Hl Cecillia4 und nun ist sie schon angefangen in Öl auf Holz und Kreidegrund. Als aber Herr Großherzog5 unser Constanz besuchte, trug er mir auf nach der Vollendung des gr Bildes auf einige Zeit nach Carlsruh zu kömen; in diesem Fall müßte ich sie wieder einem Aufschub Preis geben, und ich versichere Sie, dieß kostet mich Mühe den, Sie können Sichs gewiß denken, wie sehr eine kleinere und so holde Arbeit nach einer so ernsten entzücken müßte. In unseren Tagen kan man aber nicht viel auf später vornehmen, daher können sich die Pläne ändern wenn man gebiethet das jedes an seiner Stelle bleiben soll; für dießmal wäre es mir sehr angenehm.

 

Haben Sie das Fräulein Linder6 von Basel nun ofterer gesehen? und kennen Sie nicht auch eine Madame Elwino Härtel.7 Ruffini, Fabricante delle chorde Harmoniche. Diese trug mir auf meine Madonna als Brustbild für sie zu kopieren, weil ich aber so beschäftigt bin, both ich ihr an sie in meiner Pastellmanier zu zeichnen. Ich habe aber vor Kurzem einen Versuch gemacht, mit einer Art Tempera in Öhl, da fing ich auch so die Madonna an; im Fall Sie diese Dame kennen, sagen Sie ihr dieß gefälligst nebst meinem tiefsten Respekt und im Falle mir die Copie auf diese Art gelinge, ob ich sie nicht gleich hier behalten soll, bis sie wieder nach Teuschland zurückkehren, da ich mein Versprechen nicht im Herbst schon halten konnte? –

 

Nennen Sie mir auch gefälligst den Ort wo meine Freundin Grassis Predl8 sich aufhällt; seit damals hörte ich nichts mehr von ihr. Von der Seidler9 hingegen habe ich immer die besten Nachrichten; sie hat erst eine Reise nach Berlin gemacht und unsägliche Freuden daselbst genoßen.

 

Ich gäbe viel, ich könnte Sie nun für mein Bild des Hl Steffanus10 führen um Ihr Urtheil darüber zu hören. Es ist fast so fleißig ausgeführt als meine Madonna, manches wird vieleicht daran vergebens gemacht sein, allein ich konnte nicht widerstehen es so fleißig als es mir nur immer möglich war zu behandeln. Denn nie hat mich die Lust & Liebe zu diesem Bilde verlaßen, Gott sey Dank.

 

Der Großherzog bewies mir seine Zufriedenheit, und beehrte mich mit neuen Aufträgen zu 2 kleineren Bilder.

 

Sagen Sie nur der lieben Frl Linder ihr Bildchen wäre auch schon angefangen. Sie sehen lieber Freund daß ich nicht müßig ging, ich zeichne auch des Abends bey der Lampe nach Gewänder Köpfen etc etc und mußiziere auch bisweilen; nun habe ich mich aber recht gelobt! habe ich mich hiermit nicht versündigt? den es steth ja geschrieben, wenn wir alles getan haben was wir schuldig sind, waren wir dennoch unütze Knechte. Und sieh da! wenn ich mich priffe habe ich nicht einmal meine Schuldigkeit gethan! –

 

Verzeyen Sie meiner heutigen Gesprächigkeit und leben Sie nun wohl, empfangen Sie meine besten Glückswünsche zum neuen Jahr und kleiden Sie Ihren Geist recht bald in Schriftzügen ein, und erscheinen Sie mir.

Ihrer treuen Verehrerin!

Constanz den 3ten Dec

                        1830.

                                                                                                                          Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Dabei handelt es sich um eine Zeichnung der Augenpartie August Kestners, welche dieser selbst gezeichnet und der Künstlerin zum Geschenk gemacht hatte (vergleiche Brief vom 25. April 1826).

3 von Reinhold, Familie des niederländischen Gesandten in Bern.

4 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen. Das Gemälde wurde erst 1832 vollendet (vergleiche Brief an Freiherr von Röder vom 31. Dezember 1831 und Brief an Kestner vom 3. Juli 1832).

5 Leopold Großherzog von Baden (1790-1852), Regierungsantritt am 31. März 1830.

6 Emilie Linder (1797-1867), Malerin und Kunstsammlerin aus Basel.

7 Elwino Härtel, nicht ermittelt.

8 Katharina von Predl, verheiratete Grassis de Predl (1790-1871).

9 Louise Seidler (1786-1866), Hofmalerin in Weimar.

10 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

 

 

63         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                            [Konstanz, 17. März 1831]

 

Hochverehrtester Herr Geheimrath!

 

Es thut mir herzlich leid daß ich Ihnen mit einer Bitte wieder beschwerlich fallen muß, und zwar in einer Zeit, wo Sie gewiß noch mehr als sonst zu thun haben. – Sie wißen indeßen, daß einem alten Versprechen die Zeit der Erfillung stuffenweis nahen muß, und so bäthe ich wieder um einen kleinen Theil der Bezahlung an dem Bilde des H. Steffanus.2 Nur fünfhundert Gulden wäre ich in diesem Augenblick benöthigt, und im Falle es Ihnen möglich wäre mir es bald zu verschaffen, würde es mehr sehr lieb sein, weil ich schon länger um diese Summe hätte bitten sollen.

 

Hoffentlich daurt es nicht mehr lange, bis ich Sie in Carlsruhe sehe! Empfangen Sie auch meinen schönsten Dank für die schnelle Beantwortung meiner lezten Anfrage. Bis ich das Bild vollendet habe kann ich gewiß auch erfahren, wie lange Herr Berkmüller3 noch zu thun hat.

 

Leben Sie nun wohl! und verschmehen Sie meine

treue Verehrung nicht mit der ich bin

Ihre

Constanz den 17ten                                                                            gehorsamste Dienerin

                        Märtz 1831.                                                                             Marie Ellenrieder.

 

 

1 Adressat nicht genannt. Es handelt sich aber sicher um Geheimrat Johann Evangelist Engesser (1778-1867), Direktor der kath. Kirchensektion des Ministeriums des Innern in Karlsruhe.

2 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

3 Karl Joseph Berckmüller (1800-1879), Architekt aus Karlsruhe. Auf seine Mitwirkung am Hochalter der Stephanskirche wird näher eingegangen bei Elisabeth Spitzbart, Karl Joseph Berckmüller 1800-1879, Architekt und Zeichner, Karlsruhe 1999, S. 123 ff

 

 

64         [BSB München, Ana 353.II.2]1                                                                 [Konstanz, 27. März 1831]2

 

Hochverehrtester Herr Director!

 

Trotz der Überzeugung daß es eine wahre Kühnheit ist mich schriftlich an Sie zu wenden, entschloß ich mich dennoch es zu thun; weil das Schicksal dieses jungen Menschen der Ihnen diese Zeilen überbringt mich dazu aufforderte. Er ist ein Neffe3 von Herrn Profeßor Hug4 in Freyburg der ihn 3 Jahre unterstützte daß er die Akademie besuchen durfte: im Späthjahr zog er aber seine Hand von ihm, und ließ ihn diesen Winter mit aller menschlichen Noth bekannt werden. Nun gab er ihm noch mal ein Auskommen auf ein halbes Jahr.

 

Möchten Sie nun so viel Erbarmen haben, ihn für die kurze Zeit zu rathen, und ihn ein wenig in Schutz zu nehmen. Seine Auführung ist gut, und fleißig war er auch. Ich nahm mich seiner an, da ich aber selbst nichts kan, so konnte ich ihm auch wenig nützen.

 

Werden Sie mir nun verzeyen können, daß ich, die ich nur ein einziges Mal die Ehre hatte Sie zu sehen, es wagte, mit einer so lästigen Bitte beschwerlich zu fallen? – Vergeben Sie um Ihrer Freunde Willen die in Rom mir so vieles von Ihnen erzellten; den, hätte diese nicht so viel von Liebe & Güte gesprochen; so würde jezt die Furcht mich zurückgehalten haben.

 

Leben Sie nun wohl hochverehrter Herr Director! Gott erhalte Sie gesund, und von mir verschmehen Sie nicht die Versicherung meiner tiefen Verehrung.

 

Ihre

 

Konstanz den 27ten Märtz                                                               ergebenste Dienerin

                                                                                                                         Marie Ellenrieder

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                    »Seiner Hochwohlgebohren

Dem Herrn Peter Cornelius

Direktor der königlichen bayr: Akade-

mie der bildenden Künste in

   München«

Peter von Cornelius (1783-1857) war von 1825 bis 1841 Direktor der Akademie.

2 Jahreszahl fehlt; entsprechend dem Inhalt des Briefes muss es sich aber wohl um das Jahr 1831 handeln.

3 Georg Hug aus Konstanz, Sohn des Malers Nikolaus Hug (1771-1852), war laut Matrikelbuch seit dem 3. November 1827 an der Akademie der Bildenden Künste München als Student für das Fach Historienmalerei eingeschrieben (Kunstakademie München, Matrikelbuch 1809-1841). Über Georg Hug ist bisher nur bekannt, dass er an folgendem Architekturwerk seines Vaters Nikolaus Hug als Zeichner mitgearbeitet hat: Abbildungen alter Kunstwerke, vornehmlich aus den Fächern der Bau und Bildhauer=Kunst. Constanz 1832 (vergl. Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz in alten Ansichten, Teil 1, 1987, S. 141ff).

4 Johann Leonhard Hug (1765-1848) aus Konstanz, katholischer Theologe, seit 1791 Professor für orientalische Sprachen und Altes Testament an der Universität Freiburg.


 

65         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                            [Karlsruhe, 28. Juni 1831]

 

An das Hochpreisliche Ministerium des Innern

Katholische Kirchensecktion!

 

Als im Jahr 1827 das große Unternehmen des Altarbildes2 mir anvertraut wurde, welches ich mit treuer Liebe und dankbarer Freude begann & seiner Vollendung entgegenführte: da konnte ich von all’ den Kosten die in den 4 Jahren sich häuften noch keinen Begriff haben. Ich gab mich auch mit dem Gedanken nicht ab, wie ich bey dem Preise bestehen werde; dieser Auftrag war mir immer zu heilig. – Aber jezt am Ziele mahnen mich andere Pflichten, die mich auffordern es zu wagen, bittend um eine kleine Entschädigung einzukommen – . Etwa 500 Gulden.3

 

Ehrfurchtvoll also diese Bitte vortragend geharre ich

 

Dem Hochpreislichen Ministerium des Innern, Katholische Kirchensecktion!

 

als

 

Carlsruhe den 28 Juni

                        1831.                                                             

               gehorsamste unterthänig-

               ste Dienerin Marie

                                                                                                               Ellenrieder Hofmalerin.

 

 

1 An das Ministerium des Innern, Katholische Kirchensektion in Karlsruhe.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

3 Der Bitte wurde nicht entsprochen (vergleiche Fritz Hirsch, 100 Jahre Bauen und Schauen, Karlsruhe 1928, Band 1, S. 506).

 

 

66         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                               [Konstanz, 7. Juli 1831]

 

            Zu meiner großen Freude kam endlich der schöne langersehnte Reibstein an. Kaum vorher übergab ich einen Brief an Frl Marie Reinhold,2 worin ich ihr sagte, daß er noch nicht da wäre.

 

Aber was haben Sie wohl angestellt daß Sie mir die Fracht so ganz besorgten? Daß hätten Sie lieber Freund! nicht thun sollen. Da es nun aber geschen ist, muß ich es wohl von Ihnen annehmen. Ich danke Ihnen also dafür. Es ist ein Geschenk das ganz Ihrer Großmuth und Ihrem Zartgefühl gleicht drum hat es noch höheren Werth für mich.

 

Für dieß mal kan ich nicht umständlich für Ihr liebes Briefchen danken, das mir so herzliche Freude machte.

 

Mein großes Bild3 ist jezt fertig, und wird in diesen Tagen öffentlich ausgestellt. Bald nachher reise ich nach Karlsruh, von dort aus werde ich mir die Freyheit nehmen Ihnen meine unbedeutende Nachrichten mitzutheilen.

 

Leben Sie wohl! Gott erhalte Sie gesund; und flistert Ihnen ein Engelein zu daß Sie mir schreiben sollen, so folgen Sie ihm auch!

 

Mit großer Verehrung & Liebe

Ihre

 

Constanz den 7ten Julli                                                                                        dankbare Marie Ellenrd

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Marie von Reinhold, Tochter des niederländischen Diplomaten Johann Gotthard von Reinhold und seiner Frau Maria, geb. Schuchmacher.

3 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

 

 

 

Marie Ellenrieder Karlsruhe St. Stephanskirche

 

67         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                                      [ohne Ort, ohne Datum]

 

            Marie Ellenrieder hat an dem, für 4000 f: verakordierten Altarbilde2 2020 erhalten; hätte folglich noch 1980 f gut um welches sie hiermit unterthänigst bittet.

 

                                                                                                                     

         Marie Ellenrieder

                                                                                                                     Hofmalerin.

 

 

1 Adressat nicht genannt, wohl aber an das Ministerium des Innern, Katholische Kirchensektion in Karlsruhe gerichtet. Der Eingangsvermerk lautet auf den 11. Juli 1831.

2 Tod des hl. Stephanus (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

 

 

68         [EA Freiburg, FK 12207]1                                                                               [Karlsruhe, 27. August 1831]

 

An das Hochpreisliche Ministerium des Innern.

Katholische Kirchen Section.

 

Über den Bericht vom 12ten August, erwiedere [ich,]2 das ich wohl wußte daß für eine verakortierte Arbeit keine weitere Forderung darf gemacht werden: allein [bei]2 ungewöhnlichen Unternehmungen, laßen sich schwer zum Voraus alle Schwierigkeiten im ganzen Umfange erkennen.

 

Schon nur an der Zeit irrte ich mich um ein volles Jahr! –

 

Nie verlohr ich aber die Freude und den Muth an diesem erhabenen Auftrage, und niemals rechnete ich mit meinen Anstrengungen und Ausgaben, sonst hätte ich diese Arbeit ja viel früher (aber nicht so ausgeführt) für die gleiche Summe überbringen können.

 

Einen solchen Arbeiter glaubte ich, würde man in seinem Schaden berüksichtigen. –

 

Was aber der Transport & die Verpackung betrifft, wird [mir]2 wie ich hoffen darf erstattet werden.3 Auch habe ich das Restguthaben noch immer nicht erhalten. Und den Vorhang wird man auch als Nothwendigkeit anerkennen, da um die Mittagsstunden die Sonne wie durch ein Brennglas das Bild in Kürzen wird beschädigt haben.

 

Carlsruhe den 27ten August

                                   1831.                                                        unterthänigste gehorsamste

                                                                                                                           Marie Ellenrieder

 

 

1 An das Ministerium des Innern, Katholische Kirchensektion in Karlsruhe.

2 Ergänzungen in eckiger Klammer.

3 Für Transport und Verpackung wurden der Künstlerin 45 Gulden und 30 Kreuzer erstattet (vergleiche Fritz Hirsch, 100 Jahre Bauen und Schauen, Karlsruhe 1928, Band 1, S. 506).

 


 

69         [RM Konstanz, 13]1                                                                                      [Konstanz, 31. Dezember 1831]

 

Verehrtester theurster Freund!

 

Um Sie nicht in Ungewißheit zu laßen, zeige ich Ihnen an daß der wunderschöne Becher mir zukam. Aber was haben Sie wieder gethan! und wie kann ich gebührend genug dafür danken? Ich hätte eher zu Vorwürffen Lust: – aber wie dürfte ich mit einem so friedsammen Geist zanken! – Ehrfurchtsvoll muß ich es in Dank & Liebe annehmen, und mich darüber freuen, wie ich noch nie über so etwas Schönem mich freute! Ich versichere Sie, wenn ich es vergeße, daß ich ihn nicht haben sollte, so kan ich ganz entzückt darüber sein. Empfangen Sie also von mir als Ihren immerwehrenden Schuldnerin den wärmsten und innigsten Dank. Möge ich der theuren Aufschrift niemals unwürdig werden! – Morgen an dem ersten Tage des neuen Jahres, werden wir in Friede & Freude versammelt zum erstenmal gemeinschäftlich daraus drinken, es wird gewiß recht festlich aussehn!

 

Wen es wahr ist, daß Sie im Sommer an mich dachten, und gerne nach Constanz gekommen wären, so haben sich unsere Wünsche begegnet. Damals war ich in Lichtenthal2 und brauchte die Stahlbäder, da dachte ich so oft die Möglichkeit daß Sie nach Baden kommen könnten, wie es vor 2 Jahren geschah; O! wenn ich Sie einmal begegnen könnte in den freundlichen Thälern, sagte ich öfter zu mir selbst wie groß müßte meine Freude sein! – Dan – aber glaubte ich auch wieder denken zu müßen daß es so beßer ist, denn, zuviel Glück ist nicht heilsamm.

 

Von da kehrte ich dan gestärkt nach Carlsruh zurük; und arbeitete viel hatte bey meiner Freundin der Frau von Krieg3 das angenehmste Leben von der Welt, und diese war auch die Hauptursache daß ich so lange blieb, und noch wäre ich da, wenn ich ihr gefolgt hätte. Allein manches war nicht, wie ich es hoffte & erwartete, und so kan ich mich nur recht sehr freuen wieder bey meinem lieben alten Vater zu sein & bei der Pepi;4 ich bin voll von Arbeit doch nur kleinere Bilder, ich machte zwar wieder eine große Composition die Bergpredig5 vorstellend, und hätte sehr gerne den Auftrag erhalten es für die evangelische Kirche (zu Carlsruh) auszuführen, allein es wurde abgeschlagen, meinem Vater und mehreren Bekannten ist dieß sehr lieb, denn, daß große Bild6 hat es doch bewiesen daß es zu viele Kraft aufzehrte. In diesen Verhängniß vollen Tagen beginnen niergends große Unternehmungen: hoffendlich wird aber alles beßer gehn als man erwartet; die gefürchtete Collera scheint ja auch nicht zu kommen, wenn sie aber noch käme und Sie wären auf dem Wege, dan kehren Sie um, daß Sie seien wo sie entferrnt ist: lieber sterbe ich vorher, daß ich einstens Ihnen entgegenkommen kann mit der Palme des ewigen Friedens! –

 

Sie schreiben mir gar nichts von Ihren Arbeiten, Sie waren doch gewiß recht fleißig, und haben durch Arbeit das Unangenehme sich weniger fühlbar gemacht: Ich möchte Sie trösten können; allein mein Trost den ich Ihnen bisweilen geben wollte gefiel Ihnen nicht, und ich beleidigte vielmehr noch Ihr edles Zartgefühl mit meinem starren Sinn.

 

Was ich wirklich in Arbeit habe, ist eine schon längst angefangene H: Cecilia;7 eine Madonna wie sie das Magnifikat schreibt,8 eine H: Augusta,9 und ein paar Köpfe aus dem großen Bilde. – Und wenn Sie nach Carlsruh kommen sehen Sie wenn Sie mögen auch einiges von mir. Nicht wahr? Sie gehn um diese Zeit hin, oder sind Sie etwa schon dort? O! die glückliche Anna10 die Sie nun sehen und sprechen kan: öffters sagten wir zusammen, wenn Sie doch nur kämen! Sie hätten mich gewiß recht artig & höflich gefunden, den, wie dürfte man unter dem Zepter der liebenswürdigen Frau von Krig wohl anders seyn!

 

Dem lieben Herrn von Röder11 Ihrem würdigen Vetter bin ich recht mit herzlicher Hochachtung zugethan so wie auch seiner niedlichen Frau und seinen Kindern (wie Engelchen) Eggenolf bleibt mir unvergeßlich! O, sagen Sie doch dieser theuren liebenswürdigen Familie recht viel Schönes von mir.

 

Sie wählen aber doch wahrhaftig eine unfreundliche Jahreszeit um in Carlsruh Ihre Aufwartung zu machen; Gott gebe, daß es Ihnen nicht schadet, und daß Sie da recht viel Vergnügen haben: und sehen Sie mein Bild des H Steffanus12 so seien Sie ein barmherziger Richter.

 

Wen ich mit all’ meinen vorhabenden Arbeiten bis ins Frühjahr zu Ende komme, so hätte ich vor, für meinen Untericht eine Reise nach Dresden zu machen: wenn anders Gottes Vorsehung durch strafend & priffende Schicksale es nicht unmöglich macht. –

 

Nun glaube ich Ihnen alles gesagt zu haben was Sie intreßieren könnte und seyen Sie versichert daß ich in der langen Zeitfrist schon gewiß geschrieben hätte, wäre mir nicht manch Unangenehmes zugestoßen ich bin so schwach daß ich klage wenn ich mich gedrückt fühle, dann ist es beßer wenn man schweigt man versindigt sich dan doch nicht, und später gleicht sich im Aufblick zu Gott alles wieder vortheilhaft aus.

 

Nun ende ich mit dem frömsten Glückswunsch zum neuen Jahr, & mein Vater13 & die Pepi stimmen mit ein, und indem wir Sie so unendlich lieb haben denken & sprechen wir oft von Ihnen.

 

Mit innigster Verehrung & Dankbarkeit, bis zum lezten Athemzuge

 

Constanz den 31ten Dec: 1831.                                                       treustergebene Freundin Marie Ellenri[eder]

 

 

1 Brief adressiert an: »Seiner Hochwohlgebohren Freyherr Carl von Röder in Freyburg im Breisgau.«

2 Lichtenthal, heute Ortsteil von Baden-Baden mit einem Stahlbad (eisenhaltige Heilquelle).

3 Anna Krieg von Hochfelden, geb. von Hüetlin, verw. von Vincenti (1793-1866), Freundin der Künstlerin in Karlsruhe.

4 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

5 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

6 Wohl Fischer und Blanckenhagen WV 367.

7 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

8 Fischer und Blanckenhagen WV 319.

9 Nicht bei Fischer u. Blanckenhagen.

10 Anna Krieg von Hochfelden, geb. von Hüetlin, verw. von Vincenti (1793-1866). Seit dem 17. Juni 1830 verheiratet mit Georg Krieg von Hochfelden (1798-1860), vergl. Badische Biographien, Heidelberg 1875, Theil 1, S. 480.

11 Philipp Friedrich Freiherr von Röder (1771-1845), Großherzoglich Badischer Kammerherr.

12 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

13 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.


 

70         [RM Konstanz, 14]1                                                                                         [Konstanz, 27. Januar 1832]

 

Theurster verehrtester Freund!

 

Nicht einmal einen Brief mögen Sie mir schuldig bleiben? Und über den schönen Becher habe ich keine kleine, sondern eine große Freude gehabt! Ich fand mich recht gethemütigt durch Ihre lezten Zeilen; doch bin ich unendlich verzeilich! Und ein wahres Mitleid durchdringt mich wenn ich Ihrer gedenke, den es scheint mir, daß Sie Antheil nehmen an der Verwirrung die heut zu Tag in den aufgeregten Gemüthern herrscht. Niemand ist jezt vermögend sie anders zu stimmen, drum ist es beßer wenn man schweigend sich zurückzieth. O! kommen Sie zu uns nach Constanz, es braucht keine schöne Jahreszeit um an einem Orte gern zu sein, wo es noch still & friedlich ist. Und denken Sie doch wieder mit Ihrer schönen Seele an die Kunst, und an die erbauende Ruhe der freien Natur die Sie gewiß oft mit Andacht bewunderten, und wie dan die Erdbewohner ihren Hütten zueilten wenn ein Gewitter im Anzuge war; bis sich der Sturm gelegt und der Bogen des Friedens am Himmel stand. –

 

Ich muß aber wirklich um Vergebung bitten, daß ich Ihnen eine solche Predig mache: sie kömmt indeßen aus einem Herzen, daß nicht wie Sie glauben gleichsam im Himmel sitzt; sondern auch leidend über manches Kummer haben muß, doch anhaltend laße ich mich von Zeitlichen Dingen nicht quälen denn der Gedanke an die erhabene Bestimmung als die der Welt, macht alles was vorgeth so klein daß mann immer über deßen Verlust mehr klagen mag: es ist aber eine große Gnade von Gott zu diesem verborgenen Glück gelangen zu können. Amen!

 

Sind Sie jezt froh daß ich fertig bin? – Mehr schreibe ich Ihnen heute nicht, denn da ich in meinen Lezten Ihnen über alles Bericht abstattete was ich arbeittete, so wüßte ich nichts was Sie intreßieren könnte.

 

Eines muß ich Ihnen aber doch gestehn daß ich den allzuschönen Becher, nicht zu meinem gewöhnlichen Trinkpokal mache, sondern daß er nur an Sonn & Festagen in Vorschein kömmt wo dan öffters Jemand anders daraus drinkt, der mir lieb ist, ich habe damit schon Vielen Freude gemacht. etc etc Gerade heute trank ein ehrlicher Baur daraus, und neulich eine arme alte Frau, diese sagte „daß hätte ich wohl nicht geglaubt daß ich noch vor meinem End aus einem goldenen Becher trinken würde!“ Wenn ich noch lange lebe, wird mir dieser Becher noch gar viele Freude machen!

 

Frau von Krieg2 und Ihre Verwannten werden es sehr bedauern daß sie nicht nach Carlsruhe kommen. Frau von Krieg wird jezt wohl im malen begriffen sein, den ich mußte ihr von München ein ganzes Assortement Farben beschreiben, & diese sind zu vollster Zufriedenheit ausgefallen; darf ich für Sie nicht auch bestellen? den wahrscheinlich wird ihr Vorath über diese Zeit ganz ausgedrocknet sein. –

 

A Dio! caro amico!

 

Mit herzlicher Verehrung

 

Ihre

Constanz den 27ten                                                                                        Frd: Marie

            Jan: 1832.                                                                                                      Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                        »Seiner Hochwohlgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in

Freyburg

im Breisgau«

2 Anna Krieg von Hochfelden, verw. von Vincenti (1793-1866). 1832 malte Marie Ellenrieder zusammen mit Hofmaler Rudolf Kuntz das Gemälde Georg Krieg von Hochfelden und seine Gemahlin zu Pferde (Fischer und Blanckenhagen WV 35).

 

 

71         [BNF Paris]1                                                                                                   Constanz [25. Februar 1832]

 

Mein Hochverehrtester Freund!

 

Ich weiß nicht ob ich vor Ihnen erscheinen darf, den mein Stillschweigen klagt mich unverzeylich an, und es ist mir selbst unbegreiflich, wie ich es so lange aufschieben konnte einem Freund zu schreiben, den ich so sehr verehre & liebe: Dem ich oft so nahe im Geiste bin, und den ich bewundere, weil er durch alle Stürme des Lebens so jung auch hervorgeth, dem ich nachzuahmen strebe und doch in Vielem so sehr zurück bleibe: Der mir durch seinen lezten Brief vom 18ten Dec 1830 ein wahres Kleinod der treuen Freundschaft ins Herz legte. – Nimmer kam dieser Brief von meiner Seite, stolz begleitete er mich gleich einem Schutzgeiste; aber mir fehlte die Kraft ihn nach Würde zu erwiedern. Nur schweigend verneigend ehrte ich den Geist der darin athmet und lobte den Herrn für alles was gut ist und ihm wohlgefällig!

 

Doch jezt da ich schon längere Zeit wieder an der heiligen Cecillia2 male, muß ich es doch sagen, daß ich dabey mehr als sonst im Geiste mit Ihnen lebe. Bis im Mayen hoffe ich damit fertig zu werden: ich nahm sie nicht mit als ich das große Bild3 nach dem Unterland brachte, den von dort aus wollte ich eine Reise nach Dresden machen, um neuen Unterricht & neue Kräfte für meinen Geist zu sammeln, allein der Collera wegen wurde es mir abgerathen. – Meine Gesundheit war aber nach der Vollendung der großen Arbeit sehr angegriffen, daß können Sie sich gewiß wohl denken, da rieth man mir nach Lichtenthal4 um dort die Stahlbäder zu gebrauchen, und dieß that mir so wohl, daß verjüngte Stärke fühlbar mein ganzes Wesen durchdrang: und ich war so froh, daß endlich einmal das große Bild an seiner heiligen Stelle war. Es bekam eine sehr schöne Einfassung, daß Licht ist aber nicht immer vortheilhaft, doch macht es nachsichtsvollen & guten Herzen, ein frommer Eindruck. – Gott sey Lob & Dank!!! Ich malte dan in Carlsruh 4 kl Schutzengelein, einen Kopf aus dem großen Bilde ein Kinderporträt und einige Zeichnungen, und kehrte mit mehrern Aufträgen zurück, aber einen Wunsch den ich darlegte wurde mir nicht erfillt; ich hätte nemlich auch gerne in die evangelische Kirche dort, ein großes Bild gemalt, und componierte hiezu die Bergpredig5 mit 27 Figuren: allein es wurde abgeschlagen.

 

Erst den 2ten December kam ich wieder nach Hause; ich war nun recht froh & vergnügt darüber, und gieng mit neuer Lust an mein ungestörtes Kunstleben in dem stillen freundlichen Constanz. Nichts hat mich bisher im Fleiße gestört, Gott sey Dank! Ich male auch ein kleines Bildchen, die Madonna6 im jungfräulichen Alter darstellend, wie sie das Magnifikat schreibt: und kopiere meine römische Madonna7 daß ich auch einmal etwas für fremde Ausstellungen habe. Zeichne auch des Abends bey der Lampe 4 mal in der Woche, & 2 mal mußiziere ich, ich akombagniere mit dem Clavier die Flöthe; wehrend diesem blicke ich abgewechselnden Kupferstichen; oder stelle meine Cecillia hin; ob sie doch endlich nicht einmal den himmlischen Tönen gleiche, die die Stimmung des Herzens ordnen und Ruhe schaffen im Gebiethe des inneren Lebens mit Gott. etc etc

 

Daß ist nun alles was ich Ihnen von mir zu berichten weiß, man kann aus dem kalten Teutschland keine so rührende Geschichten erzellen, wie jenne alle waren, die von großen begeisterten Seelen so ein erhabenes Schauspiel darstellen, – und die Durchzeichnung mit jenner Begebenheit und die Krankenpflege eröffnet einen schönen Blick in Ihr thätiges Leben. Gott segne Sie fortan & behüthe Sie & ganz Rom vor der verheerenden Verwirrung die jezt in allen Ländern die friedliebenden Menschen betroht!

 

Ich versichere Sie, ich glaubte bey dem Anblick der Durchzeichnung, sie wäre von einem großen historischen Bilde genommen; Sie sind ja ganz außerordentlich geschult geworden!

 

Frl Linder8 schrieb mir unter anderem, Sie hätten ein egyptisches Zimmerchen, aber von Reinholds9 habe ich schon lange keine Briefe mehr: Hr von Wessenberg10 wird vieleicht bald nach Rom kommen, auch kömmt vieleicht Herr Steiner11 hin, der nach seiner Zurückkunft unsere obere Wohnung beziehen wird, meine Cecilia gefällt ihm, ich gab ihm schriftliche Grüße mit, Sie können also mündlich mehreres von ihm erfahren, wenn Sie nachfragen mögen.

 

Herr von Haxthausen12 both mir freundlich an diesen Brief an Sie zu besorgen. Diese haben auch ein schönes Kind nicht wahr? Es war neulich als Abaneserin gekleidet bey uns – da hätte das Heimweh erwachen können! ach! ich versichere Sie, es erwacht auch ohne sichtliche Anregung öffters! – Allein wer kan heut zu Tag Pläne machen! man muß nur froh sein, wenn man irgend wo man sitz, bleiben kan! Es sind in der Taht bedauerliche Zeiten und ich habe viele Sorgen um Sie, ich sehe in den Zeitungen zu erst nach den Stellen aus Italien, früher sah ich ein solches Blatt kaum an. Ich baue immer meine Hoffnungen auf das Gebeth so vieler Frommen die ich in Rom kenne. Grüßen Sie mir alle lieben Bekannten; und nun sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl und meine treue Verehrung.

 

                                                                       Ihre

                                                                                             

                                 Freundin Marie Ellenrieder

 

Mein Vater & die Pepi13 tragen mir alles Schöne an Sie auf.

 

 

1 Brief  mit der Adresse:         »A Monsieur

Monsieur August Kestner

chargé daffaire de Sa Majeste Br:

Roi dHanovre à

Rome«           »Con den 25ten Febr 1832«

2 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

3 »Tod des hl. Stephanus« für die katholische St. Stephanskirche in Karlsruhe (Fischer und Blanckenhagen WV 367).

4 Stahlbad (eisenhaltige Heilquelle) in Lichtenthal bei Baden-Baden.

5 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

6 Fischer und Blanckenhagen WV 319.

7 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 329.

8 Emilie Linder (1797-1867), Basler Malerin und Kunstsammlerin.

9 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter in Rom.

10 Ignaz Freiherr von Wessenberg (1774-1860), von 1802 bis1827 Generalvikar des Bistums Konstanz.

11 Steiner, Untermieter im Hause der Familie Ellenrieder.

12 Wohl Werner Freiherr von Haxthausen (1780-1842), Stiefonkel von Annette und Jenny von Droste-Hülshoff (vergl. Martin Harris, Joseph Maria Christoph Freiherr von Lassberg 1770-1855, Heidelberg 1991, S. 288).

13 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.


 

72         [RM Konstanz, 15]1                                                                                             [Konstanz, 29. Mai 1832]

 

Hochvertester theurster Freund!

 

Schon lange bereue ich meinen klagenden Scherz mit dem ich sicherlich Ihr edles Zartgefühl beleidigte. – Aber länger ist mir die Bürde nicht mehr erträglich die ich mir so unerwartet selbst auflud. Ich glaubte damals mit Ihnen ein wenig zanken zu dürfen: allein seitdem muß ich immer hart Ihre Strafe dafür empfinden. Und vergebens hoffte ich von Andern etwas von Ihnen zu erfahren; nur so viel hörte ich, daß Sie mehr noch als sonst sich zurück ziehn.

 

Erlauben Sie mir also, daß ich Sie mit diesen Zeilen in Ihrer Einsamkeit störe, Sie herzlich begrüße & Sie glücklich preisen möchte; – den, wer den Blick dem Treiben & Jagen der stürmenden Welt entzieht, muß nothwendig (besonders wenn man sich in nichts keine Vorwürffe zu machen hat) himmlische Augenblicke & Glück & Frieden genießen, wenn auch mangelhaft bisweilen, doch immer genug um sich des Lebens zu freuen, und gern kämpfend & singend in seiner innern Welt Ordnung schaffen und zu wandeln wie es Gott wohl gefällt. –

 

Voriges Jahr hatten Sie den Plan nach Constanz zu kommen; Führen Sie ihn dieses Jahr nicht aus? Ich würde mich außerordentlich auf Ihr Kommen freuen! und ich hoffe ganz sicher bey Hause zu sein, den mein Vater2 will mich in diesen unruhigen Zeiten meine Kunstreise nach Dresden nicht machen laßen.

 

Und ich meyne, Sie sollten Freyburg nicht so ungern verlaßen, weil es da am unruhigsten aussieth auch wegen der Collera mehr als in einer stillen Stadt zu befürchten wäre. Und Sie würden sich erstaunen wie es an unserer traulichen Straß noch freundlicher geworden ist! das alte Steurhaus wurde abgebrochen, & ein beträchtlicher Theil des Stadtgrabens aufgefillt, und unser Haus durch einen kleinen neuen Anbau vergrößert, auch der Garten ist größer geworden und alles ist freundlich um uns her. Und wenn der goldene Becher hervor genommen wird, drinkt man Gesundheit Frieden & Freude daraus!

 

Für heute sage ich Ihnen nur noch mein Lebewohl mit der Bitte, daß Sie mir recht bald schreiben möchten.

 

Mein Vater & die Pepi3 sagt Ihnen viel Schönes, Leztere ist eben im Begriffe nach Baden (bey Zirich)4 zu reisen, und das Bad zur Stärkung ihrer Gesundheit zu gebrauchen; sie war etwa 3 Wochen krank, und noch nicht vollkommen hergestellt, wir hoffen aber die beste Wirkung.

 

Mit innigster Verehrung & treuer Anhänglichkeit

 

Ihre

Constanz den 29ten

            May 1832.                                                                                  Freundin Marie

                                                                                                                               Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                      »Seiner Hochwohlgebohren

Freyherr Carl von Röder

in

Freyburg

im Breisgau«

2 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

3 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

4 Zürich.

 

 

73         [BNF Paris]1                                                                                                   Constanz den 3ten Julli 1832

 

Theuerster Hochverehrtester Freund!

 

Schon längst werden Sie entweder das Bild der H. Cecillia2 oder einen Brief von mir erwartet haben: da aber das Bild gerade auf die Ankündigung der Kunstausstellung in Carlsruhe fertig war, so stund ich keinen Augenblick an der dringenden Aufforderung zu folgen mein leztes Bild einzuschicken; den ich dachte zu der langen Zeit machen 4 Wochen keinen Unterschied und sorgte dafür daß es nachher sogleich der Spedition für nach Rom übergeben werden sollte. Nun hatte die unruhige Zeit auch diese Anstalt aus der Ordnung gebracht und verschoben. Jezt fiel mir in dieser langen Zwischenzeit der Gedanke ein, daß ich mich bey Ihnen doch vorerst anfragen sollte, ob etwa mein Preis dafür nicht zu groß wäre, den wenn ich es nach den andern lezten Bildern berechne, so müßte ich 80 Louidor verlangen. Ich möchte freylich mir den Vorwurff machen daß ich vor einem so edlen Freund eine Ausnahme machen sollte und ich würde auch mit großem Vergnügen dieser innern Stimme gehorchen, wenn ich nicht seit einigen Jahren eine nähere Pflicht auf mich genommen hätte: nemlich eine durch Mißgeschick verarmte Schwester mit ihrem Mann & 7 Kindern zu unterstützen, es gelang mir auch bisher auf eine erfreuliche Weise, daß mein Leben nicht weniger froh ist, als es immer war. Mögen Sie sich nun auch zu Jennen gesellen die durch freundliche Anerkennung meine Arbeit so segnend belohnten? – es würde mich herzlich freuen! Ich habe aber nicht die Absicht Ihnen hiemit zuzureden, im Gegentheile bitte ich Sie Ihre volle Freyheit zu gebrauchen.

 

Wäre es der Preis der Ihnen die Annahme des Bildes unmöglich machte, dann laße ich es hier, wäre es aber die Ungewißheit ob das Bild Ihnen etwa nicht gefiele, so sende ich es Ihnen auf Wohlgefallen zu, denn man glaubt mich versichern zu können daß das Bild trotz der kriegerischen Zeiten dennoch seinen Schutz für die Reise haben wird: mann will sogar den Päpstlichen Nuntius ersuchen, daß daßelbe unter seiner Empfehlung von München abgeschickt werden soll, ich möchte es nur dahin schicken – Was soll ich also thun? – Schreiben Sie mir es gefälligst mit Umgehender Post.

 

Ich habe es von Carlsruh wieder nach Constanz kommen laßen, weil ich besorgt war, ob nicht etwa auf der Ausstellung ein kl Unglück damit begegnet wäre, allein es kam, wie es gieng, und es gefiel Gott sey Dank.

 

Ich hätte Ihnen dieses schon vor 4 Wochen schreiben können, aber der liebe Gott ließ eine traurige Zeit über uns kommen; es wurde nemlich mit an den Augen meines Vaters eine Operation vorgenommen, die für seine Gesundheit eine nachtheilige Folgen mitbrachte: so sehr wir alle es ihm ausredeten, so ließ er sich doch nicht länger mehr abhalten & es geschah am Pfingstdinstag : doch jezt Gott sey Dank geth es ganz ordentlich. Auch die Pepi3 war krank.

 

Jezt aber beeile ich mich noch flüchtig die Punkten Ihres lezten theuren Briefes zu beantworten, und Ihnen herzlich für die Freude danken, die Sie mir dadurch machten, auch spätere Nachrichten von Ihnen wurden mir durch den liebenswürdigen Hr. von Haxthausen4 zu Theil.

 

Hätte ich nicht die Hoffnung, daß der liebe Gott Sie besonders beschützte, ich würde öfters in dieser stürmenden Zeit Kummer um Sie haben. Trösten Sie mich wie es möglich ist daß die traurigen Begebenheiten die man immer aus öffentlichen Blätter ließt, unwahr sind.

 

Sie schrieben Ihr Briefchen an mich um die heilige Woche wo so viele kommende & gehende Freunde Ihnen die Zeit stehlen. Sie wußten aber dennoch ein Stündchen für mich und waren so freundlich, daß darüber von mir unendlich viel Liebes könnte gesagt werden! – Ich schweige aber lieber; den so freundlich & angenehm klingt meine Sprache nicht wie die Ihrige.

 

Von Sich haben Sie mir wirklich nur gar zu wenig erzellt, und geth doch immer so vieles mit Ihnen vor! Sie versprechen es mir zwar, und ich dürfte nun fürs nächstemal recht viele Nachrichten erwarten. Ihr liebenswürdiger Neffe5 wird Ihnen diese Arbeit schon abnehmen – und es würde mich nur noch mehr freuen, weil ich daraus einen werkthätigen Beweis hätte, daß er Sie schont & liebt.

 

Ich danke Ihnen auch herzlich für die gütige Aufnahme, womit Sie Herrn Steiner6 erfreuten und für die Liebe die Sie dem verehrungswürdigen Herrn Metzger7 erwiesen: aber ich stimme mit Ihnen überein daß Sie in ihm zugleich einen edlen Lohn empfingen, denn seine Ansichten sind zu lehrreich und seine Worte haben eine Kraft die einem fühlbar hilft die Treppe höher zu steigen.

 

Die Durchzeichnung die Sie mir damals schickten, wo ein kl Mädchenkopf sie begegneten diß Kind im Gebirge8 wo sie mit einer angenehmen Gesellschaft für Vergnügen durchreisten, Sie kauften deß Kindes Vater einen Esel den er war in großer Bedrängniß & konnte nicht weiter gehn, wenn dieses Köpfchen weniger schön wäre als es wirklich ist, so müßte es um der Geschichte Willen intereßant sein. Und wen ich im Himmel zu gebiethen hätte so gäbe ich Ihnen noch einen Engel zum Köpfchen, daß Sie 2 hätten, wie der LieblingsJünger Johannes! –

 

Es thut mir recht leid daß ich nicht auch eine kl Sckitze von meiner Caecilia9 habe, um Sie Ihnen zu schicken, im Größren haben Sie sie bey mir gezeichnet gesehn & sie selbst gewählt sie sitz & hält ein kl Orgel auf dem Schooß worauf sie mit der rechten Hand spielt, der Hintergrund ist eine helle Luft wo durch die Mitte Lorbeer hervorkommen die durch einen dunkelgrünen Vorhang zur Hälfte bedeckt sind, vor diesen sitzt sie nun in natürlicher Größe, Halbfigur: hat ein rosenfarben Kleid an und einen violetten Mantel mit einem hellen Apfelgrünen Umschlag, es sind helle freundliche Farben wie von einem Blumenstrauß wie sie einmal mir sagten daß es sein sollte; doch kräftig gehalten in allen Dingen aber mangelhaft genug. Meine Hauptidee war also die HC: hier darzustellen, wie sie ihr Gemüth sammelt und unter sanften melodischen Tönen die Weisung zur Priffung findet. [Im]10 Einklange ihre Seele mit Gott lebt, und seinen Willen erkennt, daß kein Mißton [die] Harmonie verletze, die in Wort & That nach der himmlischen Liebe ihren Wandel bezeichnen soll.

 

Denken Sie meine schon lange projektierte Reise nach Dresden die die Frl Linder11 vieleicht mit mir gemacht hätte, leidet nun wieder aufs neue einen unbestimmten Aufschub weil ich meinen guten Vater in seiner betrübtn Laage nicht verlaßen möchte. Es betrübt mich öffters der Gedanke an die lange Zeit schon, in der ich meinem Geiste in Hinsicht der Kunst so gar keine Nahrung verschaffen konnte! O, wenn ich nicht meinen liebenden Heiland im Himmel und im Herzn hätte der mir immer hilft, wie könnte ich auch so viele Liebe zur Arbeit haben!! – Ich habe auch sonst noch so viel Angenehmes und Gutes & Beglückendes, daß ich eigendlich sindigen würde wen ich bey nebens nicht darauf zufrieden wäre. –

 

Ich habe wieder ein paar neue Sachen Bilder angefangen, wenn sie einmal weiter voran sind will ich Sie Ihnen beschreiben, es sind zwar nur kleine!

 

Für jezt sage ich Ihnen mein innigstes Lebewohl. Alle die Meinigen empfehlen sich Ihnen auch bestens. Seyen Sie glücklich & vergnügt, schauen Sie auch für mich einmal über mein gelobtes Land, in die Reine Luft und die dunkle Grün. Sie begegnen meinem Geist, mit dem ich Ihnen voll herzlicher Verehrung oft nahe bin. Amen!

 

Ihre

                                                                                                                       Frd. Marie Ellenrieder.

 

1 Brief mit der Adresse: »A Monsieur Monsieur August Kestner chargé daffaire de Sa Majeste Britannique Roi dHanovre à Rome Palazo Tomati strada Gregoriana«

2 Nicht bei Fischer u. Blanckenhagen.

3 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

4 Wohl Werner Freiherr von Haxthausen (vergl. Dominik Gügel, Joseph Freiherr von Lassberg und sein Konstanzer Umfeld, in: Joseph von Lassberg – des letzten Ritters Bibliothek. Ausstellung im Bodman-Haus, Gottlieben, 2001).

5 Hermann Kestner (1810-1890), Neffe von August Kestner (vergl. Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 233).

6 Steiner, Untermieter im Hause der Familie Ellenrieder.

7 Johann Metzger (1772-1844), Gemälderestaurator und Kunsthändler in Florenz.

8 Anzunehmen ist, dass dabei auf Vittoria Caldoni aus Albano Bezug genommen wird.

9 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

10 Ergänzungen in eckiger Klammer.

11 Emilie Linder (1797-1867), Basler Malerin und Kunstsammlerin. Charlotte Kestner berichtete in einem Brief vom 21. Februar 1832 an ihren Bruder August, dass Emilie Linder halb und halb erwartet dieses Frühjahr mit Marie Ellenrieder nach Dresden zu reisen (vergl. Hermann Kestner-Köchlin (Hrsg.), Briefwechsel zwischen August Kestner und seiner Schwester Charlotte, Straßburg 1904, S. 192).


 

74         [GLA N Beringer Nr. 586]1                                                                           [Dresden, 6. Oktober 1832]

 

            In Eile nur so viel, daß das Pagett mit dem alzugroßen Geschenk in meine Hände kam. Es freute mich ganz vorzüglich die heilige Catharina von meinem Lieblingsmaler! Es wäre nun recht undankbar, wenn ich des holden Köpfchens vergeßen würde.

 

Ich freue mich auch daß ich Ihre liebenwürdige Frau Gemalin kennen lernte, ich sage daher Ihnen Beyden mein herzlichstes Lebewohl und meine Verehrung.

 

Ihre

 

Dresden2 den 6ten Okt 1832.                                                                     ergebenste Marie

                                                                                                                                     Ellenrieder.

 

Noch 1000mal meinen schönsten Dank!

 

 

1 Adressat nicht bekannt (vielleicht J. G. von Quandt).

2 Marie Ellenrieder reiste Mitte August 1832 über Weimar nach Dresden. In Weimar traf sie ihre Freundin Louise Seidler und den Landschaftsmaler Friedrich Preller. Nach einigen Tagen Aufenthalt in Weimar reiste sie Ende August nach Dresden weiter (Louise Seidler trat am 29. August zusammen mit Henriette von Bardeleben ihre zweite Italienreise an). Der Brief lässt den Schluss zu, dass ihre Heimreise am 6. Oktober kurz bevor stand. Sie reiste zurück nach Konstanz über Nürnberg (dort vier Tage Aufenthalt) und München (dort 11 Tage Aufenthalt). In Konstanz war sie am 1. November 1832 zurück. In der Literatur wird gelegentlich behauptet, dass Marie Ellenrieder die Reise nach Dresden zusammen mit Emilie Linder unternommen habe. Diese Behauptung geht auf eine Mitteilung Charlotte Kestners an ihren Bruder August vom 21. Februar 1832 zurück, wo sie von Frl. Linder berichtet und schreibt »Sie erwartet Marie Ellenrieder halb und halb dieses Frühjahr, um mit ihr nach Dresden zu reisen.« (vergl. Hermann Kestner-Köchlin (Hrsg.), Briefwechsel zwischen August Kestner und seiner Schwester Charlotte, Straßburg 1904, S. 192). Tatsächlich zog Emilie Linder im Sommer 1832 mit ihrem Hausstand von Basel nach München, um sich dort niederzulassen.

Der Beginn Ellenrieders Reise muss gemäß einem Brief von Wilhelm Issel vom 13. August 1832 an Karl Förster, nach diesem Datum liegen. Issel schreibt dort »Eine theure Freundin unseres Hauses, die gefeiertste Künstlerin Badens, die Hofmalerin, Marie Ellenrieder … bringt Euch diesen Brief. … Mit dem gräflich Schulenburgschen Hause in Dresden ist sie wohl befreundet, nur diese und Euch will sie sehen, da sie den kurzen Aufenthalt in Dresden ausschließlich dem Studium des Trefflichsten auf der Gemäldegalerie widmen will.« (Ludwig Förster, Biographische und literarische Skizzen aus dem Leben und der Zeit Karl Försters, Dresden 1846, S. 57).

 

 

75         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                          Konstanz den 8ten Nov: 1832

 

            Was werden Sie von mir denken, liebster Freund! daß ich Ihnen so lange keine Nachrichten gab? – Sie werden inzwischen mündlichen Bericht bekommen haben, durch meine Freundin Seidler,2 und daß ich in Dresden war, und es mir da so wohl gefiel, daß ich öffters wähnte ich wäre in Florenz. Ich malte da ein Studium nach einem Bilde von Corregio,3 daß die Madonna auf dem Trohne darstellt wo unten der heilige Franziskus knieth etc. Dieses ist mir nun, noch außer dem, daß ich mich in Dresden so glücklich fühlte, ein sehr schätzbares Andenken von da. – Seit dem ersten November bin ich wieder zu Hause bei meinem guten Vater,4 mit dem es seit einiger Zeit wieder beßer geth, Gott sey Dank! – Ich arbeite nun mit neuer Lust und Liebe, da ich nach einer so langen Verbannung von Kunstschätzen wieder einmal zu so einer reichen Sammlung gelangte!

 

Und wie geth es Ihnen in Ihrem schönen Rom? Sie möchte man freylich am glücklichsten preisen, weil Sie gar nicht kennen was es ist, entfernt zu sein von allem, was erhaben & groß ist. Es ist auch kein Wunder, wenn Sie immer begeistert sind & damit alle Herzen entzücken die Ihnen nahe kommen. Herr Steiner5 sagte mir öfters wie liebenswürdig er Sie fand; auch Ihr Neffe6 gefiel ihm sehr.

 

Und ich weiß nun wo mein Porträt hängt, aber weh’ mir, wenn ich Sie einstens überrasche und es nicht mehr da fände! sondern in ein Winkelchen gestellt. – Doch ich hoffe es nicht; wir bleiben Freunde, auch wenn unsere Schriftzüge Monatte & Jahre ausblieben. –

 

Ich habe noch keine Attresse wo die Seidler wohnt, ich bin also so frey durch Sie einige Zeilen an sie zu schreiben.

 

Leben Sie nun wohl! Gott schenke Ihnen einen recht glücklichen freudenreichen Winter und er entferne alles von Ihnen was Sie betrüben oder beunruhigen könnte.

 

Grüßen Sie Winterhalter7 von mir, ich wollt ihm vor seiner Abreise nach Italien Ihre Attreße geben, versäumte es aber gegen meinen besten Willen.

 

Zweifeln Sie niemals an meiner treuen Verehrung, mit der ich Ihnen innigst und ewig zugethan bin.

 

                                                                                                                                   Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Bei der Malerin Louise Seidler (1786-1866) in Weimar war die Künstlerin auf ihrer Reise nach Dresden zu Besuch.

3 Die Madonna des heiligen Franziskus (1514/15) Inv.-Nr. 150.

4 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

5 Steiner, Untermieter im Hause der Familie Ellenrieder.

6 Hermann Kestner (1810-1890), Neffe von August Kestner (vergleiche Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 233).

7 Der Maler Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), seit 1828 Zeichenlehrer der Markgräfin Sophie von Baden, weilte von 1832 bis 1834 in Italien und wurde nach seiner Rückkehr zum Großherzoglich Badischen Hofmaler ernannt (siehe Armin Panter, Studien zu Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), Diss. Karlsruhe 1996, S. 18).

 

 

76         [ULB Bonn, Autogr.-Slg.]1                                                                          Constanz den 10ten Nov: 1832

 

            Ich danke Dir, geliebte Freundin, für Deinen theuren Brief aus München, in manchen Dingen hatte er mich sehr erfreut aber einen Punkt betrübte mich tief im Herzen; der aber nun hoffentlich gehoben sein wird? – Alles was Du mir weiters beschrieben hast, habe ich nun mit eigenen Augen gesehen und zugleich auch an den Füßen empfunden; denn ich hielt mich wirklich in München 12 Tage auf, wohnte bey Hr: v. Langers2 und genoß dieselbe Freundlichkeit & Liebe, wie vor 12 Jahren, dieß that meinem Herzen wohl, auch erbauten mich die schönen & vielen Arbeiten des Robert L: den unbefangen überschaute ich das Ganze und noch von keinem gehäßigen Tadel über-vorurtheilt. Dann aber mußte ich betrübende Dinge vernehmen, und nimmer konnte mir recht wohl werden; – gerne hätte ich meine Reise fortgesezt, allein, einmal da, wollte ich doch wie Du, alles sehen; und ich sah auch wirklich Alles! Und schön & prächtig gestaltet sich da das Große! Auch mit einem verwundeten Herzen mußte ich mich freuen! – Doch so mächtig war die Freude nicht, daß ich nicht gerne von dannen gegangen wäre, und so vollendete ich noch gar meine von Gott beglückte süße liebe Dresdnerreise, und fand meinen Vater auf dem Wege der Beßerung, das heist erholt von einem Schlagfluß der ihn vor etwa 5 Wochen traf, und diese Tage her etwa seit 6, gethes zum verwundern gut mit ihm, Gott sey Dank! –

 

Nun muß ich Dir auch noch sagen, daß ehe ich Dresden verließ Dein Carton mit der Skitze ankam, er wurde mit großer Freude vom Kunstverein aufgenommen, auf eine Staffeley gestellt und die Skitze auch, und Hr: v: Quand3 schien großes Wohlgefallen daran zu haben, auch die Fr: v: Quand4 äußerte ein großes Vergnügen etwas von Dir zu sehen, und war eben im Begriffe es anzuschauen, sie sagte, sie wäre auch nur deßwegen gekommen, ich war im Weggehn und konnte daher ihr Urtheil nicht abwarten: ich hoffe mit Zuversicht daß Dir hierin Deine Wünsche erfillet werden. – Verzey, daß ich aber Weimar umging, da ich Nierenberg,5 wo ich mich 4 Tage aufhielt, nicht daran geben wollte, so schlug ich eben den nächsten Weg ein. Sage dem guten Preller6 wenn Du nach Hause schreibst, 1000 schöne Grüße von mir, und er hätte nun eben etwas am Besten, daß ich nicht kam, nemlich seinen Kopf, den ich ohne anderes mitgenommen haben würde!! –

 

Ich kann Dir nicht genug sagen wie gerne ich in Dresden war und wie ich da glücklich war im Anblicke so vieler schönen Bildern und wie ich es fühle im Geiste & im Körper daß ich des Schönen Erhabenen & Guten so reichlich genoß; und auf der ganzen Reise und in meinem ganzen Ausbleiben mir nicht im geringsten etwas Widriges begegnete. Gott sey Lob & Dank!!!

 

Ich habe nun in den 9 Tagen die ich wieder bey Hause bin schon das Bildchen der 3 kl Engeln7 übermalt, auch schon an der Cecilia mit der Leyer8 zu übermalen angefangen, dan habe ich noch 2 einzelne Köpfe fertig zu malen & das Bildchen des Magnificat,9 hernach muß ich wieder ein bethendes Jungfräulein10 malen und noch ein ander klein Bildchen. Dann aber weiß ich noch nicht was geschehen wird.

 

Ich hoffe Du wirst mir auch schreiben, wie es Dir geth, und daß Du glücklich bist in dem Lande unserer Wonne. – Grüße mir die Fr: v: Bardeleben,11 und auch die ander lieben Bekannten von mir.

       Ewig Deine dich liebende dankbare Fr: Marie Ellend.

 

 

1 Brief adressiert an: »Meiner lieben Freundin Seidler Durch Freundes Hand«.

2 Robert von Langer (1782-1846), Lehrer der Künstlerin an der Kunstakademie München.

3 Johann Gottlob von Quandt (1787-1859), Kunstschriftsteller und Mäzen.

4 Clara Bianca von Quandt (1790-1862).

5 Nürnberg.

6 Friedrich Preller (1804-1878), Landschaftsmaler aus Weimar, seit 1831 Lehrer an der dortigen Zeichenschule und später deren Direktor. Von ihm stammt eine stimmungsvolle Portraitzeichnung von Marie Ellenrieder (siehe Gedächtnis-Ausstellung Friedrich Preller d. Ä., Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg, Heidelberg 1954, Nr. 58).

7 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 388.

8 Fischer und Blanckenhagen WV 342.

9 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 319.

10 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 206A.

11 Gemeinsam mit Henriette von Bardeleben (1780-1852) war Louise Seidler nach Italien gereist.


 

77         [RM Konstanz, 16]1                                                                                    [Konstanz, 3. Dezember 1832]

 

Hochverehrtester Freund!

 

Wenn ich eben von Ihnen etwas erfahren will; werde ich unser Stillschweigen unterbrechen müßen!

 

Ihr lezter Brief hat mich gar nicht befriedigt, denn er verkündete mir weder Fröhlichkeit noch Glück. Aber seitdem ist man doch in vielen Dingen vernünftiger geworden & ruhhiger: Sind Sie nun glücklicher? – Oder bitte ich Sie wieder vergebens, es doch recht innig zu sein? Niemand könnte es beßer als Sie; ich wünschte wir könnten einmal auf einige Zeit tauschen: da, sollten Sie sehn, wie ich glücklich wäre, wie ich meine Freunde besuchte, wie ich bald da, bald dort, lernend & priffend, arbeitend & ruhend, 1000 Glückseligkeiten in mich tränke! Es ist wirklich Schade daß man dieß nicht für andere thun kann; für mich that ich es; – den, denken Sie nur, ich war in Dresden, und ich kann Ihnen den großen Genuß & die Freude nicht beschreiben, als ich nach so langer Zeit, wieder einmal zur Anschauung so vieler Kunstschätze kam, an Geist & Körper fühlte ich mich gestärkt & erquikt! Die ganze Natur auch, lächelte mich gleichsam an, und fand daher überhaupt Dresden so angenehm, so entzückend schön, daß ich oft wähnte ich wäre in Florenz.

 

Ich hielt mich auch einige Tage bey meiner Freundin Seidler2 in Weimar auf, sah 4 Tage lang das intereßante Nierenberg,3 und endlich war ich noch 11 Tage in München. – Die auffallende Zurücksetzung des verehrungswürdigen Hr: v: Langer4 schmerzte mich aber so tief in der Seele, daß ich da gar nicht froh werden konnte, so außerordentlich auch, des Schönen so vieles zu sehen war.

 

In der Mitte des Augustmonats trat ich meine nördliche Reise an, und den ersten November kam ich wieder nach Hause, zu meinem Guten Vater, den ich krank verließ und krank noch, antraf. Sie werden es vieleicht gehört haben, daß er sich Staaroperieren ließ, und davon so geschwächt wurde, daß er schwerlich mehr zu seinen frühern Kräften gelangen wird. Ich hätte ihn zwar in diesem Zustande nicht verlaßen, allein nachdem ich 2 Monate lang die erste & ärgste Zeit immer dabey war, so wurde eine Entfernung für mich Bedürfniß, und meine gute Schwester Peppi5 & die Dertreys6 verpflegten ihn so gut, daß ich deßfals ganz beruhigend gehen konnte.

 

Und jezt geth es Gott sey Dank immer beßer, nur mit den Kräften geth es natürlich in einem so hohen Alter! sehr langsam. Er ist aber so gedultig & so brav, und wenn er schon ganz blind ist, was er zuvor nicht ganz war, so kömmt über seine Lippen doch nie eine Klage! –

 

Ich arbeite nun wieder recht fleißig, und in Dresden malte ich eine ausgeführte Skitze nach einem großen Bilde von Correggio.7

 

Nun, lieber Freund, erzellen Sie mir bald, wie auch Sie lebten, nur in dieser Hoffnung sage ich Ihnen mein Lebewohl! und meine herzlichsten Grüße, mit welchen ich Sie in Gedanken verehre.

Ihre

 

Constanz den 3ten Dec:                                                                              Freundin & Dienerin

                        1832.                                                                                               Marie Ellenrieder

 

Von den Meinigen alles erdenkliche Schöne & Liebe an Sie.

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:                     

»Seiner Hochwohlgebohren

Freyherr Carl von Röder

Freyburg

im Breisgau«

2 Louise Seidler (1786-1866), Hofmalerin in Weimar.

3 Nürnberg.

4 Robert von Langer (1782-1846), Professor an der Akademie der Künste in München.

5 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

6 Valentine Ellenrieder verh. Detrey (1777-1847), Schwester der Künstlerin.

7 Gemäldegalerie Dresden, Alte Meister, Katalog der ausgestellten Werke, Leipzig 1992, S. 151, Die Madonna des heiligen Franziskus (1514/15), Inv.-Nr. 150.


 

78         [RM Konstanz, 17]1                                                                                         [Konstanz, 27. Januar 1833]

 

Ihr liebes Briefchen, theurster Freund! hat mir ein wahrhaft entzückendes Vergnügen gemacht, und ich hätte es gerne sogleich beantwortet, um meine Freude darüber Ihnen recht anschaulich zu machen! –

 

Das Flüchten aus dem wogenden Strom hat also recht wohlthätig auf Sie gewirkt. Und die Engel des Himmels werden sich gefreut haben, als der friedsamme Geist herannahte, und Wohnung auf dem Lande nahm. Nicht umsonst hatten Sie Sich begeistert gefühlt, es mußte so kommen! und es wird fortan noch immer beßer werden.

 

Doch so erhöbend und schön der Gedanke war, sich selbst ein Tusculum zu bauen, so erfillt es mich dennoch mit Sorgen. – Solche Unternehmungen sind immer 7mal umständlicher als mann sichs forstellt, und um alles mit weiser Klugheit schlichten zu wollen; begegnet mann 1000 Verdrießlichkeiten.

 

Doch wenn es beschloßen ist, so hoffe ich zu Gott, daß Er es Ihnen zur Freude und zum Frieden gelingen läßt. Eines könnte ich Ihnen indeß noch rathen, daß Sie, noch ehe Sie den Bau beginnen, bey meiner Schwester Pepi2 Erfahrungen holen sollten, denn sie war die eigentliche Bau Directerin unsers neuen Hauses; und da Sie nun mit einer neuen Wintergarderobe versehen sind, so dürften Sie ja die kalte Jahreszeit nicht scheuen. Kommen Sie!!

 

Ich komme dan auch zu Ihnen, wenn ich im Frühjahr nach Carlsruhe gehe, und über Offenburg reise; da, werde ich Sie dann in großer Thätigkeit finden, und Ihnen recht im Weg herum gehen! –

 

Von der Strafpredigt ist Ihnen doch noch etwas auf der Zunge geblieben, sonst hätten Sie mich nicht gezankt, daß ich Dresden mit Florenz verglich, ich meinte ja nur die Stadt nicht das Land! obwohl aber auch der Norden seine Schönheiten hat, und ganz vorzüglich prangen da hochstammige üppige Bäume, die nicht wennig die Begeisterung hervorrufen können. Aber wahr ists – wie in Italien, so athmet sichs niergends!!! und meine Sehnsucht dahin wacht bey jedem Wörtchen davon auf!

 

Freylich habe ich in München auch Künstler gefunden die ich in Italien sah; allein ich sah sie nur flüchtig, den um alles in München zu sehen was früher da war, und was später hinzu kam & gefertigt wurde, da, ward mir überall die Zeit zu kurtz und da ich bey Hr: v: Langers3 in Haidhausen4 wohnte (die sich Ihrer auch angelegentlichst erkundigten) damit verlohr ich schon einen großen Theil der Zeit. Mein Aufenthalt war also mit vieler Mühseligkeit verbunden, und der Nutzen nicht groß, so wie auch der Genuß; den wen man in den Anschauungen nicht mit Ruhe sein Gemüth sammeln kann, so verwildert ordentlich das Herz und ich brachte dieß erst auf dem Weege wieder in die Ordnung: und nun denke ich am liebsten an mein süßes Dresden zurück! wo ich so stille, so ganz für mich und die Kunst lebte, und Gott liebte, und in Ihm glücklich war.

 

Nun habe ich Ihnen nichts von dem was ich arbeite geschrieben; Sie haben mir aber auch gar nichts von dem was Sie malten geschrieben, und so unterlaße ich es dießmal gerade auch; denn da Sie doch zu unserer Zunft gehören, so darf ich also auch thun, was Sie thun!

 

Sie haben aber im Ernst nichts verlohren, den es sind nur kleinere Gegenstände, und die sehen Sie dan, wenn Sie bey der Pepi Rath holen! –

 

O! dan sehe ich den Bauplan, und höre Sie begeisternd davon sprechen, als wäre das Ganze schon fertig. Amen!

Ihre

Constanz den 27ten Jenner                                         treue Freundin

                                   1833                                                                       Marie Ellenrieder.

 

Mein Vater der sich sehr über Ihre Grüße freute erwidert sie Schönstens, so wie die Peppi. Es geth Gott sey Dank! immer etwas beßer.

 

1 »Seiner Hochwohlgebohren Freyherrn Carl von Röder in Diersburg bey Offenburg«

2 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

3 Robert von Langer (1782-1846), seit 1806 Professor an der Akademie der Künste in München, versah von 1820 an nur noch die Stelle eines Generalsekretärs der Akademie und wurde 1827 Direktor des königlichen Kabinetts der Handzeichnungen.

4 Haidhausen, heute Stadtteil von München.


 

79         [StA Coburg, LA A 8775]1                                                                               [Karlsruhe, 30. Juli 1833]

 

Um nach Griesbach2 einen Bericht abzustatten, wende ich mich an Sie geliebteste Prinzeßin Allexandrine!

 

Bald nachdem Sie abgereist waren, begann ich den Carton von den theuren Porträtten3; und sieh da! wer sollte es glauben; die kleinen Prinzen so jung und lebhaft sie sind, saßen und standen mir gerne! und es klagte Keiner daß ich ihn ermüde, ich wechselte aber auch schnell mit dem Einen & dem Andern, und so wurde den auch der Kleinste gebracht, der war den freylich der lebhafteste, bis wir erfuhren daß er morgens 8 Uhr auch eine Art liebenswürdige Ruhe ausüben konnte, und somit ist nun der Carton bis auf die 2 Hauptfiguren vollendet. – Heute war ich zum lezten mal im Schloß, und ich habe nun keine andere Sehnsucht als daß Sie bald kommen möchten!

 

Seine Königliche Hoheit der Großherzog4 waren 2 mal da und bezeugten mir Zufriedenheit über diese Arbeit welches mich sehr freute; ich bin daher im Begriffe mich wegen der Leinwand umzusehen.

 

Ich bitte Sie also Ihrer Königlichen Hoheit der theursten Frau Großherzogin5 mich ehrfurchtsvoll zu Füßen zu legen und Ihr meinen Bericht kund zu thun.

 

Bis auf Ihre freudige Ankunft also, sende ich Ihnen nur noch mein herzlichstes innigstes Lebewohl zu.

      In threuer Liebe

         Ihre

Carlsruhe den 30ten Juli

1833.

        gehorsamste Dienerin

                 Marie Ellenrieder.

                                                                                 Marie Ellenrieder Brief Alexandrine

 

1 Brief ohne Adresse an Alexandrine Prinzessin von Baden (1820-1904).

2 Bad Griesbach, Kurort im Mittleren Schwarzwald.

3 Fischer und Blanckenhagen WV 10a.

4 Leopold von Baden (1790-1852), seit 1830 Großherzog von Baden.

5 Sophie Großherzogin von Baden (1801-1865).

 

 

80         [HAB Wolfenbüttel, Briefs. Vieweg Nr. 406]1                                             [Karlsruhe, 27. August 1833]

 

            Es war mir sehr angenehm, daß Sie das Bildchen so freundlich aufnahmen und es die Ehre empfing bey Ihnen als Eigenthum bleiben zu können. –

 

Ich weiß nicht ob ich es Ihnen damals berichtet habe, daß ich es nach einem Studium nach der Natur malte, welches ich in ein großes Altarbild brauchte. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin, wo ich eine ausgeführte Skitze davon habe, sende ich Ihnen dan eine Durchzeichnung: es stellt den Tod des heiligen Steffanus vor,2 und dieß 12 jährige Mädchen sieht kniehend an ihm hinauf und bejammert mit mehreren Andern den Verlust des ersten Glaubenshelden.

 

Leben Sie wohl! und lieben Sie fortan die Kunst, die, wie ich beynahe glaube das Edelste ist, was man lieben kan von den Zeitlichen Gütern.

 

Darf ich bitten auch den übrigen Herrn mich dankbarst zu empfehlen.

 

Mit besonderer Verehrung

 

Ihre

 

Carlruh den 27ten August                                                                    ergebenste Dienerin

                                   1833.                                                                    Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:                                

»Seiner Hochwohlgebohren

Herrn Carl von Marées in

Braunschweig

Durch Einschluß«

Carl de Marées (1793-1865), Faktor der Filiale der Porzellanmanufaktur Fürstenberg in Braunschweig.

2 Fischer und Blanckenhagen WV 367.

 

 

81         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                   [Karlsruhe, 31. Dezember 1833]

 

Lieber Freund!

 

Herr von Porbeck,2 ein liebenswürdiger sehr geachteter junger Mann, hier am Hofe, der begeistert für alles Schöne und Gute mir seine entzükende Freude über das Glück Rom zu sehen äußerte; Dem dachte ich recht freundliche Grüße an Sie mitzugeben, sie werden zwar etwas alt sein: aber nicht von Ihnen verschmäth werden wenn ich Ihnen sage, daß ich in den lezten Stunden dieses (mir in vielen Dingen) glücklichen Jahres schrieb. – So empfangen Sie es den mit den besten Glückswünschen zum neuen Jahre. – Alles was Gott oft seinen Lieblingen in ihr Herz gießt, daß lenke er tief in Ihre Seele, es sey Friede & Freude & heilige Begeisterung! Diese 3 Gaben in Santa Roma! ist wahrlich ein großes Gut, besonders wenn noch so viel äußere Vortheile hinzukommen wie es bey Ihnen der Fall ist. Dafür haben Sie aber auch so manches Herz erfreut und so manches Gemüth erbaut und angefeurt; und das thun Sie auch gewiß diesem freundlichen Fremdling der jezt vor Ihren Augen steth. – Ach daß ich es selbst wäre! Doch jezt liegt in dieser Unmöglichkeit Trost: aber als Sie hier durchreisten, und ich Ihr Billiet fand, und bis Abends 9 Uhr in allen Gasthöfen nach Ihnen fragen ließ, und am Ende die Bottschaft bekam daß Sie schon um 4 Uhr zum Thore hinaus fuhren, das that mir weh!3 – Wenn Sie nur auch das Fräulein gebethen hätten, daß Sie Ihnen mein Mahlzimmer gezeigt hätte, ich malte doch noch nie so etwas Schlechtes daß nicht auch einen Schritt wäre werth gewesen; und das was war wirklich krausamm daß Sie auf Ihre Carte nicht schrieben wo Sie abstiegen, ich hoffe daß Sie für diese ingiuria Buße thun werden. – Ich habe es jezt außerordentlich angenehm, ich eße mit den Kindern und werde mit ihnen öfters zur großen Tafel eingeladen, au[ch]4 das Christfest brachte mir reiche Geschenke.

 

Leben Sie nun wohl! Gott sey mit Ihnen und uns Allen, daß Keines verlohren gehe.

 

Meine jüngste Composition ist, die Malerin, die Poesie, & die Mußigung5 in 3 weiblichen Figuren traulich zusammen gesezt, und Gott sey Dank ich glaube daß es Ihnen gefallen würde.

 

Ihre

Carlsruh den 31ten Dec: 1833.                                                               treue Freundin Marie Ellenrieder

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Friedrich von Porbeck (1802-1867), aus Marburg stammender Adliger, der im badischen Militärdienst bis zum Generalleutnant aufstieg.

3 Laut Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 243 ff. unternahm August Kestner im August 1833 eine Verwandtenreise nach Hannover und Thann. An Bunsen schreibt er in einem Brief, dass er »in Mainz abends am 22. d. Monats angekommen« sei. »Ich konnte es nicht übers Herz bringen, meiner teuren Ellenrieder vorbeizugehen und machte einen Umweg über Konstanz und Karlsruhe. In Karlsruhe kam ich morgens um vier Uhr an, und schon um sieben Uhr fand ich diese seltne Sterbliche unter ihren schönen Bildern, und bis zehn Uhr blieb ich teils bei ihr, teils ward ich durch die Stadt von ihr begleitet, insbesonderheit zu ihrem in der Staphanskirche schön gestellten Altarbilde.« Offensichtlich hatte Kestner im Oktober d. J. auf der Rückreise von Hannover nach Thann im Elsaß nochmals in Karlsruhe Station gemacht, Marie Ellenrieder aber nicht angetroffen.

4 Text in der Klammer ergänzt.

5 Elisabeth von Gleichenstein und Karin Stober (Hrsg.), »… und hat als Weib unglaubliches Talent« Angelika Kauffmann (1741-1807) Marie Ellenrieder (1791-1863), Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz 1992, Nr. 76, S. 233.

 

 

82         [Monacensia, München]1                                                                          [Karlsruhe, 9. Januar 1834]

 

            Erlauben Sie mir hochverehrter Herr von Vogel! daß ich mich an Sie wende um eine Antwort wegen meiner Cecilia2 erhalten: Herr von Ungern Sternberg3 welcher leider immer an den Augen leidet schob es gewiß nur deswegen auf; oder er hat meine 2 lezten Briefe nicht erhalten. Ich bath ihn das Bild in seinen Schutz zu nehmen, und wenn es keinen Käufer fände so möchte er es gefälligst an Börner in Leipzig4 attreßieren möchten Sie also deßfals gütigst nachfragen, und mich nicht lange ohne Antwort laßen.

 

Sie und Ihr liebes Söhnlein werden hoffendlich immer wohl gewesen sein, und Sie Ihre große Madonna glücklich vollendet haben?

 

Ich bin mit aller Verehrung & Dankbarkeit

Ihre

den 9ten Jenner

1834.                                                                                              ergebenste Marie Ellenrie-

                     der. (gr: bad: Hofmalerin

                                                 jezt in Carlsruhe)

 

Sie werden mir es hoffendlich nicht übel nehmen und mich der Zudringlichkeit beschuldigen: wir hatten seit einigen Jahren so viel Unglück in unser Familie, daß ich für einen Verlust nicht gleichgiltig sein darf.

 

 

1 Brief an Carl Christian von Vogel (1788-1868), Hofmaler in Dresden und seit 1820 Professor an der Dresdner Kunstakademie.

2 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 342.

3 Freiherr von Ungern-Sternberg, Geheimrat, Kunstkenner und -förderer in Dresden.

4 Karl Gustav Börner (1790-1855), Maler und Kunstkommissionär in Leipzig.

 

 

83         [RM Konstanz, 18]1                                                                                 [Karlsruhe, 25. Januar 1834]

 

Theurster Freund!


Ellenrieder001.jpg1000mal um Vergebung bittend erscheint hier endlich die saumselige Korespondentin! – Noch ehe ich Ihr liebes Briefchen erhielt erfuhr ich daß Sie unwohl waren welches mich herzlich betrübte. – Die Fal Wipper. Man kam nicht selbst zu mir, sondern sannte mir das Sacktuch: ich sage Ihnen dieß im Anfange, daß Sie es sogleich wißen, daß nichts auf Ihrem Gewißen lastet. –

 

Jezt, was soll ich Ihnen noch weiters über dieß und anders beruhigendes erzellen? Alles was aus der Residenzstadt kömmt wird Sie verdrießen! Und wenn ich Ihnen sage daß man sogar in der Residenz selbst leben kann wie in Diersburg, werden Sie mir nicht glauben! –

 

Ellenrieder_Marie_002.jpgWer wird nun schreiben können wie es Ihnen gefällt? – ! Selbst das thörichte Lämpchen würde umsonst bitten! Ich will mich aber schon rächen wenn ich komme nach Diersburg!

 

Sobald werde ich aber leider nicht reisen können, denn, so unabläßig ich auch fleißig war, will das Bild2 seiner Vollendung noch nicht nahe scheinen; obwohl es seit Weinnachten einen zimmlichen Schritt vorwärts gethan hat, und gewiß wären Sie mit dem Eichbaum zufrieden, deßen beßere Anordnung ich Ihnen verdanken. Und in Hinsicht der Ähnlichkeit ist man beynahe zufrieden, nur hat noch nicht alles seine völlige Rundung auch fehlt in Hinsicht der Ausführung noch Vieles: Denn – bis ich überall die Engels=Seele hinein bringe! die vom Augenstern an bis an die äußerste Spitze des Haupthahrs schimmernd gleichsamm das Ganze überstrahlt! das ist eine schwer Aufgabe; sie ist aber da, und will erfaßt werden. – Denn was giebt es wohl heiligeres als die Unschuld im kindlichen Alter: – Und wie erhaben ist nicht der Kopf der Frau Großherzogin! – Trotz dem Allem aber sehne ich mich nach meinen Andachtsbildern, und was man mir auch anböthe (wo es mir nicht der Gehorsam befiehlt) nimmer nehme ich eines mehr an! Täglich wird noch gefragt! Da kann man sehen – worinn die Kunstliebe besteht!!! Mich macht dieß jedesmal von Herzen traurig.

 

Ich denke bis Ende Februar oder Anfangs Merz bin ich noch hier: es beunruhigt mich dieß ein wenig wegen dem guten Vater, der zwar wieder recht wohl ist, aber unlängst zeigte sich wieder eine Lähmung auf der Zunge und mehr Schwäche in den Beinen.

 

Sonst wäre ich ganz außerordentlich gern hier, so – wie ich es jezt habe, seitdem die Kinder hier sind, habe ich alles mit ihnen gemein, und wo sie ein Fest mithalten derfen, bin ich auch dabey: ich genieße wahrhaftig Elterliche Liebe & Sorgfalt: und die Kinder sind so wohl erzogen, so freundlich und so fröhlich, daß man nicht anders als glücklich sein kann, wer um sie sein darf.

 

Aus der Stadt habe ich mir die Besuche bis später ausgebethen; und von Hof kömmt nie Eines; ich weiß die Ursache hievon nicht – frage auch nicht; und somit bin ich da ungestörter als wahrhaftig in Constanz!

 

Ellenrieder_Marie_002.jpgGlauben Sie mir jezt, oder glauben Sie mir nicht? – !

 

Leben Sie nun wohl! und wünschen Sie sich ja keine tiefere Einsamkeit: Sie sehen daß die Einsamkeit auch unter Tausenden genoßen werden kann.

Adio mio carissimo amico!

Mit 1000 Grüßen

Ihre

Carlsruhe                                                                                      Freundin

den 25ten Jenner                                                                                    Marie Ellenrieder

                        1834.

Noch muß ich Ihnen sagen, daß der Geist des Apelles mir den Funkelnden Edelstein nicht raubt wohl aber machte ich Stad mit ihm, daß aller Augen sich nach ihm [wan]dten.

 

 

1 »Seiner Hochwohlgebohren Freyherrn Carl von Röder in Diersburg bey Offenburg.«

2 Sophie Großherzogin von Baden mit ihren Kindern (siehe Fischer und Blanckenhagen WV 10).

 

 

84         [RM Konstanz, 19]1                                                                                   [Offenburg, 24. Februar 1834]

 

Liebster Freund!

 

Ich bin auf dem Wege nach Hause aber leider auf eine traurige Weise, mein lieber Vater2 ist tödlich krank und hat nach mir verlangt, die Fr: Großherzogin3 erlaubte mir also ihn unverzüglich zu besuchen; in Zeit 3. 4. Wochen kehre ich aber wieder zurück, um das Bild4 zu vollenden. Mein Besuch bey Ihnen wird also um vieles später sein.

 

Gott gebe daß sich der gute Vater wieder erholt, an dem Tage, an dem die Pepi5 mir schrieb; schien die Gefahr vorüber zu sein.

 

Leben Sie wohl, und empfangen Sie meine herzlichsten Grüße 1000mal.

 

Ihre

Offenburg den 24ten                                                                                   Freundin

Februar 1834.                                                                                    Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

                                                »Sr: Hochwohlgebohren

Freyherrn Carl v: Röder in

Diersburg

bey Offenburg«

2 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

3 Sophie Großherzogin von Baden (1801-1865).

4 Wohl Fischer und Blanckenhagen WV 10.

5 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

 

 

85         [RM Konstanz, 20]1                                                                                     [Offenburg, 10. März 1834]

 

Da mein guter Vater2 von seinem tödlichen Anfalle sich sehr erholt hat Gott sey Dank! bin ich nun wieder auf meinem Rückwege und ich danke Ihnen nun für Ihr freundschaftliches Briefchen; und wenn der liebe Gott meine Arbeit segnet komme ich in Zeit 6 Wochen oder höchstens 2 Monate wieder zurük: dan geths nach Diersburg und da wollen wir uns unsere gegenseitigen Leiden erzellen; aber auch unsere Freuden und wills Gott glücklich sein, Amen!

 

Mit treuer Liebe & Verehrung

Ihre

 

Offenburg den 10ten März                                                                           Freundin

                                                                                                                     Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:                     

»Seiner Hochwohlgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in

Diersburg

bey Offenburg«

2 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

 

 

86         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                              [ohne Ort, 7. Mai 1834]2

 

Lieber Herr Kestner!

 

Schenken Sie mir heute die lezten 3 Stündchen Ihres Aufenthalts; bis dahin besorge ich Dan die Verpackungen meiner Kisten die Morgen abgehn müßen. 

Ich erwarte Sie also bis 11 Uhr, da gehen wir noch viele meiner Zeichnungen durch, um 12 Uhr eßen wir dan miteinander Zu Mittag und somit können Sie dan in aller Ruhe die Zeit Ihrer Abreise bey mir abwarten.

 

Ich freue mich sehr, wenn es Ihnen so recht ist.

Ich grüße Sie herzlichst 1000mal!

 

den 7ten Mai.                                                                                                         Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse, Ort und Jahr an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Von fremder Hand 1834 datiert, in diesem Fall müsste die Nachricht in Karlsruhe geschrieben worden sein, weil die Künstlerin in den Jahren 1833 und 1834 in Karlsruhe weilte, um einen Auftrag für den großherzoglichen Hof auszuführen (Fischer und Blanckenhagen WV 10). Diese Jahreszahl scheint aber fraglich zu sein, denn laut Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit 1777-1853, Hannover 1964, S. 261 ff. war August Kestner in den Jahren 1834 bis 1836 ausschließlich in Italien.

 

 

87         [RM Konstanz, 21]1                                                                                   [Karlsruhe, 15. Mai 1834]

 

Lieber Freund!

 

Sie sehen aus den Inlagen, daß es nicht Gottes Wille zu sein scheint, daß ich Sie in Diersburg besuche. Die lezten Nachrichten waren so betrübend, daß ich nichts anderes erwartete als die Todes Nachricht;2 nun aber ersehen Sie, daß er sich abermals, – nicht erholt, aber mir doch Hoffnung läßt ihn anzutreffen, wer wollte hier säumen! Ich habe zwar noch viel zu thun, aber ich kan es doch möglich machen am Sonntag von hier abzureisen: da wäre ich Montags in Offenburg über Mittag; – wenn das Wetter schön wäre & Sie abkommen könnten, wie sehr würde mich dieß freuen!!!

 

Ich grüße Sie jedenfals herzlich & mein

Geist wird Ihnen nahe sein.

 

Carlsruhe den 15ten Mai

                                                                                                                            Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Jahreszahl adressiert an:

»Seiner Hochwohlgebohren

Freyherrn Carl von Röder

Diersburg

bey Offenburg«

Die Jahreszahl geht aus dem Postaufgabestempel von Karlsruhe eindeutig hervor.

2 Die Rede ist vom Vater der Künstlerin, Konrad Ellenrieder, der am 3. Juni 1834 90jährig verstarb.

 

 

88         [RM Konstanz, 22]1                                                                                        [Konstanz, 6. Juni 1834]

 

Theurster Freund!

 

Am 3ten Juni entschlief mein guter Vater,2 Gott dem Herrn. – Noch vieles hat er leiden müßen, indem er gegen schmerzliche Krämpfe auf der Brust zu kämpfen hatte; gegen die kein Mittel erdenkbar wurde; ruhiger war es noch als ich ankam, und er konnte sich noch herzlich freuen, bald aber fingen diese Leiden wieder an und hörten nicht mehr auf; – Er klagte aber nie, und seiner Frömigkeit & Ergebung blieb er treu, so wie auch sein Verstand ihm treu blieb bis zum lezten Augenblick der ruhig & sanft war! Wie groß unser Mitleiden sein mußte können Sie sich gewiß denken. Und wie er uns lieb war, und wie schwer der Schmerz der Trennung uns fällt; das mögen Sie gewiß auch mit empfinden. –

 

Wir waren Alle beyeinander; und Keines aus uns hat sich einen Vorwurff zu machen; und Sie sehen nun daß meine Eile gut war, und ich so ganz früh genug ankam. Gott sei Dank! – Meine gute Schwester Pepi3 traf ich aber auch krank an, doch wurde es wieder beßer; aber ihre Gesundheit hat sehr gelitten, und ich kam eben auch nicht gar stark zurück, wir sehen beide aus wie Geister, und wir werden wahrscheinlich nach Wisbaden4 im Appenzell gehn. Dieser war es gar zu leid, daß wir uns nicht in Diersburg sahen, und, sogar nicht einmal in Offenburg. Und denken Sie mein Brief wäre gewiß zur rechten Zeit noch in Ihre Hände gekommen, lieg er nicht 1 ½ Tag vergeßen auf meinem Zimmer: Ich hatte in Carlsruh noch so viel zu thun & zu besorgen! –

 

Das Bild5 fiel aber Gott sey Dank zur Zufriedenheit aus: und der Großherzog gab mir einen erfreulichen Beweis davon indem er mir die große Madonna mit dem Triumpfbogen6 bestellte. Und daß ich es gut & schön hatte wißen Sie auch, und zu diesem wird mir die Fr: Großherzogin 100 Louid’ors anweisen laßen.

 

Ich danke Ihnen herzlichst für Ihren theuren Brief vom 22ten Mai: Er machte mir das schöne Leben daß ich um Sie gehabt hätte recht anschaulich, und gewiß wären wir recht glücklich gewesen!

 

Und wir sprachen nun auch nichts mehr weiter von Einem Bilde des H: Carls Boromeus,7 und sah ihre Kirche nicht. Sah das liebe Dirsburg nicht wo Sie sich nun treuer als früher es geschah aufhalten werden, weil Sie Ihrem Ehrwürdigen Veter das Familien Geschäft abnahmen. Durch dieses bleibt mir gar so schlechte Hoffnung für die Zukunft! Gewiß kommen Sie nimmermehr an den Bodensee; und mir scheint der Hr von Röder8 den ich zu sehen das Vergnügen hatte hätte noch lange die Besorgniße verwalten können.

 

Sie werden noch ganz das Opfer ihrer Güte! Freilich mag dieß doch viel zu Ihrer inneren Zufriedenheit beytragen, und ich denke mir Ihr Leben eigendlich doch schön.

 

Meine Schwester, und meine übrigen Angehörigen danken Ihnen für Ihre zärtliche Theilnahme, und empfehlen sich Ihnen schönstens, die Marie Detrey9 verehrt Sie auch sehr. Ich will jezt enden, ich kann Ihnen doch nichts recht im Zusammenhange sagen; den vom Mitleid und Schmerz noch zu sehr angegriffen; kann ich nur im Gebethe und im Danke gegen Gott meine Ruhe finden.

 

Schreiben Sie mir dießfals auch nicht, um uns zu trösten; den groß ist unser Trost und heilig das Andenken an den Theuren! Der, in seinem ganzen Leben nie einen Menschen betrübte, Gottesfürchtig wandelte, und in Allem das schönste Beyspiel gab.

 

Gott wird sein Lohn sein, unsere Thränen fließen ihm nach; Er hat sie um uns verdienet und noch viel anderes mehr. – Nemlich ein Wandel ohne Tadel und eine Frömmigkeit die uns Gott & den Menschen lieb macht, wie es bey ihm der Fall war. Der Frieden Gottes prägte sich noch nach dem Tode auf seinem Gesichte ab – Er sah so lieblich aus! – und hätten wir ihn nur noch recht lange so behalten können; allein gestern wurde er beerdigt und heute das heiligst Opfer für ihn abgehalten. Aus sind jezt viele Freuden! – Leer ist unser Haus ohne den ehrwürdigen Greisen! – ! Traur in unsern Herzen!

 

Ich danke Ihnen zum Voraus für Ihr frommes Andenken daß Sie dem Seligen weihen.

 

Ihre

den 6ten Juni 34.                                                                                                           Frdinn Marie

                                                                                                                                             Ellenrieder.

 

                                                                                                                                            

1 Brief mit folgender Adresse:

»Seiner Hochwohlgebohren

Freyherrn Karl C. von Röder

in

Diersburg

bey Offenburg«

2 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

3 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

4 Weissbad im Kanton Appenzell. Seit 1790 befindet sich dort eine Molkenkuranstalt.

5 Sophie Großherzogin von Baden mit ihren Kindern (Fischer und Blanckenhagen WV 10).

6 Fischer und Blanckenhagen WV 330.

7 Fischer und Blanckenhagen WV 355.

8 Philipp Friedrich Freiherr von Röder (1771-1846), Großherzoglich Badischer Kammerherr.

9 Anna Maria Detrey (geb. 1807), Nichte und Patenkind der Künstlerin.

 

 

89         [GSA 52/I,3.4]1                                                                                              [Konstanz, Sommer 1834]

 

            Auf das freundliche Anerbiethen der Fr: v: Helldorf2 übersende ich Ihnen hier ein paar Worte des herzlichsten Dankes für Ihr liebes Briefchen vom 22ten Aprill. Es traf mich noch in Karlsruh, Mitte Mai kehrte ich aber nach Hause, um dem lieben Vater meine lezten Dienste noch erweisen zu können, den sichtbar neigte die Sonne seines Lebens sich und am 3ten Juni verschied er wirklich dem Herrn, nachdem er uns Allen ein Beispiel der Ergebung und der Frömigkeit war –. Unsern Schmerz war groß und noch sind wir stetz betrübten Herzens um ihn – und werden dieß mitunter auch bleiben, den zu sehr hat das Mitleid wegen seinen lezten & schmerzvollen elenden Jahren unsere Herzen durchdrungen! – Und wie innig fühlt mann es wen die Eltern gestorben, man die besten Freunde nicht mehr hat!

 

Ich war gesinnt mit meiner Schwester Pepi3 nach Oberitalien zu reisen; aber es hat sich für diesen Herbst nun unmöglich gemacht; dafür hoffe ich könnte es im Frühling geschehn. Wir leben indeßen nicht unangenehm, und nicht alleine, sondern umgeben von lauter Guten und liebens=würdigen Menschen; wir theilten unsere untere Wohnung mit einem jungen Hr: v: Bouhl4 und seinen 2 Schwestern, Kinder, die ebenfals ihre Eltern verlohren, und diese eßen auch bei uns, und in der obern Wohnung haben wir eine sehr liebenswürdige Frau mit Ihrem Mann: es ist nun so lebhaft bei uns: auch Pferd & Wagen & einen Bedienten: kein Winkelchen ist mehr unbenützt in unserem lieblichen Hause.

 

Ich bin also entschloßen den Winter da zu bleiben und die lebensgroße Madonna (wovon Sie wie ich glaube den Carton gesehen haben)5 zu malen, wen Gott mir Gesundheit schenkt. Der Großherzog hat sie mir bestellt.

 

Im Juli war ich mit meiner Schwester im Apenzeller Weisbad6 wo wir eine vollständige Molkenkur gebrauchten, und in dortigen großartigen Bergen & Thälern viele Freuden hatten.

 

Für Ihr freundschaftliches Anerbiethen wegen dem Bilde der Cecilia7 danke ich Ihnen herzlichst: Ich werde keinen Gebrauch davon machen; den es thäte mir leid wen Sie zu einem Bilde kommen müßten, dem das Unglück auferlegt zu sein scheint; denn denken Sie, ich sannte sie nach Paris noch zur rechten Zeit dachte aber sie erst um die Aufnahme zu Ausstellung zu empfehlen, wan ich werde die Madonna hinein schicken, die damals zum lithografieren in München war;8 von wo ich sie lange vergebens erwartete, endlich kam sie und ich hatte die Hoffnung daß sie ihr Ziel noch erreichen würde, aber sieh da! 4 Tage kam sie zu speth, das Reglement war geschloßen & unter keiner Verwendung wurde es mehr angenommen und so mit war auch die Angabe der Cecilia verspäthet weil ich dieß zusammen besorgen wollte.

 

Sie stehen nun beide im Schutze der badischen Gesanntschaft wo sie bis zur künftigen Ausstellung bleiben werden.9

 

Im Anfange hat dieß mich sehr geärgert & betrübt; doch jezt bin ich vollkommen beruhigt; und ich hatte schon zu viel Glück als daß ich über diesen einzigen Vorfall klägen möchte.

 

Denken Sie mich ja nicht anders als glücklich & zufrieden; ich gehe stetz meinen Weg und bin immer so fleißig wie möglich, und wenn ich auch mitunter gestört werde, denke ich − Sie hättens noch viel ärger, ich bedaure sohin Sie mehr als mich selbst.

 

Neues habe ich außer ein paar bethenden Kinder10 nichts componiert und noch habe ich jenne kleinern Bilder die Sie bey mir angefangen sahen nicht alle vollendet weil mich in Carlsruh das Bilde bey Hof zu sehr in Anspruch nahm,11 es fiel aber ganz zur Zufriedenheit aus, Gott sey Dank, und ich wurde da bezahlt & beschenkt, liebvoll & fürstlich.

 

                                                                                              Gott sey mit uns!!!

                                                                                                          Ihre Frd Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

»A Monsieur

Monsieur August Kestner chargé

daffaire de Sa M : Britannique Roi dHanovre

Rome

Palazo Tomati Strada Gregoriana«.                        

2 Wohl Pauline von Helldorf (1806-1874), geb. Spiegel von und zu Pickelsheim, heiratete 1829 den preußischen Kammerherrn Karl Heinrich von Helldorf (vergl. dazu das Doppelbildnis der Geschwister Spiegel von Louise Seidler um 1829; Bärbel Kovalevski, Louise Seidler 1786-1866, Goethes geschätzte Malerin, Berlin 2006, S. 409).

3 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

4 Gebhard von Bouhl (vergl. Dominik Gügel, Joseph Freiherr von Lassberg und sein Konstanzer Umfeld, in: Joseph von Lassberg – des letzten Ritters Bibliothek. Ausstellung im Bodman-Haus, Gottlieben, 2001).

5 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 330, eine Madonna, die in den Besitz der Wessenberg-Galerie in Konstanz gelangte.

6 Weissbad im Kanton Appenzell. Seit 1790 befindet sich dort eine Molkenkuranstalt (vergleiche auch Fischer und Blanckenhagen WV 272 und 447).

7 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

8 Vereinsblatt von 1833, eine Lithographie der »Maria mit dem Jesusknaben an der Hand« von Valentin Schertle, welche der Badische Kunstverein in Karlsruhe seinen Mitgliedern als Jahresgabe zum Geschenk machte (vergleiche Edwin Fecker, Vervielfältigungen nach Werken von Marie Ellenrieder, in: Tobias Engelsing und Barbara Stark (Hrsg.), Einfach himmlisch! Die Malerin Marie Ellenrieder 1791-1863, Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz und Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz 2013, Stuttgart 2013, S. 140).

9 Mit den beiden Gemälden war die Künstlerin 1835 am Salon der Königlichen Akademie in Paris beteiligt (Livret du Salon Nr. 710 und 711). Gleichzeitig stellte dort auch ihre Freundin Katharina Grassis de Predl ein Gemälde aus (Livret du Salon Nr. 984, Horst W. Janson (Hrsg.), Catalogues of the Paris Salon 1673 to 1881, New York 1977).

10 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

11 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 10.

 

 

90         [GLA S Rosenberg, 674,2]1                                                                       [Konstanz, 6. November 1834]

 

Verehrter Herr!

 

Als ich zu seiner Zeit Ihren Brief erhielt, war ich beabsichtigt ihn sogleich zu beantworten, und ich glaubte immer daß es geschehn war; allein vor wenig Tagen fand ich ihn bey meinen unbeantworteten Briefen und da ich wirklich nie einen Bericht bekam daß die Zeichnung in Carlsruhe angekommen wäre, so glaube ich nun überzeugt zu sein, daß ich Ihnen wirklich nicht schrieb. –

 

Es thut mir leid Ihnen anzeigen zu müßen, daß die Zeichnung nicht mehr mein ist sondern nach Carlsruhe abgeschickt werden sollte; ich bitte Sie daher dieß gefälligst besorgen zu laßen, mit der Addreße (an Hr: Anton Bilger Hofvergolder)2.

 

Was Sie mir übrigens von Ihrer schönen Ausstellung schreiben hat mich herzlich erfreut; es ist nur schade daß ich so weit von Ihnen entfernt bin, da ich Ihnen hie & da Zeichnungen wie die Lezte war zuschicken könnte.

 

Jezt bin ich an einer lebensgroßen Madonna mit dem Kinde und zwei Engel, (ganze Figur)3 Ein Auftrag, der mir viele Freude macht.

 

Hochachtungsvoll Sie grüßend.

 

Konstanz den 6ten Nov: 34.                                                                                               Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

»Herrn P. Piton Buchhändler,

  Konservator der Gemälde des Kunstvereines

Judengaße Nr: 8

Straßbourg«

2 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 354, ein weiteres Bild, das Hofvergolder Anton Bilger erwarb.

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 330.

 

 

91         [RM Konstanz, 23]1                                                                               Konst. den 12.ten Nov: [18]34

 

Liebster Freund!

 

Es war immer so sehr mein Vohrhaben Ihnen zu schreiben, daß ich öffters glaubte es schon gethan zu haben; denn so freundlich war ihr liebes Briefchen, Ihre Theilnahme und Ihre Anfrage wie es uns Beiden geth! – Und wie herzlich erfreute mich die Nachricht Ihres angenehmen Lebens & Ihres Friedens auf dem Lande: es ist auch recht brav daß Sie es erkennen wie gut Sie es haben, wehrend andere sich in der Welt und ihren Plagen abmüden müßen. Gott Lob, wenn Sie doch nur recht glücklich sind, niemand auf der Erde verdient es beßer als Sie! Ich war oft böse, wenn Sie so eigensinnig behaupten wollten Sie wären nicht glücklich. Nur eines thut mir leid, daß wenn Sie so gerne in Diersburg sind, Sie nicht mehr zu uns kommen werden; denn ich bin nicht zufrieden mit meinem festen Vorsatz Sie in Diersburg zu sehen; ich möchte Sie auch wieder einmal im Anblick unsers theuschen Meeres begrüßen! –

 

Sie wißen daß es meine Absicht war nach Italien zu gehn, als wir aber von unser Molkenkur nach Hause kamen, zeigten sich zu viele Hinterniße, und da ich nicht ohne meine Schwester reisen wollte Entschloß ich mich also über den Winter in Konstanz zu bleiben, und getrost an meiner Madonna2 anzufangen; Dieses Bild wird aber viel schwerer sein als ich mirs vorstellte, den davon zeugt meine gemalte Skitze mit der ich mich noch nie ganz befreundete, und ich werde auch an dem Bilde nicht eher anfangen als bis ich vollkommen damit zufrieden sein kann. Ist diese aber einmal im Reinen dann läßt sich hoffen daß es im Großen dan schnell vorwärts geht.

 

Meine Schwester lebt recht thätig, und zweckmäßig, sie übernahm nemlich einen jungen Hr: von Bouhl3 mit seinen 2 Schwestern in Kost & Logie, und da diese alle 3 sehr liebenswürdig sind so ist es ein sehr angenehmes Verhältniß für uns alle, denn so, in einem stillen Hause wollte Hr: v: B. seine Schwestern haben & sich selbst.

 

Unlängst war ich 12 Tage in Langenstein4 & verfertigte da eine große Zeichnung mit schwarzer Kreide auf die Maur in der Schloßkapelle, die Fußwaschung Jesu5 vorstellend, mit allen 12 Aposteln in Lebensgröße, 13 Schuh breit. – andere Jahre wo Großherzog Ludwig6 noch lebte machte ich auch noch 2 andere Zeichnungen ebendaselbst, wovon eines den Kinderfreund7 vorstellt, dießes trug mir nun die Gräfin8 auf, es ist in Öhl auf Leinwand als Altarbild zu malen. –

 

Sonst ist eigentlich unbedeutend was ich seit meiner Reise vom Unterland gearbeitet habe; Ich bin noch nicht einmal ganz mit den kleinen Bildern fertig die sie in Carlsruh bey mir angefangen sahen, doch neigen sich diese 3 zum Ende, nemlich, das Fromme Landmädchen,9 dan die 3 kl H. Jungfrauen (Glaub, Hoffnung & Liebe,)10 und das ganz kleine Schutzengelein:11 außer diesem machte ich nur noch einige Pastellzeichnungen.

 

Nächstens werde ich wie ich hoffe mehrere Studien bei der Lampe zeichnen, und nun sehen Sie daß ich Ihnen einen treuen Bericht von meinem Thun & Laßen abgelegt habe. – Ich mußiziere auch; denn; noch ist mir das Leben lieb wenn schon ich auch zum Aufbruch bereitet wäre, wenn es Gott gefiele; schenkt er mirs aber noch und fristet Er mirs so nehme ich es dankbar an, und strebe – ein beßerer Mensch zu werden, was mir ach! nie! gelingen will! O! könnten doch Sie mir zusprechen & mir predigen!!!

 

Ihrer

                                                                                                            wahren Freundin Marie Ellenrd

 

Im Apenzellerland hatten wir viel Vergnügen & ich habe ein paar freundliche Sächelchen im Zwikbuch mit nach Hause gebracht, ich komponierte auch daselbst, nemlich, das menschliche Gemüth wie es sich lostrennt von der Erde aufwärts nach dem Himmel wirkend & anbethend.12 Das beigelegte war der erste Entwurff davon. Ich muß aber abbitten daß es nicht beßer ausgeführt ist; das Papier war so schlecht.

 

 

1 Brief ohne Adresse an Carl Freiherr von Röder mit einer Nachschrift von Josefine Ellenrieder. Der Adressat geht aus dem Inhalt eindeutig hervor.

2 Wohl Fischer u. Blanckenhagen WV 330.

3 Gebhard von Bouhl (vergl. Dominik Gügel, Joseph Freiherr von Lassberg und sein Konstanzer Umfeld, in: Joseph von Lassberg – des letzten Ritters Bibliothek. Ausstellung im Bodman-Haus, Gottlieben, 2001).

4 Schloss Langenstein bei Aach.

5 Fischer und Blanckenhagen WV 309.

6 Ludwig I. Großherzog von Baden (1763-1830).

7 Fischer und Blanckenhagen WV 306.

8 Katharina Gräfin von Langenstein (1799-1850), war mit Großherzog Ludwig »an der linken Hand« verheiratet.

9 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 254.

10 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 285.

11 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

12 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

 

 

 

Ellenrieder_Fußwaschung.jpg

 

92         [UB Leipzig, Slg. Kestner, ICI, 214]1                                                              Constanz den 16 Jen 1835.

 

Lieber Freund!

 

Das Fräulein daß Ihnen dieß Briefchen überbringt ist aus Konstanz aber schon länger bey einer ungarischen Dame als Couvernante; sie ließ mich durch ihren ehrwürdigen Vater ersuchen um eine Empfehlung an jemand Bekannter von mir. Ich durfte es nicht verweigern, und weil ich wohl weiß daß Leute von Stand jedenfals ihnen nahe kommen; die Dame ist eine Baronne de Banphy2 nee Contess de Wäsälhiny, und das Frl: heist Boitschain, sie ist sehr brav & sehr geistreich & spricht 5 Sprachen. So jezt habe ich meine Pflicht christlicher Liebe vollendet, wenn Sie sie nun auch freundlich für mich begrüßen mögen, so freuts mich herzlich. Amen.

 

Nun sage ich Ihnen bei diesen Anlase, daß ich seither immer wohl & fleißig war Gott sei Dank, und wenn ich fortwehrend wohl bleibe, beeile ich mich sehr mit allen meinen Arbeiten, damit ich hernach Italien wieder sehe dahin ich immer mehr Sehnsucht & Bedürfniß fühle. Im lezten Herbst konnte es nicht möglich werden, sodann fieng ich an meiner lebensgroßen Madonna3 an, die nun bereits übermalet ist; freilich muß ich sie dan selbst nach Carlsruhe bringen, aber dann hoffe ich ende Sommer meine ersehnte Reise antretten zu können, zuerst nach Venedig, dann nach Florenz; und vieleicht, ach! ganz nach Roma, santa Roma!! – Ich dürfte wohl bald auch ein Briefchen von Ihnen erwarten, durch Fr: v: Helldorf4 schrieb ich auch. Haben Sie es bekommen, waren Sie immer wohl, waren Sie aber auch recht glücklich? Ich denke öffters an Sie mit herzlicher Freundschaft & treuer Verehrung.

 

                                                                                                                                            Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an August Kestner. Aus dem Inhalt lässt sich als Adressat eindeutig August Kestner (1777-1853), Diplomat in Rom, bestimmen.

2 Polyxena Baronne de Bánffy, geb. Comtesse de Wesselényi (1801-1878), ungarische Adelige.

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 330. Diese Maria mit Kind im Rosenbogen war vom Großherzog Leopold für die Schlosskirche in Karlsruhe bestellt (vergl. Barbara Stark, Die Altar- und religiösen Wandbilder von Marie Ellenrieder, in: Einfach himmlisch! Die Malerin Marie Ellenrieder 1791-1863, hrsg. von Tobias Engelsing und Barbara Stark, Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz und Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz 2013, Stuttgart 2013, S. 113-135.

4 Wohl Pauline von Helldorf (1806-1874), geb. Spiegel von und zu Pickelsheim, heiratete 1829 den preußischen Kammerherrn Karl Heinrich von Helldorf (vergl. dazu das Doppelbildnis der Geschwister Spiegel von Louise Seidler um 1829; Bärbel Kovalevski, Louise Seidler 1786-1866, Goethes geschätzte Malerin, Berlin 2006, S. 409).

 

 

93         [RM Konstanz, 24]1                                                                                      [Konstanz, 5. März 1835]

 

Liebster Freund!

                                           

Marie Ellenrieder Roeder    So würde jezt jede Pilgerinn die an mir vorüber gienge verwundernd stille stehn – daß ich so lange warten konnte, einen so liebenswürdigen Brief wie der Ihrige war zu beantworten, ja 2 Monden & 7 Tage liegen zu laßen!

 

– Ich selbst ringe meine Hände nach allen Richtungen, weil die Zeit immer so viel Anderes auf ihrem Wagen daher führt, was man sogleich wieder weiters ohne Verschub zu expedieren hat! –

 

 Ellenrieder004.jpg

  So – ging es & so war es, und so ist es auch jezt noch! – D’rum sage ich Ihnen nur das Nöthigste. Erstens, daß mich Ihr lieber Brief in der Seele freute; 2tens das weiters das Widrige & so sehr Schreckhafte mich innig betrübte; und 3tens wenn mir das Gericht übergeben wär’ ich Sie schon längst für geläutert hielt, und sohin kämen dann keine ferneren Priffungen mehr. 4tens möge es von nun an so sein; so – daß ein Tag schöner als der andere wird; gerade wie jezt die Tage wachsen: – 5tens Sollen Sie aber wißen, daß auch ich heimgesucht wurde, & 6tens nemlich, mit einer schmerzlichen Hals = entzündung; 15 Tag Bettliegig & im Ganzen daurte es 25 Tage; 7tens fand ich indeßen, daß so was heilsamm ist: 8tens bemerkt mann in solchen Fällen fühlbar, wie alles vergänglich ist & 9tens gewinnt man bei dieser Betrachtung mehr an Ruhe & Gleichgiltigkeit fürs Zeitliche, von welchem man sich am allerwenigsten „zertretten“ läßt, wie Sie sagen. – Im Gegentheil wenn es nicht ein bischen thöricht wäre, zu sagen daß man vollkommen glücklich sei, so würde ich dieß ohne weiters sagen: Ein Quintlein Weisheit erinnert aber zugleich daß bald was Bitteres nachkommen könnte; daher ist es 9tens am bestens sein Heil in Furcht & Zittern zu wirken; ohne 10tens dabei im geringsten den innern Himmel zu beeinträchtigen; – der 11tens in den Wolken des Himels seine Grundfeste hat, und von denselben getragen wird; bis er 12tens Seegen & Frieden bringend sich hie & da auf die Erde herabläßt. Amen.

 

An meiner großen Madonna2 bin ich noch weit zurük, doch habe ich dieß Bild sehr markig untermalt, welches mich hoffen läßt, daß es das 2 mal schneller geth. –

 

Jenne kleinern Bildchen die Sie bei mir in Carlsruhe angefangen gesehen machte ich aber alle fertig, & sie wurden überall freundlich aufgenommen, Gott sei Dank. Das Bildchen von den 3 kl h: Jungfrauen3 kam glücklich nach Freiburg im Breisgau an den Herrn v: Reinach,4 das fromme Landmädchen5 an einen Lyoner Herr, & das ganz kleine Schutzengelein6 nach Wien: früher war auch das kleine Jesulein7 abgereist, an den Hr: Katz8 in Gernsbach. – Neues habe ich nichts angefangen, obwohl mir mehreres bestellt wurde, auch componierte ich nichts Sonderlichs – Sie sehen daß also ein Flug nach Italien nicht ganz überflüßig wäre. So schön Sie mir auch das Zurückbleiben ausgelegt haben, hat es mich doch nicht bekehrt. – Ich trachte mit allem Ernst wirklich dahin! – Doch wahrscheinlich sehe ich zuerst das Unterland, & Sie & Diersburg; denn die Pepi9 will nicht im Sommer nach Italien; – sie wird immer meisterg’schäftiger bei ihrem großen Hauswesen, ach wenn Sie doch nur einmal kämen & auch mithielten; Baron Buol und seine 2 Schwestern10 sind sehr artig! aber umsonst! Sie loben den See & die Konstanzer nur aus der Ferne!

 

adio adesso, caro amico!

anch’io sono sempre la di lei

 

Konstanz den 5ten März 1835                                                                                    treuergebene Marie

                                                                                                                                                   Ellenrieder

 

Von der Pepi & Marie D.11 alles Schöne!

 

 

1 Brief ohne Adresse an Carl Freiherr von Röder. Aus der Provenienz und dem Inhalt lässt sich der Adressat Carl Freiherr von Röder (1789-1871) eindeutig bestimmen.

2 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 330.

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 285.

4 Wohl Ferdinand Ludwig Freiherr von Reinach-Werth (1769-1841), Malteser Ordensritter in Freiburg i. Br., der 1830 einer der „Direktorial-Räthe“ der Freiburger Museumsgesellschaft war (vergl.: Zehnter öffentlicher Ausweis über den Zustand des Museums zu Freiburg im Breisgau. Am 1. Juli 1830, Freiburg, Wangler, 1830, S. 15). Mit mehreren Mitgliedern dieser bedeutenden, 1807 gegründeten Museumsgesellschaft war Marie Ellenrieder bekannt. U. a. mit Freiherr von Baden, Freiherr von Berstett, Major von Krieg, Freifrau von Kronfels, Freiherr von Röder, Freifrau von Schleiß, Freiherr von Wessenberg, einem Bruder des Konstanzer Bistumsverwesers.

 5 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 254.6 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

7 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

8 Familie bedeutender Murgschiffer in Gernsbach.

9 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

10 Rudolf Freiherr von Buol-Behrenberg (1809-1895) und seine Schwestern Isabella und Concordia (vergleiche die Portraits ihrer Eltern, Fischer und Blanckenhagen WV 45 und WV 109).

11 Anna Marie Detrey (geb. 1807), Nichte der Künstlerin.

 

 

94         [StA Coburg, LA A 8775]1                                                                     [Konstanz, 30. April 1835]

 

Geliebteste

Prinzeßin Allexandrine

 

Marie Ellenrieder Brief Konstanz

 

Schon lange hätte gern wieder einmal an Sie geschrieben, den – „Sie können sich denken, nein, Sie können Sich unmöglich denken„ wie unaussprechlich Ihr Briefchen vom 9 ten Febr: mich freute, und die lieblichen Nachrichten von der kleinen Prinzessin Marie: ich bin auch ganz besonders egoistisch entzückt das Es Maria2 heist, wahrhaftig ein erhabenes theures Nammensschwesterchen! Ich küße Ihm vorläufig seine unschuldigen Händchen im Geiste, bis ich komme Es persönlich zu begrüßen.

 

Ich denke immer daran, daß, so wie mein Bild,3 daß so wie mein Bild fertig ist, mich reisefertig zu machen. Drei merkliche Hinterniße aber gehen mir zu bedeutend dabei nach, nemlich im Anfang der Verlust meines theuren Vaters4 dann die Molkenkur und diesen Winter eine langdauernde schmerzliche Halsentzündung.

 

Den 3ten Mai Abends ½ 7 Uhr wird es ein Jahr, daß Seine Königliche Hoheit der Allergnädigste Großherzog5 mir dieses Bild auftrug. O sagen Sie Ihm daß Er mich hierdurch so innig beglückte, daß kein Mensch auf der ganzen Erde sich glücklicher fühlen könnte, als ich es bin. – Und Er möchte doch auch recht vergnügt hierüber sein. Ja Sie Alle sollen es ganz kosten das selige Bewußtsein mich so durch & durch erfreut zu haben: – Denn nachdem ich so schöne Tage bei Ihnen hatte6 und Wohlthaten ohne Zahl genoß, so reichlich belohnt und dann mit einem so innig gewünschten Auftrag entlaßen wurde;

 

Wie Vieles ist mir hierdurch zu Theil geworden! Gott wolle es an Ihnen Allen vergelten, und er wolle auch meine Arbeit segnen, daß Seine Königliche Hoheit es niemal bereuen möchten mich beschäftigt zu haben.

 

Ich bin soeben daran alle Haupttheile das 3te mal zu übermalen: der Granz aber, ist des Hintergrunds wegen jezt erst untermalt. Auch einige Abänderungen & Corecturen verhinterten mich an der Fortschreitung, denn ich bin hier nicht so sehr verweist von Solchen, die mich auf meine Fehler aufmerksam machen können; ich bath sogar bedingnißweiße einen Schweitzer Künstler (der sich mit Stundengeben plagt: der aber beinebens sich sehr mit dem Studium der Kunst abgiebt) daß dieser so alle 14 Tage kommen möchte.

 

Aber denken Sie, auch andere Stunden nehme ich, nemliche italienische, bei einem Sprachlehrer der 10 Jahr in Neapel war. – Und dann, habe ich mir eine große Handharmonika (die mann hier sehr schön verfertigte) und laße mich hierauf unterrichten, welches mir ein enzückendes Vergnügen gewährt.

 

Sonst wüßte ich Ihnen aber auch gar nichts zu erzellen, so still & ohne besondere Ereigniße giengen die Tage einen um den andern vorüber. In der Fasching sind hier die Leute recht liebenswürdig fröhlich gewesen, sie spielten die Preziosa an der Marktstätte und sangen & mußizierten recht schön dazu, und veranstalteten ein Wachsfiguren Cabinet von Lebenden dargestellt etc etc , das Schönste aber war das – Eine Braut in einem Luftballon, auf Rädern geführt, einem Bräutigam entgegen der von seinen Eltern in einem staadlichen Wagen herbei geführt wurde, die Pferde waren wie Tieger gemalt, und der reich galonierte Gutscher & Bediente spielten meisterhaft die Glazentrompete (diese Beiden waren reiche Kaufleute von Zürich). Als nun der Bräutigam voll Sehnsucht aus dem Wagen stieg, gieng pletzlich der Ballon voneinander und die rosenfarbe Braut stand da, und der Bräutigam voll Enzückung sank auf die Knie nieder, bewillkommte sie dan und führte sie zu seinen Eltern zu, und so fuhren sie dan weiter um noch an mehreren Plätzen daßelbe zu widerholen; allein ein heftiger Wind beschädigte den Ballon, und so durfte wohl jedes froh sein das zugegen war, den der Anblick der Darstellung hatte was bezauberndes! Die Braut war der junge Herr Rahn von hier, ich zeichnete ein kleines Figürchen hievon, & wollte es illuminieren und Ihnen zuschicken; immer schob ich es aber auf Sie sollen es aber doch noch bekommen.

 

Nun werde ich meinen Brief beschließen müßen daß er nicht gar zu lang wird.

 

Nur möchte ich Sie noch schönstens bitten Theurste Prinzeßin! daß Sie mich unterthänigst zu Gnaden empfehlen möchten, und dem theuren Prinzen meine herzlichen Grüße zu sagen, auch der lieben Frl. Gerlach7 & Herrn Hofrath Rink.8

 

Geliebteste Prinzeßin Allexandrine!

 

von ganzem Herzen Ihre

 

                              gehorsamste Dienerin

Constanz den 30ten Aprill 1835.                                                                                       Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief an Alexandrine Prinzessin von Baden (1820-1904).

2 Maria Amalie Prinzessin von Baden (1834-1899).

3 Fischer und Blanckenhagen WV 330. Siehe auch Brief der Künstlerin an August Kestner vom 16. Januar 1835.

4 Konrad Ellenrieder (1744-1834), Vater der Künstlerin.

5 Leopold von Baden (1790-1852), seit 1830 Großherzog von Baden.

6 Vergleiche Fischer u. Blanckenhagen WV 10. Zur Ausführung dieses Gruppenbildnisses der Großherzogin mit ihren Kindern weilte Marie Ellenrieder von 1832 bis 1834 am Großherzoglichen Hof in Karlsruhe.

7 Adelheid Gerlach, Gouvernante der Prinzessin Alexandrine (s. Karl von Wechmar, Handbuch für Baden und seine Diener, Heidelberg 1846).

8 Prof. Karl Friedrich Rinck (1786-1851), Geheimer Rat und Erzieher der Großherzoglichen Prinzen Ludwig und Friedrich sowie der Prinzessin Alexandrine.

 

 

95         [GLA N Beringer Nr. 586]1                                                                          [Konstanz, 24. Juni 1835]

 

Verehrter Herr!

 

Ich bitte sehr um Vergebung, daß ich nicht mit umgehender Post anzeigte, daß Ihre wehrten Zeilen und das schöne Buch in meine Hände gekommen ist. Empfangen Sie meinen verbündlichsten Dank dafür.

 

So angenehm es mir wäre ein Bildchen für Sie zu malen, so ungerne muß ich Ihnen gestehn, daß Sie auf daßelbige lange warten müßten, indem ich so viele Arbeit habe, die vieleicht die Tage meines Lebens ausfillen wird. Von einer kleinen flüchtigen Zeichnung, (gerade in der Größe wie Sie sie brauchen könnten) gedenke ich jedoch einen Versuch zu machen, aber erst nach einer Zeit von 14 Tagen; indem ich soeben an der Vollendung eines großen Bildes bin daß mir über meine Kräften zu schaffen macht; Sie mögen dieß aus der Bekanntschaft der Künstler wohl wißen; in welcher Lage man ist, wenn es ausgesprochen werden sollte, daß ein Bild nun vollendet wäre; und dieses doch noch so mangelhaft vor den Augen steht. –

 

In der Angenehmen Hoffnung, daß es denn noch früh genug ist sende ich Ihnen sodann die Zeichnung.

 

Der Preis wird vieleicht keiner, oder ein sehr kleiner sein.

 

Mit aller Hochachtung Ihre

 

Konstanz den 24ten Juni 1835.                                                                              ergebenste Dienerin

                                                                                                                                       Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief mit folgender Adresse:

»Seiner Wohlgeboren

Herrn Leopold Voss, berühmter

Buchhändler in

Leipzig«.


 

 

96         [RM Konstanz, 25]1                                                                                 Carlsruhe den 31ten Aug. [1835]

 

Hochverehrtester Freund!

 

Empfangen Sie vor Allem meinen schönsten Dank für die freundliche Aufnahme die ich bei Ihnen genoß und von der mir 1000 liebliche Erinnerungen bleiben werden. –

 

Von Ihrer gütigen Theilnahme überzeugt berichte ich Ihnen nun daß das Bild ganz glücklich angekommen ist und sogar schon in die Rahme befestigt aufgestellt steht, Gott sei Lob & Dank!

 

Soeben vollendete ich meinen Brief an die Pepi2 worinn ich Sie viel lobte aber auch verschwätzte; ich dachte, Sie werden ein ähnliches thun, oder schon gethan haben. –

 

Ich habe die Einladung bei der Frau von Krieg3 zu wohnen angenommen und ich finde daß es so am allerbesten ist.

 

Ein so süßes liebes Zimmerchen aber, wie das, welches ich bei Ihnen hatte, das wird mir nicht bald wieder zu Theil werden!

 

Grüßen Sie mir Ihre Künstlerinn von einer Köchin; und daß ich allen noch vielmals danke.

 

Für heute habe ich nicht mehr Zeit als Ihnen nur noch meinen Dank tausentmal zu widerholen; so auch mein Lebewohl & meine treue Verehrung.

Ihre

                                                                                                         Frd & Dienerin

                                                                                                                       Marie Ellenrieder.

 

1 Brief ohne Jahresangabe adressiert an:

                                                        »Seiner Hochwohlgebohren

                                                           Freyherr Carl von Röder in

                                                             Diersburg bei Offenburg.«

Zur Jahreszahl vergleiche 6. Tagebuch der Künstlerin, wo am 19. August 1835 der Reiseantritt nach Karlsruhe vermerkt ist.

2 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

3 Anna Krieg von Hochfelden verw. von Vincenti (1793-1866).

 

 

97         [FFS Donaueschingen]1                                                                 Heiligenberg den 7ten October 1835.

 

Liebe Mutter!

 

Aus des Himmels Herrlichkeiten eile auch ich zu Deinem Feste. Nahe im Geist umschwebe ich Deine sanfte Seele; ich möchte ihr von meinen Entzückungen mittheilen. Laß Deine Gedanken an mich die freudenreichsten werden; den ich bin die Glücklichste aus Euch Allen. Dein Segen begleitete mich in die Arme meines Heilandes, da bethe ich um Segen für Dich & Euch Alle. Ich kenne keine Sehnsucht, den von des Friedens fille überfließt mein Herz: nur zu Einer Bitte falte ich heute meine Hände vor Dir, daß Du fröhlich wandeln möchtest, frei von allem Schmerz & traurigen Empfindungen. Freue Dich alle Tage Deines seligen Kindes, so wie auch ich voll Wonne die heilige Stunde segne in der Du mich gebohren hast,

Deine

                                                                                                    Henriette.

 

Die beigelegte bildliche Darstellung von mir, ist sehr unvollkommen, doch weil sie in Gedanken an mich entworffen und ausgeführt wurde, wird sie gewiß Dir angenehm sein.

 

 

1 Brief an Amalie Fürstin zu Fürstenberg, welchen Marie Ellenrieder namens der verstorbenen Henriette Prinzessin zu Fürstenberg an ihre Mutter schreibt. Dem Brief angefügt war das Pastell der 1834 im Kindesalter verstorbenen Prinzessin Henriette in Wolken, (siehe Fischer und Blanckenhagen WV 187 und Karin Stober, Marie Ellenrieder und die nazarenische Programmkunst, in: Elisabeth von Gleichenstein und Karin Stober (Hrsg.), »… und hat als Weib unglaubliches Talent« Angelika Kauffmann (1741-1807) Marie Ellenrieder (1791-1863), Ausst.-Kat. Rosgartenmuseum Konstanz, Konstanz 1992, Abb. 13, S. 106). Zum Verständnis vergleiche man den Begleitbrief der Künstlerin vom nächsten Tag.

 

 

98         [FFS Donaueschingen]1                                                                          [Heiligenberg, 8. Oktober 1835]

 

Euer Hoheit,

Allergnädigste Fürstin!

 

Ich will mich der Idee und des Briefchens wegen nicht entschuldigen, den ich bin überzeugt daß Euer Hohheit es so aufnehmen wie es aus meiner Seele kam. Aber das thut mir leid, daß alles nicht lieblich und zierlich genug ist, wie es der theure Gegenstand erfordert hat. Die zärtesten Färbchen hätte ich gewählt, und rosenfarb wäre das Briefchen geworden mit Gold und allen nöthigen Zierden.

 

Und nun erlaube ich mir noch schriftlich für das goldene Armband mit dem theuren Inhalt zu danken, denn ohne die huldvolle Einwilligung Euer Hohheit ist es mir gewiß nicht zugekommen: ich werde es zu ehren & zu lieben wißen, bis an das End meines Lebens. Auch das schöne Buch soll ein sehr theures Andenken dieser schönen Tage werden.

 

Dank also 1000 Dank.

Euer Hohheit!

 

Heiligenberg den 8ten Okt 1835.                                                         unterthänigste gehorsammste

                                                                                                               Dienerin Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief an Amalie Fürstin zu Fürstenberg (1795-1869). Der Brief bezieht sich auf das Schreiben der Künstlerin vom Vortag, den Marie Ellenrieder im Namen der verstorbenen Tochter der Fürstin zu Fürstenberg verfasst hatte.

 

 

99         [RM Konstanz, 26]1                                                                                       [Karlsruhe, 2. April 1836]

 

Hochverehrter theurster Freund!

 

Schon am 9ten Oktober waren Sie böse auf mich; wie werde ich nun jezt vor Ihnen stehn? Sie werden denken ich hätte Ihr schönes Lehrgedicht von Freundschaft und Liebe nicht mit besonderer Anerkennung aufgenommen; und es ist Ihre Zurechtweisung so schön und wahr; sie forderte aber noch eine weitere Erörterung für welche ich lange nicht genug Wissenschaft besäße, daher brechen wir ab; es weist Jedes von uns genug um glücklich zu sein.

 

Oft beneidete ich Sie diesen Winter um Ihre liebliche Einsamkeit, und oft sprachen wir von Ihnen, die Pepi2 & ich, auch bei Kriegs3 & Ihrem liebenswürdigen Vetter.4 Ich bin viel in Gedanken bei Ihnen und ich bleibe bis in den Tod Ihnen mit herzlicher Freundschaft und Liebe zugethan, und es macht mich bisweilen recht traurig, wenn ich denke daß ich Sie beleidigt habe: auch mache ich mir Vorwürffe daß ich gar so lange stillschweigend war. – Wenn es ohne meine Hand hätte geschehen können, Sie hätten manchen Brief von mir erhalten. Sie wißen aber, daß ich doch immer fleißig bin, und nach Kräften wirke mit dem mir anvertrauten Talente, daher geschieth es oft, daß ich meine Ruhestunden nicht gerne dem Schreiben weihe, daß immerhin wenn schon auch viel Vergnügen dabei, doch etwas anstrengendes hat. Viel lieber denke ich den schönen Gedanken Sie wieder zu sehn, und ich habe auch gegründete Hoffnung: den da ich den heiligen Joseph5 nach Ortenberg angefangen habe, habe ich vor, ihn selbst zu überbringen, so Gott will! von dort aus fliege ich dan (wo möglich) nach Diersburg; und wie erfreulich wird dan Ihre Villa zu erblicken mich entzücken!

 

Noch in demselben Monat als Sie mir zum leztenmal schrieben, reisten wir nach Carlsruh, Im Anfange gefiel es aber der Pepi gar nicht den 1000de von Bequemlichkeiten die sie in Constanz verließ fand sie hier nicht, doch bald nachher gewann sie manches lieb, so daß sie schon lange recht gerne hier ist, daher kömt es auch daß wir nicht anders sagen können als wir hätten einen glücklichen Winter gehabt; Gott sei Dank! und gerne verlängern wir noch unsern Aufenthalt bis das Bild des Heiligs Josephs fertig ist, ich denke es wird Sommer werden.

 

Am ersten Mai beginnt eine Kunstausstellung in Mannheim, und wir sind halb entschloßen dahin zu gehn; auch von dort nach Mainz & Frankfurt: die Alten Jungfern beschloßen also, sich noch ein bischen umzusehn ehe sie von diesem Schauplatz der Welt abtretten. Doch vielmehr im Ernste gesagt um sich zu stärken, an dem, was irgend Großes sich gestaltet; wovon wahrscheinlich sich Einiges in Frankfurt finden wird. Hier findet man keine Anregung dieser Art.

 

Nun wißen Sie, wie ich lebte, und ich mit der Hilfe Gottes noch weiter leben möchte; Schreiben Sie mir nun auch bald wie Sie lebten, und wie Sie noch weiter zu leben beschloßen; und ob Sie nicht auch hie und da ein entfernter Gedanke haben uns in Carlsruhe zu besuchen? Oder gehen Sie nicht auch nach Mannheim etc etc oder besuchen Sie uns wen wir wieder in Constanz sind?

 

Ich hatte vor, Ihrer alten ehrwürdigen Köchin einmal zu schreiben, aber ich versäumte jenne Zeit den schon lange werden Sie die Andere bekommen haben, ich bereue es recht sehr, denn sie hat es so gut mit mir gemeint. Auch Franz war ein freundlicher Diener, ich grüße ihn vielmal.

 

Haben Sie seit der langen Zeit auch bisweilen der Aufträge sich erinnert mit welchen Sie mich beehrten und erfreuten? Ich denke sehr oft daran, aber immer fühle ich daß das Bild des Heiligen Carls B.6 doch am besten in Italien gelingen könnte, wo sich das Costüm so leicht finden ließe. Wie schön ist dieses Vorhaben von Ihnen, und wie sehr wünsche ich daß es einstens mit Gottes Hilfe mir gelingen möchte Sie so zu befriedigen, daß Sie es niemals bereuen möchten.

 

Auch die Zeichnungen freuen mich, aber hier habe ich keine rechte Lust; ich kenne auch zu wenig von solchen Leuten die ich als Modelle betrachten dürfte. Der Kopf aber den ich für den H Jos: machte und der Ihnen besonders gefiel, gefällt auch hier.7 Im Bilde habe ich aber große Änderungen gemacht, so daß fast gar nichts vom Studium geblieben ist.

 

Nun sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl und meine innigsten wärmsten Grüße viel 1000 & 1000mal.

 

Carlsruhe den 2ten Aprill 1836.                                                                                        Marie Ellenrieder

 

 

1 Brief ohne Adresse an Carl Freiherr von Röder. Aus der Provenienz und dem Inhalt des Briefes lässt sich Carl Freiherr von Röder (1789-1871) eindeutig bestimmen.

2 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

3 Familie Krieg von Hochfelden.

4 Philipp Friedrich Freiherr von Röder (1771-1846), Großherzoglich Badischer Kammerherr.

5 »Joseph mit dem Jesusknaben« für den rechten Seitenaltar in der Pfarrkirche in Ortenberg (Fischer und Blanckenhagen WV 353).

6 Fischer und Blanckenhagen WV 338.

 

 

 

Altarraum der Pfarrkirche von Ortenberg (um 1935). Hochaltarbild: Hl. Bartholomäus, rechtes Seitenaltarbild:

Hl. Josef mit dem Jesusknaben

 

 

100      [RM Konstanz, 27]1                                                                                      [Diersburg, Sommer 1836]

 

Hochverehrter Freund!

 

In diesem Augenblick habe ich Ihr theures Briefchen nicht, daß ich es wörtlich beantworten könnte; auch wäre es überflüßig da ich nun so glücklich bin in Ihrer lieben Nähe zu sein. – Unter vielen Hinternißen und andern Abhaltungen kam ich endlich mit dem heiligen Joseph2 hier an |:und meine Schwester:| wir wohnen auf das freundlichste Anerbiethen bey Herrn Pfarrer und kommen, wenn es Ihnen nicht ungelegen ist, heute Nachmittag Sie zu besuchen. – Da der Bott bei guter Zeit abgeht kann er uns noch zur rechten Zeit Antwort von Ihnen bringen. Viele Zeit zur Auswahl haben wir nicht indem wir nur ganz kurze Zeit hier zu bleiben gedenken.

 

Verzeihen Sie dem schlecht geschriebenen Briefchen; und geben Sie der Ungedult schuld mit welcher ich Sie zu sehen wünsche!

 

Ihre

 

                                                                                                                    Freundin Marie

                                                                                                                          Ellenrieder.

 

 

1 Brief ohne Datum an Carl Freiherr von Röder in Diersburg oben im Dorfe. Aufgrund der Mitteilungen der Künstlerin an Freiherr von Röder vom 2. April 1836 ist der Sommer 1836 als sicher richtig anzunehmen.

2 Fischer und Blanckenhagen WV 353 (dort wird die Fertigstellung des Altarbildes erst 1837 angegeben. Über das Zustandekommen des Auftrages und die Fertigstellung vergleiche: Edwin Fecker, Die Altargemälde von Marie Ellenrieder in der Pfarrkirche von Ortenberg, in: Die Ortenau, Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden, Bd. 93, 2013, S. 391 ff.).

 

 

101      [RM Konstanz, 28]1                                                                                 [Konstanz, 7. September 1836]

 

Hochverehrter theurster Freund!

 

Wenn Sie nicht so artig wären und so nachsichtsvoll, würden Sie gewiß schon lange gesagt haben, daß es doch recht unartig und undankbar wäre so lange nicht zu schreiben! So aber sagten Sie eher, sie denkt meiner viel, und hat gewiß schon Vorbereitungen zum Altarbilde gemacht, und der schönen Taße freut sie sich recht sehr: und so ists wahr! Bald nach meiner Ankunft ließ ich mir das Buch von Seiler2 über Carl Boromeus geben, worin sein Leben, und Auszüge von seinen eignen Schriften sind. Es ist zum Erstaunen was er that und wirkte!

 

Sie sehen hier 2 Skitzen;3 die eine beleuchtete ich ungesucht, die andere ist ein Versuch auf Anrathen eines Künstlers; er glaubte nemlich daß die hochrothe Farbe im Schatten dem Auge wohlthätiger würken würde; und Herr: v: Wessenberg4 glaubt ich könnte den Bischofsstab weg laßen, weil er hier nicht in Bischöflicher Kleidung sei.

 

Es ist noch nicht entschieden daß wir den Winter hier bleiben, die Pepi5 meint immer Ende Oktober hätte es wegen der Collera keine Gefahr mehr. Übrigens rathen die Meisten daß man wirklich dieß Jahr nicht nach Italien sollte, und mir wäre dies recht. Mann sitzt so gut im heimathlichen Hause, und wie schön ists nicht in unserer ganzen Umgegend! Und wie entzückend einem Seehaas der so lange wieder im ebenen drockenen Lande lebte!

 

Ich arbeitete wieder zimlich fleißig, an einem schon längst angefangenen kleinen Bildchen, worauf die Madonna ist mit dem Kindlein auf der Schooß6 und zu ihren Seiten die heilige Juliana & hl. Rosa, erstere bringt ihr eine Lilie, und die H Rosa ein Körbchen voll Rosen; unten kommen dan die Wort drauf, (Wir huldigen dem Heiligen & Ehrwürdigen.) Dann malte ich auch die Skitze des Heiligen Josephs7 fertig, und macht einen neuen Carton zu jennem Bilde für den jungen Kaufmann in England.8 Auch zeichnete ich ein Knabenköpfchen fertig und entwarf zum Gegenüben ein klein Mädchen, als Folge jenner Köpfe für Sie.9 Ich habe mich auch schon um ein paar schöne Alte umgefragt. Sie sehen also daß ich nicht müßig gieng. Das nächste mal sende ich Ihnen dann eine kleine Skitze von der Heiligen Catharina ich habe sie schon entworffen. Empfehlen Sie mich vorläufig der Verehrten Fräulein von Frosch.10

 

Nun habe ich Ihnen eigentlich noch nicht gedankt für die Wunderschöne Taße, die mich auf dem Weeg gar oft entzückte wenn ich sie herausnahm und betrachtete; jezt ist sie die schönste Zierde in unserem Wohnzimmer und am 8ten September, als an meinem Namenstage werde ich den Caffe daraus trinken, so Gott will, und dan vieleicht wieder am Neujahrtag; und an Carls Tag. Dank also, tausent Dank!!! –

 

Als ich gestern der Marie Detrey11 sagte daß ich Ihnen schreibe, und sie frug was ich von ihr ausrichten soll, trug sie mir auf Ihnen zu sagen „sie hätte Sie noch immer lieb, obschon sie ein Bräutigam habe“ sie ist recht vergnügt und mit ihrer Wahl zufrieden.

 

Sonst kann ich Ihnen aber auch gar nichts neues erzellen, daher schließe ich nun meine Zeilen mit der Bitte daß Sie mir etwas von Sich erzellen und daß Sie recht vergnügt sind in Ihrer freundlichen Villa, daß ich mich herzlich darüber freue; hoffentlich wird die Frl: Marie Sie noch nicht verlaßen haben! von einem so lieblichen Wesen sollten Sie immer umgeben sein! – Meine Schwester empfiehlt sich Ihnen schönstens mit mir, Ihrer treuen

                         Verehrerinn

Constanz den 7ten Sept: 1836.                                                                                             Marie Ellenrieder

 

1 Brief adressiert an: »Seiner Hochwohlgebohren Freyherrn Carl von Röder zu Diersburg bei Offenburg.«

2 Johann Michael Sailer, Der heilige Karl Borromeus, Kardinal der Römischen Kirche und Erzbischof von Mailand, Augsburg 1823.

3 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 355.

4 Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774-1868).

5 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

6 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

7 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 353.

8 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

9 »Die Lebensalter« (Fischer und Blanckenhagen WV 276 und 277).

10 Fräulein von Frosch, Offenburg (siehe Fischer und Blanckenhagen WV 357).

11 Anna Marie Detrey (geb. 1807), Nichte der Künstlerin.

 

 

102      [RM Konstanz, 29]1                                                                                  Konstanz den 14. Febr 1837.

 

Nur noch wenig Tage, so hätte ich an Sie geschrieben; mein lieber theurer Freund! – Und gerade gestern nahm ich Ihr reichhaltiger Brief vom 14ten Sept: hervor und gedachte ihn wörtlich zu beantworten. Aber auch noch viele andere Briefe kamen mir zusammen: denn, 2 Monatte war ich immer krank; bemittleiden Sie mich aber ja nicht, den so liebevoll züchtigte mich der Herr; ohne Schmerzen überfiel mich eine Gelbsucht und mit dieser eine Art von Entkräftung daß ich gar nicht mehr arbeiten konnte, nicht einmal ordentlich denken, sonst stellte sich ein Kopfweh ein, sonst nichts, & so mußte ich nun gänzlich meine Hände in den Schoos legen welches mich anfänglich sehr hart ankam; bis mir Gott Gnade gab seinen heiligen Willen mit freudiger Hingebung anzubethen. Ich habe manche Erfahrungen gemacht, wie sehr ich noch am Zeitlichen henge; drum kann ich Gott nicht genug danken daß er mich zu dieser Erkenntniß gebracht. Und nun bin ich nur noch zufriedener als ich es zuvor war, Gott sei Dank; darf wieder arbeiten, doch mäßiger: daher mußte ich mich entschließen für dießmal den Heiligen Carl2 ganz aufzuschieben, und so male ich ihn am Ende so Gott will doch noch in Italien! –

 

Ihr früherer Brief also, bekam ich einige Tage früher als ich wegen einer Arbeit 5 Tage nach Heiligen=Berg3 mußte, und 2 Tage nachdem ich zurückgekehrt war, wurde ich sodann krank. Ich hatte schon ein ganz paßendes Modell bestellt um die Stellung des Heilig: Carls zu entwerffen. So ordnet der Mensch, und Gott verfügt anders. –

 

Daß Sie aber in Ihren lezten lieben Brief gar nichts von diesem Altarbild erwähnten, befremdete mich: da dieses Bild, daß mich so oft im Geiste beschäftigte, meine ganze Seele eingenommen hat.

 

Übrigens könnte ich über die früher vorgeschlagene Veränderung vieles sagen; da ich aber daß Ganze vor der Hand aufgeben mußte, ist es noch Zeit hiermit: kurz gefaßt aber; möchte ich lieber bei dem Ersten verbleiben: und lieb ist es mir wenn Sie ihm den Hirtenstab nicht nehmen laßen auch die Mytra könnte gut bei dem Kardinalshut und dem Buche angebracht werden. Denken Sie! Gestern brachte man mir das ächteste uralte Bildniß dieses Carl Boromeus, welches ein außerordentlich verehrtes Eigenthum des Klosters Einsiedeln ist; dieß wußte ich; und schrieb im Spätjahr ob man mir nicht eine Durchzeichnung davon machen dürfte: und nun sannte es mir der Abt selbst, durch einen der Herren der hier Geschäfte hatte. Nicht wahr, daß ist doch recht artig! – Ich machte also eine Durchzeichnung davon; betrachtete es recht und schrieb einiges auf. Dieses hoffe ich kann mir bei dem Bilde nützlich sein. Und so nahm es der ehrwürdige Pater wieder mit fort.

 

Was die Zeichnung betrifft, die ich als Studium nach einem Zimmermann für den H Joseph4 machte; liegt wohl bewahrt für Sie, aparte, nur im Herbst nahm ich ihn mit auf den Heiligenberg so auch das Knabenköpfchen, und ein artiges Mädchenköpfchen5 daß ich diesem als Pendang verfertigte. Sie gefielen dem Fürsten6 & der Fürstin7 sehr, und hätten sie wahrscheinlich gern genommen, es war mir aber ein wahrer Stolz sagen zu können daß Sie mir solche bestellten. Nun habe ich noch einen Kreisen und eine alte Frau, und ein Gegenüber für den Zimmermann zu machen. Noch weiß ich aber nicht bestimmt wann dieß geschieth; sind sie einmal alle beisammen sende ich sie Ihnen nicht wahr? –

 

Eine Heilige Catharina8 habe ich auch angefangen die ich jedenfals male, wenn sie auch Frl v. Frosch9 nicht gefiele. Aber jezt beschäftigt mich hauptsächlich ein Bild für Hr Arnand von Lyon (der auch schon ein Bild von früher von mir hat.) Eine fromme Bäurin, die ihre Kinder bethen lehrt,10 in natürlicher Größe Halbfigur, ich bin jezt am übermalen.

 

Nun habe ich mich aber recht verschwätzt und verplaudert, daß ich hier nicht einmal mehr Raum finde, Ihre lezten holden Zeilen zu lobpreisen, und dafür nach Herzenslust zu danken.

 

Sie sehen, daß ich mich gleich hinsetzte und gehorsamm war ich hoffe daher daß Sie mit mir zufrieden sein werden! Und ich bin auch auch viel bräver gewesen als Sie, den ich habe ihnen mein Thun & Laßen beschrieben, und Sie ließen mich keinen Blick in Ihr häuslicher Tempel thun: Und wie sehr möchte ich wißen, was Sie alles trieben, und wie schön Sie die Zeit benützt haben, und wie Sie brav waren, und noch bräver geworden sind. Das weiß ich wohl daß die meiste Zeit des Tages mit profanen Geschäften ausgefillt wird: aber es giebt noch so viele andere Stunden: sie werden in diesen doch hie & da Harffen gespielt haben? wehrend ich meinen bildlichen Harfeniß so hoch verehre.

 

Die Pepi11 ist Gott sei Dank wohl, und wir leben glücklich beieinander, und sind mit einem holden Dienstmägdlein ganz allein in unserer geräumigen Wohnung, und plagen uns mit niemanden. Die Marie Dertrey,12 jezt Frau Burkard ist sehr glücklich verheurathet.

 

Den Plan nach Italien haben wir durchaus nicht aufgegeben: nur wagen wir es noch nicht die Zeit zu bestimmen, da Gott abermals ein Hinterniß vieleicht bereitet hat. Wo nicht könnte es vieleicht im Frujahr geschehen.

 

Nun mein lieber Freund, mein schönstes und herzlichstes Lebewohl!!!

 

                                                                                                                            Marie Ellenrieder.

 

 

1 Brief adressiert an:

»Seiner Hochwohlgebohren

Freyherrn Carl von Röder

in Diersburg bei

Offenburg«

2 Fischer u. Blanckenhagen WV 355.

3 Schloss Heiligenberg nördlich des Bodensees.

4 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 353 e und 280.

5 Fischer und Blanckenhagen WV 277 und 278.

6 Carl Egon II Fürst zu Fürstenberg (1796-1854).

7 Amalie Christine Karoline Fürstin zu Fürstenberg (1795-1869).

8 Fischer und Blanckenhagen WV 357.

9 Fräulein von Frosch, Offenburg (siehe Fischer und Blanckenhagen WV 357).

10 Fischer und Blanckenhagen WV 254.

11 Josefine Ellenrieder (1785-1871), Schwester der Künstlerin.

12 Anna Marie Detrey (geb. 1807), Nichte der Künstlerin. Seit dem 1. Dezember 1836 verheiratet mit dem praktischen Arzt Dr. Carl Anton Burkart.

 

 

103      [GSA 52/I,3.4]1                                                                                                 [Konstanz, 2. März 1837]

 

            Schon so lange, mein lieber Freund! habe ich nichts mehr von Ihnen gehört! Nur einmal wurde mir aus einem öffentlichen Blatt etwas mitgetheilt, es enthielt viel Rühmliches, aber auch Eitles; – haben Sie sich noch nicht gebeßert? –

 

Auch ist mir wie ein Traum, Sie hätten mein leztes Briefchen unbeantwortet gelaßen. Ich erscheine also hier, Sie freundlich zu ermahnen daß Sie doch auch recht bald einmal mit einem Briefchen mich erfreuen. Ich hoffe nicht daß Sie zürnen daß ich meine Zeilen einem ehrwürdigen Mann* mitgab, der mir so Gott will nach 3 Monaten viel Mündliches von Ihnen erzellen kann: länger ist sein Urlaub nicht; er ist Hofgerichtsrath: aber so gut er auch seinem profanen Amte obliegt, schwärmt sein Geist doch immer in höherer Richtung, und ich bin überzeugt daß er in Rom selig sein wird.

 

Käme nur auch einmal Einer von Ihnen an mich gesannt, wie entzückend wäre meine Freude, ach! ich glaube bald, wir sinds nicht würdig das Einer aus dem Santa Roma! bei uns erscheint!

 

Mann wird bei uns immer kälter, alle alten ehrwürdigen Gebräuche werden nach & nach als verächtlich abgeschafft. – Nur Vernunft & Verstand wird gepredigt und so jedem Gottliebenden Menschen die Andacht aus dem Herzen geraubt: man möchte weinen über das Betragen der meisten unserer Geistlichen. – Doch, ich habe Ihnen von Kunst schreiben wollen und von mir, Ich habe im lezten Sommer wieder ein Altarbild gemalt,2 und noch viel Anderes vorher & nachher; und jezt vollendete ich eben ein Bild, das sich erhöbende Gemüth darstellend,3 losgerißen von allen irdischen Sorgen & es kömt nach Manschester; dan eine Bäurin die ihre Kinder das bethen lehrt,4 nach Lyon wo auch schon einige von mir sind. Sie sehen daß ich fleißig war: aber doch mußte ich diesen Winter Krankheit halber lange aussetzen: ein Umstand der mich im Anfang sehr betrübte, nemlich daß ich nicht mehr arbeiten dürfte, später sah ich aber wohl ein daß es heilsam war, denn da kömmt man zur Einsicht wie sehr mann noch am Zeitlichen hängt. Es geschieth wirklich nichts, wofür man nicht zu danken hat! – ! Bedauern Sie mich also ja nicht, sondern wenn Sie an mich denken mögen, denken Sie mich immer zufrieden: und schon lange sogar mit dem seligen Gedanken umgehend noch einmal nach Italien zu wandern, wenn auch nur nach Venedig (welches ich noch nicht sah). Rom wäre zu viel Glück für mich! ich achte es schon fast für zu Viel auch nur die Gränze dieses theuren Landes zu betretten wo ich so himmlisch glücklich war!

 

Aber Sie! scheinen ganz darinn verbleiben zu wollen. Sagen Sie mir auch etwas von Ihrer schönen Equipasch und von Ihrem üppigen Leben, und von dem egiptischen Zimmer, und von dem neuen Büchlein daß Sie über Kunst heraus gaben,5 auch von dem Papst etwas und von Overbecks großem Bilde und anderer Künstler dieser Art, und ob der alte Sinn noch herrscht. Und ob alles theurer als damals ist, welches nun schon Mehrere sagten, was ich nicht gerne glaubte.

 

Von meiner li Frd Predel, Grassis6 hörte ich schon mehrere Jahre nichts mehr: auch von der Seidler7 seit einem Jahr nichts: von Herrn v: Reinholds8 aber immer, durch den liebenswürdigen Herrn von Wessenberg:9 sie leben zufrieden und die köstliche Frl Marie hat kein Verlangen nach Ausßen sie weist ihr kindliches Glück in seinem vollen Wehrte zu schätzen.

 

Nun lieber Freund! sage ich Ihnen mein herzlichstes Lebewohl und meine treue Verehrung.

 

Sagen Sie auch Thorwalzen10 viel Schönes von mir, Veits11 & Overbecks,12 Kirner13 und andern von damals wie Rittich14 etc O, grüßen Sie mir das Ganze Rom mit Allem was drin ist!!!

 

Konstanz den 2ten März                                                                                        Marie Ellenrieder

                                   1837.

 

* Herr Baer15

 

 

1 Brief adressiert an:             

                                                »Monsieur

Monsieur August Kestner, chargé

dafaires de S. Majesté Britanique Roi dHan-

novre                                    

Rome«

2 Madonna mit dem Kind für die Eberhardskirche in Stuttgart, im 2. Weltkrieg zerstört.

3 Nicht bei Fischer und Blanckenhagen.

4 Vergleiche Fischer und Blanckenhagen WV 254.

5 »Wem gehört die Kunst?«

6 Katharina von Predl, verh. Grassis de Predl (1790-1871).

7 Louise Seidler (1786-1866), Malerin aus Weimar.

8 Johann Gotthard von Reinhold (1771-1838), niederländischer Gesandter.

9 Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774-1860).

10 Bertel Thorvaldsen (1770-1844), dänischer Bildhauer.

11 Johann Veit (1790-1854), Maler aus Berlin.

12 Johann Friedrich Overbeck (1789-1869), Maler aus Lübeck.

13 Johann Baptist Kirner (1806-1866), Historienmaler aus Furtwangen.

14 Peter Rittig (1779-1840), Historienmaler aus Koblenz, seit 1816 in Rom.

15 Ernst Baer (1794-1843), Regimentsauditor in Konstanz, ab 1828 Hofgerichtsrat in Freiburg (s. Karl von Wechmar, Handbuch für Baden und seine Diener, Heidelberg 1846). Baer betätigte sich auch als Maler und Zeichner. Er war Mitglied der romantischen Malschule um Georg Wilhelm Issel.

 

 

104      [FFS Donaueschingen]1                                                                                    [Konstanz, 18. Mai 1837]

Marie Ellenrieder Donaueschingen                                       Euer Hoheit

Allergnädigste Fürstin!

 

 Ein Engelein bringe die Pottschafft daß nun das Porträt der verklärten Prinzeßin Henriette2 vollendet ist.

 

Euer Hohheit können also gnädigst mir anzeigen lassen, wann ich es (in ein Kistchen wohl verwahrt) dem Postwagen übergeben soll? In einer Nacht hat es sodann sein Ziel erreicht, und ich hoffe auch den Zweck nicht verfehlt, dem Geist und Herzen eine freundliche Erscheinung zu werden.

 

Die Wenigen, die das liebe Prz: Henriettchen kannten fanden es ähnlich: z. b. Fr: Fürstin Salm3; Hr: v: Wessenberg4, und besonders Hr: v: Reischach5; selbst mir, war es ein paar mal als sehe ich es augenblicklich lebendig, doch lieber will ich gar nichts gesagt haben, damit Euer Hohheit nicht zu viel erwarten & so, geteuscht werden könnten.

 

Also nur noch, meine treue Verehrung & meine Liebe mit der ich mich Euer Hohheit zu Füßen lege. Und mit 1000 schönen Grüßen den theuren Kindern Allen.

 

                                                     &nbs